Stufenmodelle für den inklusiven Geschichtsunterricht

Einreichfassung vom 23.06.2025
Eingereicht von Sebastian Barsch und Jan-Christian Wilkening. Wir danken Burkhard Ost und Toni Simon für erste Überlegungen zum Themenfeld.

Inhaltsverzeichnis

  1. Abkürzungsverzeichnis
  2. Einleitung zum Fach
  3. Stufenmodelle Teilbereiche
    3.1. Teilbereich A: Zeit & Chronologie
    3.2: Teilbereich B: Historische Arbeitsweisen
    3.3 Teilbereich C: Urteilen
  4. Führerscheine für Kinder und Jugendliche
    4.1: Führerschein für die Überprüfung der eigenen Orientierungskompetenz
    4.2: Führerschein für die Überprüfung der eigenen Methodenkompetenz
    4.3: Führerschein für die Überprüfung der eigenen Urteilskompetenz
    4.4: Führerschein für die Überprüfung des eigenen Könnens zur Projektarbeit
  5. Exemplarischer Entwurf für das Lernen am gemeinsamen Gegenstand
    5.1: Grobplanung des Projektes zur Ausstellung “Revolutionen in der Geschichte: Alle gleich?”
  6. Entwürfe für die Arbeit an Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen
  7. Kommentierter Überblick über weitere Stufenmodelle
  8. Literaturverzeichnis

1. Abkürzungsverzeichnis

ReMi = Reckahner Modelle zur inklusiven Unterrichtsplanung
SuS = Schülerinnen und Schüler


2. Einleitung zum Fach

Geschichte ist der Umgang mit vergangenen Ereignissen, Jahreszahlen oder Epochen, zugleich soll Historisches Lernen Schülerinnen auch dazu befähigen, aktiv und partizipativ mit der Geschichtskultur umzugehen. Der spätestens seit den 1970er Jahren für den Geschichtsunterricht zentrale Begriff des Geschichtsbewusstseins bezeichnet eine allgemeine Art und Weise, wie Menschen und Gesellschaften mit Vergangenheit und Geschichte generell umgehen (Baumgärtner 2024, 33–34). Es geht beim historischen Lernen also sowohl um die Auseinandersetzung mit der Geschichte selbst, also um eine möglichst genaue Annäherung an das, was einmal geschehen sein könnte und was sich durch Quellen und fachlich fundierte Interpretationen belegen lässt, als auch um die reflektierte Auseinandersetzung mit Geschichte und ihrer Bedeutung für die Orientierung in der Gegenwart und Zukunft. Das Wissen über Epochen, wie sie in der Geschichtsschreibung analysiert werden, kann helfen sich in Auseinandersetzungen über historische Zeiten zu orientieren. Unter Geschichtskultur wird die Gesamtheit der gesellschaftlichen Repräsentationen von Vergangenheit verstanden. Dazu gehören institutionalisierte Bereiche wie die Geschichtswissenschaft selbst oder der Geschichtsunterricht an Schulen. Aber auch Gedenktage, historische Spielfilme und Romane oder Computerspiele, die in der Vergangenheit angesiedelt sind, sind Bestandteil der Geschichtskultur. Die verschiedenen Erscheinungsformen von Geschichte in der Geschichtskultur lassen sich nach dem für die deutschsprachige Geschichtsdidaktik einflussreichen Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen durch die Dimensionen Kognition, Ästhetik, Politik, Moral und Religion charakterisieren. Auf diesen verschiedenen Feldern zeigen sich je spezifische Umgangsweisen mit Geschichte, die hinsichtlich ihrer Reichweite auch von den Schülerinnen reflektiert werden sollten (Rüsen 2013, 234–241).

Zentrale Ziele des Geschichtsunterrichts sind daher die Befähigung zu einem kompetenten Umgang mit der Geschichte, indem die Lernenden in die Lage versetzt werden, diese anhand von Quellen und Darstellungen selbst zu rekonstruieren. Darüber hinaus sollen die Schüler*innen jedoch auch befähigt werden, Produkte der Geschichtskultur zu dekonstruieren, sich also auf der Basis fachlicher Kriterien kritisch mit der Darstellung und Rezeption von Vergangenheit in der Gegenwart auseinanderzusetzen (Schreiber et al. 2006). Für all dies wird ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein als zentral erachtet, das sich dieser verschiedenen Facetten von Geschichte bewusst ist und auch die Perspektive einbezieht, dass Geschichte nicht ein Abbild der Vergangenheit ist, sondern eine Rekonstruktion derselben, die durch verschiedene Perspektiven, Standpunkte und Wertvorstellungen geprägt ist. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Geschichtsbewusstsein in der geschichtsdidaktischen Theorie eine allen Menschen innewohnende Eigenschaft ist, insofern der Umgang mit Zeit und Zeitlichkeit und damit mit Wandel für alle auf unterschiedlichen Ebenen relevant ist (Körber 2024). Dies kann von autobiographischen Erfahrungen auf der Ebene der Veränderungen von heute, morgen, Älterwerden usw. bis hin zu umfassenden geschichtstheoretischen Reflexionen über Kontinuität und Wandel in der Geschichte reichen. Der schulische Unterricht zielt nun darauf ab, dieses Geschichtsbewusstsein fachlich angemessen zu unterstützen, so dass die Herausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins unterstützt wird. Historisches Lernen kann somit als ein lebenslanger Prozess verstanden werden, der Menschen nicht nur in gelenkten Systemen wie der Schule dazu bringt, Wissen und Vorstellungen über die Vergangenheit regelgeleitet aufzubauen und fachlich angemessen zu bewerten (Schreiber et al. 2006, 21). Die Überprüfung des eigenen historischen Wissens und der eigenen historischen Vorstellungen kann und soll Menschen ein Leben lang begleiten, da Geschichte immer wieder neu interpretiert und auch (politisch) instrumentalisiert wird. Um Lernende auf dem Weg zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein zu unterstützen, wurden verschiedene Verfahren entwickelt, die sich unter dem Stichwort „historisches Denken“ zusammenfassen lassen können und Lernende dabei unterstützen sollen, historische Kompetenzen für ihr Leben aufzubauen.

Historisches Denken
Zentral für den Geschichtsunterricht und seine Bezugsdisziplin, die Geschichtswissenschaft, ist die Annahme, dass Geschichte immer in Form einer Erzählung transportiert wird. Denn Geschichte selbst ist nicht greifbar oder unmittelbar erfahrbar. Vielmehr muss sie immer über Artefakte der Vergangenheit, also vor allem Quellen, interpretiert und vor dem Hintergrund aktueller Fragestellungen eingeordnet werden. Dieses als narratives Paradigma bezeichnete Kernelement weist somit auch darauf hin, dass die Schüler*innen die Gestaltungsprinzipien historischer Erzählungen erlernen und erkennen sollen. Grundlegend bedeutet das also, dass man dann über historische Kompetenzen verfügt, wenn man solche Erzählungen in ihrem narrativen Charakter erkennen kann. Pandel benennt sechs zentrale Prinzipien, die eine historische Erzählung als historische Erzählung auszeichnen und die es im Rahmen historischen Lernens zu thematisieren gilt (2015, 75–90):

  • Retrospektivität: Geschichte wird immer retrospektiv geschrieben. Dies zu erkennen ist eine zentrale Fähigkeit, um historische Erzählungen einordnen zu können. Das bedeutet zum Beispiel, dass diejenigen, die Geschichte rekonstruieren, in der Regel mehr wissen als die Zeitgenossen, über die sie Geschichte schreiben, weil sie wissen, was nach den Ereignissen geschehen ist.
  • Temporalität: Schülerinnen müssen sich bewusst werden, dass Geschichte eine Zeitspanne zwischen mindestens zwei Ereignissen ist. Geschichte zeichnet sich durch Kontinuität und Wandel aus. Vor allem aber wird in der Geschichte immer eine Chronologie konstruiert. Selektivität: Den Schülerinnen muss bewusst werden, dass jede Geschichte von Auswahlprozessen der zu untersuchenden Quellen und Perspektiven geprägt ist. So kann ein und dasselbe historische Ereignis durchaus unterschiedlich interpretiert werden.
  • Konstruktivität: Den Schülerinnen muss bewusst sein, dass Geschichte(n) immer Konstruktionsprinzipien folgen und erzählt werden. Jede Geschichtserzählung hat einen Anfang und ein Ende und beinhaltet dramaturgische Elemente. Es gibt zudem Erklärungen, die einen Appellcharakter an die Lesenden haben.
  • Partialität: Den Lernenden soll bewusst werden, dass eine historische Erzählung einerseits durch die Perspektive der Historikerinnen geprägt ist, aber natürlich auch jeweils eine zeitlich und räumlich begrenzte Geschichte ist. Es gibt keine universelle Geschichte.

Bereits in diesem Modell wird die Bedeutung eines multiperspektivischen Ansatzes für das historische Lernen betont. Das Prinzip der Multiperspektivität folgt dem narrativen Paradigma und dem konstruktivistischen Geschichtsverständnis. Im Kern bedeutet Multiperspektivität, dass sich Geschichtsdeutungen je nach Standpunkt der Beteiligten verändern können. Dies umfasst sowohl den eigenen Standpunkt der Personen, die Geschichte rekonstruieren, als auch die verschiedenen Perspektiven in den Quellen selbst. Ein historischer Sachverhalt kann unterschiedlich dargestellt und wahrgenommen werden. Für die Ebene des Unterrichts bedeutet Multiperspektivität zudem, dass auch die verschiedenen Sichtweisen der Schülerinnen berücksichtigt und umgekehrt unterschiedlich geprägt werden. Für die konkrete Situation des Unterrichts bedeutet dies, dass sich die Schülerinnen der unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Akteure von Geschichte bewusst werden sollen (Bergmann 2016; Lücke 2017). Schon hier wird deutlich, dass ein einfaches Hineinversetzen in die Wahrnehmung von Menschen in der Vergangenheit nicht möglich ist. Denn so sehr dies auch versucht wird, gilt auch für das historische Lernen, dass „Alteritätserfahrung“ immer begrenzt ist und die Fremdheit der Geschichte trotz aller Versuche, sich dieser methodisch und imaginativ anzunähern, bestehen bleibt (Wystub 2022).

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Vergangenheit trotz aller Versuche, sich ihr möglichst objektiv zu nähern, niemals objektive Geschichte werden kann. Ein zentrales operationales Ziel des Geschichtsunterrichts liegt daher auch darin, dass die Schülerinnen innerhalb dieser verschiedenen Zeitebenen Orientierung finden und die jeweils behandelten historischen Sachverhalte beurteilen können. Historische Urteilskompetenz kann somit gleichsam als Ziel historischen Lernens wie auch als dessen grundlegender Zugang betrachtet werden. In der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik hat sich ein Dreischritt etabliert, der auch in vielen schulbezogenen Aufgabenformaten Verwendung findet. Der von Karl Ernst Jeismann erstmals in den Diskurs eingebrachte Dreischritt von Analyse, Sachurteil und Werturteil soll die Schülerinnen darin unterstützen, historische Sachverhalte auf der Basis von Quellen und Darstellungen durchaus erst einmal sachlich zu analysieren und historisch einzuordnen (Jeismann 2000, 63–64). Ein historisches Sachurteil beurteilt historische Sachverhalte nach ihren Ursachen und Folgen. Es ist erklärend und basiert auf Quellen sowie theoretischen Annahmen, die aber durchaus subjektiv oder zeitaktuell geprägt sein können, z.B. in Bezug zu einer aktuellen geschichtswissenschaftlichen Theorie. Ein Sachurteil ist daher nicht neutral, sondern von persönlichen Präferenzen und aktuellen Theorien beeinflusst. Ein historisches Werturteil setzt sich normativ mit der Vergangenheit auseinander. Es bewertet historische Ereignisse oder Personen anhand gegenwärtiger Werte und Normen (z.B. ethischer oder rechtlicher Maßstäbe). Die Bewertung zeigt die normative Position des Urteilenden und erfolgt sprachlich meist durch wertende Adjektive oder performative Verben (Fenn & Zülsdorf-Kersting 2023, 27–39). Dabei geht es jedoch nicht um bloße Meinungsäußerungen, sondern um ein kriteriengeleitetes Argumentieren.

Historische Kompetenzen

In der Geschichtsdidaktik haben sich verschiedene Kompetenzmodelle etabliert. Diese unterscheiden sich zwar in einigen Punkten, weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf. So betonen alle Modelle die Relevanz, dass die Schülerinnen selbst Fragen an die Geschichte stellen, also eine intrinsische Motivation zum historischen Sachverhalt aufbauen. Im Gegensatz zu allgemeinen Fragen fokussieren historische Fragen stets zeitliche Komponenten, indem sie beispielsweise nach Geschehnissen in der Vergangenheit fragen (z.B. Warum brach der Zweite Weltkrieg aus?) oder einen Zeitpunkt in der Vergangenheit in Bezug zu einem weiteren Zeitpunkt in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft setzen (z. B. Warum ist der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auch heute noch von Relevanz?). Oder anders ausgedrückt: Historische Fragekompetenz ist essenziell für die Konstruktion von Geschichte, da Geschichte erst durch gezieltes Fragen entsteht. Historische Fragen unterscheiden sich von allgemeinen Fragen durch ihre Orientierung an der Vergangenheit, ihre selektive und perspektivische Natur sowie ihre Funktion, Gegenwart und Zukunft zu deuten. Sie erfordern spezifische Methoden wie Quellenkritik und Heuristik und führen zu narrativen Konstruktionen, die empirisch, kohärent und normativ triftig sein müssen (Schreiber, 2008). Zentrale Annahme historischer Kompetenzmodelle ist zudem, dass nicht nur die Re- und Dekonstruktion von Geschichte im Mittelpunkt steht, sondern auch die Ausbildung einer historischen Urteilskompetenz. Zentral ist somit auch die epistemologische Prämisse, dass Geschichte als Konstruktion verstanden wird – wodurch die narrative Kompetenz adressiert wird, die zum einen selbst Strukturmerkmale in die produktive Herstellung von Geschichte einbezieht, zum anderen aber auch ein Verständnis für die Konstruiertheit von Geschichte adressiert. Für alle Modelle gilt zudem, dass die Schülerinnen über methodische Kompetenzen verfügen müssen, um Geschichte aus Quellen und Darstellungen zu rekonstruieren oder Darstellungen zu dekonstruieren. Und schließlich geht es auch um die Förderung von Sachkompetenz unter Einbeziehung deklarativen Wissens, also dem Wissensaufbau über Fachbegriffe und Konzepte (z. B. Epoche, König …). Im Folgenden sollen exemplarisch zwei Modelle näher vorgestellt werden, die auch den hier vorgestellten Unterrichtsvorschläge zugrunde liegen und sich insbesondere hinsichtlich ihrer Operationalisierung der Kompetenzbereiche ähneln. Dies ist zum einen das für die Primarstufe entwickelte Kompetenzmodell der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) und zum anderen das Modell der FUER-Gruppe (=Förderung und Entwicklung von reflektiertem und (selbst-)reflexivem Geschichtsbewusstsein), das den Anspruch erhebt, historische Kompetenzen altersunabhängig, also auch über die Schulzeit hinaus, zu definieren.

Das GDSU-Modell konzentriert sich auf die historische Perspektive des Sachunterrichts mit dem Schwerpunkt Zeit und Wandel und unterscheidet zwischen Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen sowie Themenbereichen (Becher, Gläser & Pleitner 2016, 10):

Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen:

  • Historische Fragekompetenz: Fähigkeit, gezielt Fragen zu vergangenen Ereignissen und deren Bedeutung zu formulieren.
  • Historische Methoden- und Medienkompetenz: Nutzung von Quellen und Darstellungen zur Analyse und Interpretation historischer Sachverhalte.
  • Historische Narrationskompetenz: Entwicklung und Präsentation von sinnhaften, überprüfbaren Erzählungen auf Basis historischer Erkenntnisse.

Themenbereiche

  • Orientierung in der historischen Zeit: Verständnis für zeitliche Abfolgen, Chronologie und historische Zusammenhänge.
  • Alterität und Identität: Auseinandersetzung mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Vergangenheit und Gegenwart zur Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins.
  • Dauer und Wandel: Erkennen von Veränderungen und Kontinuitäten in der Geschichte.
  • Fakten und Fiktion: Kritische Reflexion über historische Darstellungen und deren Wahrheitsgehalt.

Das FUER-Modell historischer Kompetenzen gliedert sich in vier Kompetenzbereiche (Schreiber 2008):

  1. Historische Fragekompetenz
    a) Fähigkeit, eigene historische Fragen zu stellen (inhaltlich, methodisch, theoretisch).
    b) Fähigkeit, Fragestellungen in bestehenden historischen Narrationen zu erkennen und zu verstehen.
  2. Historische Methodenkompetenz
    a) Re-Konstruktionskompetenz: Entwicklung eigener historischer Narrationen auf der Basis von Quellen und Methoden.
    b) De-Konstruktionskompetenz: Analyse und kritische Reflexion bestehender historischer Narrative.
  3. Historische Orientierungskompetenz
    a) Re-Organisationskompetenz: Reflexion und Anpassung des eigenen Geschichtsbewusstseins.
    b) Welt- und Fremdverstehen: Erweiterung des eigenen Geschichtsbildes um historische Perspektiven.
    c) Reflexion der eigenen historischen Identität.
    d) Historisch begründete Handlungsdispositionen.
  4. Historische Sachkompetenz
    Begriffskompetenz: Verstehen und Anwenden historischer Begriffe und Konzepte.
    Strukturierungskompetenz: Fähigkeit, historische Sachverhalte systematisch zu strukturieren.

Diese Kompetenzbereiche überlappen einander (gerade in der praktischen Anwendung können die verschiedenen Facetten nicht getrennt voneinander wirken) und werden je in verschiedene Niveaustufen (basal, intermediär, elaboriert) abgestuft.

Erschwerend für die allgemeine Unterrichtspraxis kommt hinzu, dass in den Bundesländern teilweise noch andere Bezeichnungen für die verschiedenen Kompetenzbereiche gewählt wurden. So kann z.B. für die Lehrpläne in Nordrhein-Westfalen der Begriff der Handlungskompetenz in vielen Teilen als gleichbedeutend mit der Orientierungskompetenz angesehen werden, insofern es darum geht, durch die Auseinandersetzung mit Geschichte und Vergangenheit die Praktiken der eigenen Lebensführung in der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Fragekompetenz des FUER-Modells ist in anderen Lehrplänen teilweise in die Sachkompetenz integriert. Für die unterrichtliche Planung gilt es zu berücksichtigen, dass trotz der verschiedenen Begrifflichkeiten die dahinter liegenden Prinzipien adressiert werden sollen.

Allen Kompetenzmodellen im Kontext historischen Lernens ist zudem gemeinsam, dass das Urteilen bzw. Bewerten historischer Sachverhalte zentral für einen kompetenten Umgang mit Geschichte ist. Aus diesem Grund haben wir auf der praktischen Ebene auch ein Stufenmodell zur Urteilskompetenz eingefügt, auch wenn diese je nach Kompetenzmodell als Metakompetenz verstanden und nicht immer als eigener Kompetenzbereich definiert wird.

Historisches Lernen und Inklusion

Die geschichtsdidaktische Forschung im Kontext inklusiven historischen Lernens hat sich in den letzten Jahren etwas intensiviert. Obwohl hier also verstärkte Bemühungen zu verzeichnen sind, muss insgesamt gesagt werden, dass das Wissen insbesondere über die empirisch belegte Wirksamkeit verschiedener Verfahren noch recht überschaubar ist. Grob zusammengefasst lässt sich der Stand des inklusiven historischen Lernens wie folgt beschreiben (zusammengefasst nach Barsch 2023):

Ein inklusiver Geschichtsunterricht berücksichtigt die Vielfalt der Lernenden in mehrfacher Hinsicht. Diversität bezieht sich nicht nur auf sonderpädagogische Förderbedarfe, sondern auch auf soziale, kulturelle und sprachliche Unterschiede. Der Unterricht sollte nicht auf bestimmte Gruppen zugeschnitten, sondern für alle zugänglich sein. Das bedeutet, dass Lehrkräfte Vorannahmen hinterfragen und individuelle Lernvoraussetzungen diagnostizieren sollten. Ein diversitätssensibler Ansatz ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen in den Unterricht einzubeziehen. Beispielsweise kann Geschichte nicht nur aus einer eurozentrischen Perspektive erzählt werden, sondern auch postkoloniale und marginalisierte Narrative einbeziehen. Sprachliche Barrieren können durch Scaffolding, Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit oder die Verwendung einfacher bzw. Leichter Sprache abgebaut werden. Methodisch sollte der Unterricht sowohl individuelle Aneignung als auch kooperative Lernformen fördern. Historisches Denken entwickelt sich interaktiv, weshalb Austausch und Aushandlung zentral sind. Darüber hinaus sollte die Selbstständigkeit der Lernenden gefördert und ihre Fragen und Interessen aktiv einbezogen werden. Diagnostische Verfahren helfen, individuelle Lernprozesse zu begleiten, statt nur Leistungen zu bewerten. Unterschiedliche Lernvoraussetzungen sollten durch differenzierte Materialien berücksichtigt werden. Inklusion bedeutet also nicht nur, Barrieren für Einzelne abzubauen, sondern den Unterricht für alle zugänglich und relevant zu gestalten. Wenn Inklusion also nicht nur von der sonderpädagogischen Förderung her gedacht wird, stellt sich generell die Frage, ob die allgemeinen Aspekte und Themen der Geschichtsdidaktik nicht ohnehin Berücksichtigung finden. Auch wenn dies in weiten Teilen zutreffen mag, so lässt sich doch gleichzeitig sagen, dass insbesondere auf der methodischen Ebene und der Ebene der Differenzierung mit unterschiedlichen Lerngegenständen und theoretischen Zugängen bislang häufig noch eine Orientierung an hohen kognitiven Leistungen erkennbar ist. Die Berücksichtigung von Diversität im historischen Lernen hat jedoch Einfluss auf die Reichweite geschichtsdidaktischer Theorien, vor allem aber auch auf die Frage, inwieweit methodisch etablierte Zugänge tatsächlich historisches Lernen für alle ermöglichen oder verhindern (für eine vertiefte Übersicht siehe Barsch et al. 2020).

Zusammenfassung

Fasst man diese komplexen Anforderungen zusammen, so lässt sich festhalten, dass historisches Lernen vor allem darauf abzielt, spezifische vergangenheits- und geschichtsbezogene Denkoperationen bei den Lernenden zu fördern. Während das übergeordnete Ziel die eher allgemeine Ausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins ist, das zur Teilhabe an einer Gesellschaft und ihrer Geschichtskultur befähigen soll, beziehen sich die Teilkompetenzen auf spezifisches fachliches Handeln. Diese bilden gewissermaßen die Basis, auf der spezifische, in Gesellschaften jeweils neu ausgehandelte und als bedeutsam erachtete historische Inhalte den konkreten Gegenstand historischen Lernens thematisieren. Diese inhaltlichen Aushandlungsprozesse finden ihren Niederschlag sowohl in geschichtskulturellen Debatten in der Gesellschaft als auch in den Lehrplänen. Auf der inhaltlichen Ebene bedeutet dies, dass nicht nur die prägnanten Inhalte der konsensfähigen Epochen im Mittelpunkt stehen, sondern auch Aspekte wie Sozial- und Alltagsgeschichte neben der Politikgeschichte zentral sind. Konkret ist damit gemeint, dass die hier vorgestellten Operationen und Kompetenzen ebenso auf Themen wie die Stadt im Mittelalter, wie Ausgrenzung im Nationalsozialismus oder Umweltgeschichte in globaler Perspektive angewendet werden können. Um die theoretischen und konzeptionellen Prämissen in ihrer wechselseitigen Bezogenheit zu verdeutlichen, veranschaulicht das folgende Schaubild die einzelnen Facetten und ihr Verhältnis zueinander (Abb. 1).

Abb. 1: Schematische Darstellung der theoretischen und konzeptionellen Prämissen von Geschichtsunterricht (eigene Darstellung).


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Stufenmodelle Geschichte

3. Stufenmodelle Teilbereiche

Für das Fach Geschichte wurden die verschiedenen ReMi-Stufenmodelle entlang der Grundanforderungen an historisches Denken und Lernen konzipiert. Das bedeutet, dass vor allem solche Zugänge zur Geschichte bevorzugt werden, die das historische Denken und weniger das Auswendiglernen bestimmter historischer Fakten in den Mittelpunkt stellen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass Wissen über Sachverhalte einbezogen wird. Historische Kompetenz bedeutet, dass bestimmte historische Denkprozesse auf historische Sachverhalte, also Ereignisse, angewendet werden. Die folgenden Teilbereiche verfolgen daher eine doppelte Ausrichtung: Zum einen sollen spezifische Denk- und Handlungsweisen und Kompetenzen in den Mittelpunkt gerückt werden, zum anderen sollen solche historischen Sachverhalte angesprochen werden, die in unserer Gegenwart und damit auch in den meisten schulischen Curricula als besonders bedeutsam erachtet werden. Gleichzeitig sollen diese Beispiele auch zeigen, dass andere Themen gewählt werden können, um ähnliche oder gleiche Denk-, Arbeits- und Herangehensweisen zu thematisieren. Für den schulischen Geschichtsunterricht kann dies z.B. bedeuten, dass das Thema Revolution die Ereignisse der Französischen Revolution, der Amerikanischen Revolution oder auch der so genannten friedlichen Revolution von 1989 zum Gegenstand haben kann.

Für die einzelnen Stufenmodelle werden jeweils auch weiterführende praxisorientierte Literaturangaben angeboten. Die Anregungen in den einzelnen Lernbausteinen sind konkret genug formuliert, um einen Einblick zu erhalten, was getan werden kann und gleichzeitig offen genug, damit sie für die einzelnen Lerngruppen angepasst werden können.

Die Niveaustufen sollen Orientierung bieten, die einzelnen Niveauzuordnungen können sich überlappen.

3.1. Teilbereich A:
Zeit & Chronologie

Der erste Teilbereich befasst sich mit grundlegenden Facetten der Orientierungs- und Sachkompetenz. Hier geht es um die Erfassung gängiger Zeiteinteilungssysteme, die auch unabhängig von spezifisch historischen Zugängen für die Lebensführung unverzichtbar sind. Darüber hinaus werden aber auch Facetten wie Wandel und historisches Begriffswissen adressiert. Insofern auch mit historischen Fachbegriffen – wie eben Epochen – gearbeitet wird, werden auch Facetten historischer Sachkompetenz angesprochen.

Stufenmodell 1: Zeit/ Zeitbewusstsein

Tabelle: Stufenmodell 1: Zeit/ Zeitbewusstsein

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS können artikulieren, wie sie verschiedene Tageszeiten empfinden.Ich kann durch meine Bewegungen, Mimik und Gestik anzeigen, ob ich verschiedene Tageszeiten bzw. Lichtverhältnisse mag oder nicht.Ausgangspunkt der Überlegungen über Zeit sind basale Experimente mit Lichtverhältnissen. Dafür können zum Beispiel an unterschiedlichen Lernorten (z. B. Klassenram oder Sporthalle) zu divergierenden Zeitpunkten (z. B. morgens in der ersten oder mittags nach der letzten Schulstunde) Lichtverhältnisse wahrgenommen, beobachtet und besprochen werden. Ziel dieser Experimente ist es, SuS dafür zu sensibilisieren, dass es unterschiedliche Zeiten gibt, die beispielsweise anhand von Lichtverhältnissen sichtbar werden können.
xDie SuS nehmen den Wechsel von Tag und Nacht wahr.Ich kann Tag und Nacht unterscheiden.Die Lernenden arbeiten entweder mit autobiografischem Material wie einem Ich-Buch und orientieren sich an der Frage, worin der Unterschied zwischen ihren Tätigkeiten am Tag und in der Nacht besteht. Ebenso können verschiedene Zuordnungsaufgaben zu bestimmten Tätigkeiten auf einer Vorlage Tag und Nacht angeordnet werden. Die Vorlage Tag und Nacht ist ein Beispiel. Die Schablone kann entweder zwei Seiten enthalten, hier eine für Tag und eine für Nacht, oder sie kann komplexer sein, so dass später auch Zwischenformen wie Tageszeiten und Uhrzeiten eingeführt werden können. Dazu könnte z.B. eine kreisförmige Vorlage mit zunehmender bzw. abnehmender Helligkeit verwendet werden, der die Lernenden typische Bilder zuordnen.
xDie SuS können verschiedene Tageszeiten unterscheiden.Ich weiß, dass es verschiedene Tageszeiten gibt.Die bisherigen Aktivitäten können hier erweitert werden. Auch hier kann im Rahmen des persönlichen Tagesablaufs überlegt werden, was typische Situationen zu typischen Tageszeiten sind. Es ist auch möglich, Tätigkeiten in ein Tageskreismodell einzufügen oder Bilder zu bestimmten Tätigkeiten hinzuzufügen. Thematisiert werden kann auch das zyklische Zeiutempfinden der Lernenden, etwa der Rhyhtmus zwischen Schule und Zuhause etc. Visualisiert werden kann der Tagesablauf auch durch haptisches Material wie Tagesketten.
Die SuS können Jahreszeiten unterscheiden.Ich weiß, was Frühling, Sommer, Herbst und Winter ist. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen ordnen die Lernenden typische Lernaktivitäten bestimmten Jahreszeiten zu. Auch hier kann eine zyklische Perspektive eingenommen und thematisiert werden. Dass der Jahreskreis aufeinander folgt. Haptisch oder visuell könnte z.B. ein Vierteljahreskreis hergestellt werden, in dem die einzelnen Jahreszeiten jeweils ein Viertel einnehmen. Und evtl. außen am Rand schon die Monate stehen. In die einzelnen Jahreszeiten können bestimmte Figuren gestellt werden, z.B. eine Spielfigur mit Schlitten. Der Jahreskreis kann als Grundlage für die weiteren Schritte verwendet werden. So können nach und nach Wochen oder Tage hinzugefügt und die Geburtstage der Kinder eingetragen werden.
xxDie SuS können "früher", "jetzt", "später" bzw. "gestern", "heute", "morgen" unterscheiden.Ich kann mich an die Zeit vor "Jetzt" erinnern. Ich kann darüber nachdenken, was später kommt.Neben ähnlichen Ansätzen wie zuvor (was habe ich gestern gemacht, was mache ich heute, was werde ich morgen machen), also eher auf die eigenen Aktivitäten bezogen, kann hier bereits gut eine Anbahnung mit historischen Lernmedien erfolgen. So können etwa auch hier Bildzuordnungen vollzogen werden, wobei neben historischen Quellen auch solche aus eher gegenwärtigen Kontexten genutzt werden und die Schüler*innen die drei Felder früher, heute, morgen oder Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft einordnen sollen. Insbesondere das Feld Zukunft kann und sollte natürlich frei bleiben, sofern keine Medien aus der Zukunft vorliegen. Aber auch hier kann schon mit den Schüler*innen erarbeitet werden, wie es in der Zukunft sein könnte. Entweder im persönlichen Nahfeld, bei sich selbst oder in der Familie, oder auch in einer weiter entfernten Zukunft. Eine Möglichkeit ist auch, mit bestimmten Büchern zu arbeiten, die den Wandel der Zeit thematisieren. Zum Beispiel das Buch "Die Straße" von Gerda Raidt und Christa Holtei, in dem die Entwicklung einer Straße über einen Zeitraum von 100 Jahren exemplarisch dargestellt wird.
xxDie SuS erleben Wachstum und Größerwerden.Ich erlebe, dass ich älter werde. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal jünger war.Meist im Kontext des Sachunterrichts und damit für Kinder gedacht, ist die Arbeit mit Ich-Büchern geeignet, kann aber auch bei älteren Lernenden bevorzugt werden. Der Schwerpunkt liegt dann weniger auf der Persönlichkeitsentwicklung in all ihren Facetten, sondern auf der Veränderung. Hier ist insbesondere die Biografiearbeit zu nennen. Zahlreiche Medien aus dem eigenen Alltag bilden den Kern dieser Thematisierung, z.B. können hier Fotos aus verschiedenen Lebensjahren in eine chronologische Reihenfolge gebracht und mit Hintergrundinformationen kontextualisiert werden, um so auch die jeweilige Bedeutung bestimmter Lebensphasen zu verdeutlichen. Anregend sind in diesem Zusammenhang auch Fragen, bei denen eher unspektakuläre Aspekte der eigenen Biografie, wie z.B. die Lieblingsfarbe, dann relevant werden, wenn sie sich z.B. verändern. Dies gilt z.B. auch für Berufswünsche etc. Hier wäre ein Ansatzpunkt zu überlegen, was zu diesen Veränderungen geführt haben könnte. Eine Erweiterung ist das Erstellen der eigenen Lebensgeschichte.
xDie SuS entwickeln ein Verständnis für Jahreszahlen.Ich weiß, was ein Jahr ist. Ich weiß, in welchem Jahr wir leben. Ich verstehe, dass nach einem Jahr ein neues jahr kommt.Ausgangspunkt einer solchen Lerngelegenheit kann die Frage sein, was z.B. ein Schuljahr von einem anderen unterscheidet. Auch hier kann, wie in den vorangegangenen Schritten, mit einer Kreisdarstellung gearbeitet werden, um auch den zyklischen Charakter der Jahreszahlen zu verdeutlichen. Neben den Jahreszeiten und Monaten können auch wiederkehrende Feiertage eingetragen werden. Die Arbeit mit Zeitleisten, die maßstabsgetreu sein müssen (d. h. der Abstand zwischen den Jahren muss immer gleich sein), erleichtert es den Lernenden, die mathematischen Grundlagen der Jahreszählung zu verstehen. Auf diese Weise können auch die zuvor erstellten Lebensereignisse aus dem Ich-Buch oder der autobiographischen Erzählung in den Zeitstrahl eingeordnet werden. Dieser kann auch über die Zeit der eigenen Geburt hinaus erweitert werden, so dass auch die Eltern und Großeltern mit ihren zentralen Lebensereignissen eingetragen werden können, bis hin zu Zeiträumen, zu denen keine persönliche Beziehung mehr besteht.
xDie SuS können den Kalender verstehen.Ich kenne die Monate. Ich kann mich im Kalender orientieren.Die Lerngelegenheiten der vorhergehenden Schritte können hier vertieft und mit klassischen Kalendern veranschaulicht werden. Dabei handelt es sich um Abreißkalender oder Jahreskalender, in die verschiedene wiederkehrende und einmalige Ereignisse eingetragen werden. Ein Zeitstrahl über einen kürzeren Zeitraum kann auch insofern verfeinert werden, als die Munte ergänzend eingetragen werden. So kann z.B. der Unterschied zwischen zyklischer Zeit und singulären Ereignissen gut veranschaulicht werden. So fällt bei einer Zeitleiste über einen Zeitraum von vier Jahren auf, dass Weihnachten oder andere Feiertage immer wiederkehren, bestimmte ausgewählte historische Ereignisse aber nur einmal vorkommen.
Ebenso kann mit anderen Kalendersystemen als dem westlichen gearbeitet werden. Die Lernenden erfahren so, dass Kalendersysteme und Zeitrechnungen nicht starr für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen gelten, sondern dass je nach Ausgangspunkt und Art der Zählung von Jahren und Zeit (Sonnen- oder Mondjahr) unterschiedliche Kalendersysteme entstehen können.
xDie SuS können in großen Zeitrräumen denkenIch weiß, dass es die Welt auch schon gab, bevor ich geboren wurden.Die SuS erkennen, dass Zeit- und Zeitverlauf nicht immer an das eigene Erleben gebunden ist. Hier können philosophische Fragen über die Welt vor der eigenen Geburt thematisiert werden. Grundlegend kann der Frage nachgegangen werden, woher man überhaupt etwas weiß, was vor der eigenen Geburt existierte. Auch die Frage, ob andere Menschen damals schon ähnliche Dinge getan haben wie man selbst, ermöglicht eine Auseinandersetzung mit einer eher abstrakten Zeit. Das gewohnte Kalendersystem kann verlassen werden, indem erdgeschichtliche Perspektiven eingenommen werden. Hierfür eignen sich Erdzeitleisten oder andere Systeme zur Visualisierung langer Zeiträume (z.B. das "Gehen", wobei ein Schritt ein Jahrzehnt etc. darstellt), die deutlich machen, dass die bei uns üblichen Kalendersysteme nur einen Bruchteil der gesamten Zeit, seit der es die Erde gibt, abbilden. Auch hier kann die Frage gestellt werden, woher wir überhaupt etwas über die Zeit wissen, bevor es Menschen gab.
xDie SuS verstehen, dass es verschiedene Zeitskalen gibt.Ich weiß, dass Zeit auch anders als bei uns meist üblich gemessen werden kann.Ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Zeitmessung und der damit verbundenen Skalierung vermittelt einen Eindruck davon, dass es keine Zeit gibt, die für alle gleich ist. Die physikalische Zeit eröffnet ein Verständnis für Sonnen- und Mondkalender. Geologische Zeit fokussiert auf lange Zeiträume und verdeutlicht den Lernenden, dass erdgeschichtliche Entwicklungen aus menschlicher Sicht extrem langsam verlaufen. Darüber hinaus wird auch das gesellschaftliche und individuelle Zeitempfinden thematisiert. Warum scheinen manche Situationen ewig zu dauern, während andere wie im Flug vergehen? Wie verlässlich ist mein biografisches Gedächtnis in Bezug auf die Zeiteinteilung? Was würde mir einfallen, wenn man mich auffordern würde, mein eigenes System der Zeitmessung zu entwickeln?
xDie SuS lernen, dass Zeiterleben und Erinnerung nicht objektiv istIch erfahre, dass Erinnerungen nicht für alle gleich sind. Ich weiß, dass Erinnerungen falsch sein können.Für das historische Lernen ist die Arbeit mit Zeitzeug*innen oft motivierend. Gleichzeitig sind die Erinnerungen von Zeitzeug*innen nicht verlässlich. Um also erfahrungsbasierte Aussagen über die Vergangenheit kritisch einschätzen zu können, lernen die Schüler*innen sich mit ihrer eigenen Erinnerung auseinanderzusetzen. So können sie z.B. Beobachtungsaufgaben zum Ablauf einer Unterrichtsstunde, die in Einzelarbeit durchgeführt werden, vergleichend daraufhin überprüfen, ob alle Personen auch über einen kurzen Zeitraum einer Unterrichtsstunde die gleichen Erinnerungen haben oder nicht. Es können auch Erinnerungstagebücher geführt werden. Die Schüler*innen schreiben eine Situation auf, die sie gerade erleben und beschreiben sie möglichst eindrucksvoll. Einige Tage später werden sie gebeten, die Situation noch einmal aufzuschreiben, ohne diese Dokumente zu lesen. Ein Vergleich kann zeigen, dass zu den verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Perspektiven eingenommen wurden. Im Internet gibt es einige seriöse Videos, auch zum sogenannten "false memory effect". Dieser besagt im Wesentlichen, dass Faktoren, die nichts mit einem Ereignis zu tun haben, im Nachhinein zu einer Veränderung der Erinnerung führen können. Dies alles soll nicht dazu führen, Zeitzeug*innen grundsätzlich in Frage zu stellen, aber die Schüler*innen dafür zu sensibilisieren, sich nicht kritiklos dem überwältigenden Eindruck einer Zeitzeugengeschichte hinzugeben.

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Bertram, C. (2017). Zeitzeugen im Geschichtsunterricht: Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie. Wochenschau Verlag.
  • Schaub, H. (2002). Zeit und Geschichte erleben: Zeit in der Natur, Umgang mit Zeit, Erfahrung des Wandels (1. Aufl). Cornelsen Scriptor.

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Stufenmodell 2: Epochen

Der Umgang mit Epochen ist für den Lebensalltag wichtig, gleichsam schwierig. Die Schwierigkeit besteht hier zum einen darin, dass Epochen zwar wirkmächtig sind und sowohl in den Fachwissenschaften als auch in der Lebenspraxis eine Bedeutung haben, dass aber deutlich werden muss, dass es sich um Hilfsbegriffe handelt. So kann, und das sollte den Schüler*innen klar sein, nicht behauptet werden, dass etwa zwischen den Jahren 1500 und 1501 tatsächlich ein Unterschied für die realen Zeitgenossen erfahrbar war, auch wenn hier retrospektiv schematisch von der Epochengrenze Mittelalter und Frühe Neuzeit gesprochen wird. Auch gelten die hiesigen Epochenbezeichnungen tendenziell auch meist nur für die mitteleuropäische Geschichte. Epochen helfen aber durchaus, sich in der historischen Zeit zu orientieren.

Tabelle 2: Epochen

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS setzen sich haptisch mit verschiedenen Zeitmessinstrumenten auseinander.Ich kann Unterschiede bei verschiedenen Zeitmessinstrumenten beobachten/erfühlen.Die Lernenden setzen sich zu Beginn der Thematisierung von Epochen mit verschiedenen Zeitmessinstrumenten, wie z. B. Sanduhren, Armbanduhren oder digitalen Uhren, auseinander, indem sie zunächst ausschließlich den Gegenstand als solchen erschließen. Hier können Unterschiede zunächst erfühlt, später beschrieben und ggf. analyisiert werden. Ziel ist es, die SuS damit vertraut zu machen, dass das Messen von Zeit verschiedene Formen annimmt und unterschiedlich dargestellt werden kann.
xxDie SuS setzen sich mit verschiedenen Möglichkeiten der Zeiteinteilungen auseinander.Ich weiß, wie Zeit gemessen wird. Ich weiß, dass es Tage, Jahre und Monate gibt.In diesem Lernbaustein können bereits erworbene Kompetenzen wiederholt oder neu aufgebaut werden. Neben der Arbeit mit Kalendersystemen können Formen der Zeitmessung wie Sanduhr oder Sonnenuhr veranschaulichen, dass Zeitmessung oft zu Skaleneinteilungen führt und oft der physikalischen Zeit folgt. Weitere Ideen können dem Stufenmodell 1 entnommen werden.
xDie Lernenden kennen verschiedene Bündelungen von Zeiträumen, die in der Darstellung von Geschichte oft zur Orientierung genutzt werden. Ich weiß, was Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende sind.In diesem Lernmodul wird eine mathematische Komponente des historischen Lernens angesprochen, indem die Jahre zu Jahresblöcken zusammengefasst werden. Aus mathematischer Sicht ist beispielsweise zu berücksichtigen, dass die Zählung von Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden die Besonderheit aufweist, dass sie entgegen dem Alltagsverständnis mit einer Eins am Ende beginnt (das 19. Jahrhundert beginnt am 1. Januar 1801 und endet am 31. Dezember 1900). Bei dieser mathematischen Perspektive sollte es aber nicht bleiben. Vielmehr sollte auch auf der Sachebene thematisiert werden, welche Funktion solche Einteilungen für die Gesellschaft haben. So kann am Beispiel der Musik thematisiert werden, was typische Musik der 1980er, 1990er und 2000er Jahre war und damit einerseits Kontinuität, aber auch Wandel nachvollziehbar gemacht werden. Anhand einschneidender historischer Entwicklungen kann zudem verdeutlicht werden, dass Beschreibungen bestimmter Jahrhunderte Orientierungsfunktionen haben, etwa wenn die Industrielle Revolution vor allem mit dem 19. verbunden wird.
xDie Lernenden kennen die "klassischen" mitteleuropäischen Epochenbegriffe.Ich kann Antike, Mittelalter und Neuzeit unterscheiden. Ich weiß, dass die Urgeschichte mit der Steinzeit davor lag.

In diesem Modul wird primär Begriffsarbeit geleistet. So können die einzelnen Epochenbezeichnungen jeweils mit Bildern oder Texten, durchaus auch mit historischen Quellen unterlegt werden, um die Charakteristika der Epochen herauszuarbeiten. Dabei werden gewisse Stereotypisierungen nicht ausbleiben. So wird die Antike vor allem mit Quellen aus der griechischen und römischen Antike und das Mittelalter mit Rittern und Burgen verbunden werden müssen, da diese Vorstellungen geschichtskulturell stark verankert sind und Anknüpfungspunkte für die Lernenden bieten. Aber auch hier sollten Stereotype hinterfragt werden. Wenn z. B. die Neuzeit mit klassischen Ereignissen wie der Erfindung des Buchdrucks oder der Entdeckung des amerikanischen Kontinents für die Europäer begründet wird, sollte gleichzeitig bereits erwähnt werden, dass der Buchdruck in anderen Regionen schon früher erfunden wurde und dass der amerikanische Kontinent nicht generell entdeckt wurde - er war ja bereits besiedelt -, sondern aus damaliger europäischer Sicht als neu, als unbekannt galt. Bereits in der Klasse vorhandene Zeitleisten können mit den entsprechenden Epochenbezeichnungen beschriftet werden. Eine digitale Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den "klassischen" mitteleuropäischen Epochenbegriffen bietet die Plattform segu an: https://segu-geschichte.de/epochen-geschichte

xxDie SuS setzen sich kritisch mit Epochenbezeichnungen auseinander.Ich weiß, dass die Epochenbezeichnungen vor allem für die mitteleuropäische Geschichte gelten. Ich weiß, dass die Einteilungen kontrovers betrachtet wird.In diesem Lernmodul kann eine außereuropäische und globalgeschichtliche Perspektive eingenommen werden. Zum einen können außereuropäische Kalender- und Epochenbezeichnungen ausgewählt und auf ihre Spezifika hin untersucht werden. Ebenso kann mit den Lernenden erarbeitet werden, ob Epochenbezeichnungen tatsächlich von den Zeitgenoss*innen selbst gewählt wurden oder ob sie retrospektiv sind. Beispielsweise kann die Frage gestellt werden, wie man in 100 Jahren unsere Gegenwart bezeichnen würde. Eine weitere Übung kann sein, die mitteleuropäische Zeitgeschichte, visualisiert z.B. durch Zeitleisten oder Ereigniskarten, als Grundlage für eine eigene Epochenbezeichnung zu nehmen. Dabei sollte aber am Ende deutlich werden, dass es bei Epochenbezeichnungen nicht um Beliebigkeit geht, sondern um eine Konvention, die eine Verständigung über diese Zeiteinteilung ermöglicht. Dies bedeutet, dass Epochenbezeichnungen bei aller fachlichen Auseinandersetzung die Funktion haben, sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich über die mit ihnen verbundenen Besonderheiten zu sprechen.

Praxisorientierte weiterführende Literatur/ Unterrichtsmaterial

  • segu – selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht: Epochen der Geschichte | Digitale Zeitleiste. Online unter:
    https://segu-geschichte.de/epochen-geschichte/
  • Oswalt, V., Ahlheim, H., Piepenbrink, K., Bömelburg, H.-J., & Tebruck, S. (Hrsg.). (2024). Ein heimlicher Quellenkanon? Neue Perspektiven auf Dokumente der Geschichte. Wochenschau Verlag.

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Stufenmodell 3: Kontinuität und Wandel

Das dritte Stufenmodell beschäftigt sich mit zwei Konzepten, die für das historische Lernen von hoher Relevanz sind: Kontinuität und Wandel. Die Frage danach, welche Kontinuitäts- bzw. Wandlungsprozesse bestimmte Zeiträume definieren bzw. definiert haben, beschäftigt nicht nur Historikerinnen, sondern ist auch für Schülerinnen zentral, um Zeiteinteilungen (z. B. Epochen) oder postulierte wichtige historische Ereignisse (z. B. Französische Revolution) nicht nur verstehen, sondern auch kritisch reflektieren zu können. Das vorgestellte Stufenmodell beabsichtigt, die Schüler*innen ausgehend von ihrer eigenen Biografie zur Reflexion über die Begriffe Kontinuität und Wandel sowie deren Bedeutung für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anzuregen.

Tabelle 3.1: Stufenmodell Kontinuität und Wandel

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS nehmen Veränderungen und Kontinuitäten wahr.Ich kann Veränderungen und Gleichbleiben beobachten.Zunächst geht es in der Thematisierung von Wandel und Kontinuität darum, Beispiele für diese Konzepte wahrnehmen zu können. So wäre es beispielsweise denkbar, verschiedene Fotos von einem Gebäude zu zeigen, dass zum Zeitpunkt der ersten Aufnahme anders aussieht als bei der zweiten. Alternativ dazu könnten Fotos gezeigt werden, die ein Gebäude unverändert darstellen, wie z. B. Fotos der eigenen Schule von gestern und heute. Eine Möglichkeit, verschiedene Aufnahmen des gleichen Ortes zu verschiedenen Zeitpunkten zu präsentieren, bietet folgendes Tool: https://h5p.org/image-juxtaposition
xDie SuS können Beispiele für Veränderungen und Kontinuitäten in ihrem eigenen Leben benennen.Ich kann Veränderungen beschreiben, die in meinem Leben stattgefunden haben, und Dinge benennen, die immer gleich waren.Die Lernenden arbeiten mit einen Zeitstrahl, der von ihrer Geburt bis zu ihrem jetzigem Alter reicht. Auf diesem werden Zeitpunkte markiert bzw. besprochen, an denen sich etwas aus Perspektive der SuS verändert hat. Beispiele hierfür sind z. B. Schulwechsel, Ein- oder Austritte in Vereine und mögliche Umzüge. Zusätzlich wird über Aspekte nachgedacht, die bisher gleich geblieben sind, wie z. B. Geschwister- und Elternkonstellationen oder der Wohnort. Anschließend werden die verschiedenen wahrgenommenen Wandlungsprozesse bzw. Beständigkeiten unter den Oberbegriffen "Wandel" und "Kontinuität" gesammelt und für alle SuS sichtbar präsentiert. Ziel ist es, die SuS mit den Begriffen "Wandel" (Dinge, die sich ändern) bzw. "Kontinuität" (Dinge, die gleich bleiben) vertraut zu machen, die für zukünftige Lernbausteine in diesem Stufenmodell zentral sind.
xxDie SuS können Beispiele für Veränderungen und Kontinuitäten abseits ihrer eigenen Biografie benennen.Ich kann Dinge beschreiben, die früher anders waren als heute bzw. immer noch gleich sind.In einem nächsten Schritt arbeiten die Lernenden mit dem bereits bekannten Zeitstrahl und überlegen, welche Aspekte sich abseits ihrer eigenen Biografie verändert haben bzw. gleich geblieben sind. Dafür können Themenfelder vorgegeben werden, wie z. B. die Infrastruktur der eigenen Stadt (Wirtschaft), die regierenden Politiker*innen in Deutschland (Politik) oder der Erfolg von Fußballmannschaften in globalen Wettbewerben (Sport). Wahrgenomme Veränderungen werden in den Zeitstrählen der SuS markiert bzw. besprochen, ebenso wie die Aspekte, die aus Sicht der SuS unverändert geblieben sind. Ziel it es, die Lernenden dafür zu sensibilisieren, dass Wandel bzw. Kontinuität nicht nur in ihrem eigenen Leben nachvollziehbar ist, sondern auch in ihrem Alltag eine Rolle spielt.
xDie SuS können Wandlungsprozesse und Kontinuitäten in vorgegebenen zeitlichen Räumen erkennen und beschreiben.Ich kann Dinge in einer bestimmten Zeit beschreiben, die sich (nicht) gewandelt haben.Als Ergänzung zu den bereits angefertigten Zeitstrählen zum eigenen Leben werden nun Zeitsträhle bereitgestellt (oder gemeinschaftlich erarbeitet) die vor Beginn der eigenen Lebenszeit der SuS beginnen und aufhören (z. B. 1945 - 1990). Die SuS benennen Aspekte für den vorgegebenen Zeitrahmen, die sich (nicht) gewandelt haben, indem sie beispielsweise mit Quellen arbeiten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind und einen vergleichbaren historischen Sachverhalt thematisieren. Beispiele für den erwähnten Zeitraum von 1945 bis 1990 könnten Karten von Ländern (etwa Deutschland) sein, deren Grenzen sich verändert haben (Politik), Auflistungen von Fußball-Bundesligisten, die die verschiedenen Vereine zeigen, die zu definierten Zeitpunkten in der höchsten deutschen Spielklasse gespielt haben (Sport) oder Statistiken zu Einwohner*innenzahlen eines Landes, einer Stadt oder der (eigenen) Gemeinde, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden (Gesellschaft). Alternativ könnten die SuS auch eigenständig nach Aspekten recherchieren, etwa mittels einer Internetrecherche, die sich (nicht) gewandelt haben und diese präsentieren. Ziel ist es stets, den SuS zu verdeutlichen, dass Wandel und Kontinuität unabhängig von dem untersuchten Zeitrahmen Konstanten des menschlichen Zusammenlebens waren bzw. sind.
xDie SuS können nachvollzogene Wandlungsprozesse kategorisieren.Ich kann verschiedene Arten von Änderungen beschreiben.In diesem Lernbaustein arbeiten die SuS mit einem beliebigen Zeitstrahl, auf dem bereits verschiedene Aspekte markiert sind, die Wandlungsprozesse oder Kontinuitäten beschreiben. Ausgehend von diesen festgehaltenen Prozessen gruppieren die SuS verschiedene thematisierte Sachverhalte, indem sie Kategorien finden, denen sie die verschiedenen herausgearbeiteten Aspekte zuordnen. Ein Beispiel könnte hierfür sein, dass in Gruppenarbeit verschiedene Zeitsträhle zu einem identischen Zeitraum verglichen werden, nachdem die SuS eigenständig zu Wandlungs- bzw. Kontinuitätsprozessen recherchiert haben. Hierbei fällt den SuS bespielsweise auf, dass sie sich mit verschiedenen Wandlungs- und Kontinuitätsprozessen im Bereich Sport beschäftigt haben und entwerfen folglich die Kategorie "Sport", um ihre verschiedenen Beispiele zu gruppieren. Ziel dieses Vorgehens ist es, dass die Lernenden Parameter erarbeiten, mithilfe derer sie Wandlungs- und Kontinuitätsprozesse unabhängig von dem untersuchten Zeitraum analysieren können.
Die SuS können Gründe für nachvollzogene Wandlungsprozesse bzw. Kontinuitäten benennen.Ich kann erklären, warum Änderungen (nicht) stattgefunden haben.Ausgehend von den thematisierten Zeitstrählen analysieren die Lernenden Gründe für die wahrgenommen Wandlungsprozesse bzw. Kontinuitäten. Dafür können Quellen zur Verfügung gestellt werden, die Gründe für einen Wandel in divergierenden Bereichen, wie z. B. Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft, angeben oder Erklärungsansätze mittels eigener Recherchen gefunden werden. Die Bereiche, für die Erklärungen gefunden werden sollen, können dabei vorgegeben werden, um die Erarbeitungen zu fokussieren. Ziel ist es, den SuS zu verdeutlichen, dass wahrgenommene Wandlungsprozesse durch Handlungen bedingt werden, die es zu ergründen gilt, um einen (nicht stattgefundenen) Wandel verstehen zu können.
Die SuS können verschiedene Wandlungsprozesse und Kontinuitäten auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersuchen.Ich kann Wandlungsprozesse und Kontinuitäten aus verschiedenen Zeiten miteinander vergleichen und Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten dieser Phänomene benennen.Die Lernenden arbeiten mit verschiedenen Zeitstrählen, auf denen verschiedene Revolutionsverläufe eingetragen sind (z. B. Französische Revolution, Revolution von 1848 oder die "friedliche Revolution" in der DDR). Die SuS erarbeiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Revolutionen, indem sie sich z. B. mit den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Implikationen der jeweiligen Revolutionen für die jeweilige Nation beschäftigen. Im Fokus der Vergleiche steht die Frage, inwiefern und auf welchen Ebenen tatsächlich von einem Wandlungsprozess gesprochen werden kann. Alternativ können auch gescheiterte Revolutionen thematisiert und mit geglückten Revolutionen verglichen werden, um die Kontraste zu verdeutlichen. Ziel ist es, den SuS die Vielschichtigkeit von Wandlungsprozessen zu verdeutlichen, indem Revolution als Ereignisse thematisiert werden, die auf verschiedenen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens einen unterschiedlichen Einfluss haben.
Die SuS können beschriebene Narrative über Wandlungsprozesse und Kontinuitäten auf ihre Triftigkeit hin untersuchen.Ich kann erklären, ob ich einen von anderen beschriebenen Wandlungsprozess als nachvollziehbar bewerte.Die Lernen erhalten verschiedene Darstellungen über Revolutionen und untersuchen, inwiefern die dargebotenen Narrationen über beschriebene Wandlungsprozesse hinsichtlich verschiedener Aspekte (z. B. Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft) als nachvollziehbar zu bewerten sind. Das primäre Ziel ist es, dass die SuS ihr erlerntes Wissen über die verschiedenen Kategorien, in denen sich Wandel abspielen kann, dazu nutzen, um simplifizierende Aussagen in Darstellungen von Revolutionen zu benennen und diese erweitern bzw. verändern.

Praxisorientierte weiterführende Literatur/ Unterrichtsmaterial
• Praxis Geschichte (2022): Legenden, Mythen, Lügen – Kontinuität und Wandel.

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3.2: Teilbereich B:
Historische Arbeitsweisen

Der zweite Teilbereich befasst sich mit grundlegenden Facetten der Methoden- und Urteilskompetenz. Hier geht es darum, dass Schüler*innen sich mit dem Konstruktionscharakter von Geschichte befassen. Einerseits werden Praktiken des (kritischen) Umgangs mit Quellen und Darstellungen eingeübt sowie andererseits das (De-)Konstruieren von (intersubjektiv nachvollziehbaren) Erzählungen thematisiert. Ergänzend werden zudem Facetten der historischen Urteilsbildung adressiert und somit die Urteilskompetenz fokussiert, die im Teilbereich 3 nochmal fundierter behandelt werden.

Stufenmodell 1: Quellenarbeit

Bei Geschichte handelt es sich nicht um die passgenaue Abbildung der Vergangenheit, sondern vielmehr um das selektive Betrachten und Erzählen einzelner Versatzstücke vergangener Zeiten. Die Schüler*innen sollen demnach dazu befähigt werden, mittels eines fachgerechten Umgangs mit Quellen Geschichte(n) erzählen – sprich: konstruieren – zu können. Das hier angeführte Stufenmodell bespricht verschiedene Aspekte, die dazu notwendig sind, Geschichte (intersubjektiv nachvollziehbar) zu erzählen.

Tabelle: Stufenmodell 1: Quellenarbeit

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
SuS können die Begriffe "alt" und "neu" voneinander abgrenzen.Ich kann "alt" und "neu" voneinander unterscheiden.Die Lernenden sammeln Begriffe, die ihnen zu "alt" und "neu" einfallen. Diese Begriffssammlungen können schriftlich oder mündlich stattfinden und nach Bedarf festgehalten werden (z. B. mittels eines Tafelbildes). Anschließend können Charakteristika gesammelt werden, die für SuS wichtig sind, um Begriffe als "alt" oder "neu" zu bezeichnen. Ziel ist es, den SuS Möglichkeiten aufzuzeigen, wie auf einer basalen Stufe zeitliche Differenz ausgedrückt werden kann.
SuS können ältere und neuere Gegenstände voneinander abgrenzen.Ich kann ältere von neueren Gegenständen unterscheiden.In diesem Lernbaustein arbeiten die SuS mit Gegenständen, die entweder in pyhssicher Form vorliegen oder auf einem Arbeitsblatt abgebildet sind. Ausgehed von den Überlegungen zuvor könnten die SuS beispielsweise dazu aufgefordert werden, eigenständig Gegenstände mitbringen, die bereits in den Aufzählungen zu "alten" und "neuen" Begriffen gefallen sind oder sich überlegen, über welche Gegenstände sie noch verfügen, die sie als "alt" oder "neu" bewerten. Nach einem Zusammentragen und Begutachten der Gegenstände überlegen und erklären die SuS in Rückbezug zu den schon angestellten Überlegungen über "alte" und "neue" Begriffe, warum die mitgebrachten (oder abgebildeten) Gegenstände als "alt" oder "neu" beschreiben würden. Ziel ist es, den SuS zu verdeutlichen, dass sich zeitliche Differenzen mithilfe von Gegenständen aufzeigen lassen. So kann etwa ein altes Wählscheibentelefon neben ein modernes Smartphone gelegt werden.
SuS verstehen, dass Gegenstände als Quellen genutzt werden können.Ich weiß, dass Gegenstände als Quellen bezeichnet werden können.Die Lernenden werden gefragt, welche Möglichkeiten sie haben, etwas über die Vergangenheit herauszufinden. Dafür können vorgegebene Tabellen bereitgestellt werden, in denen die SuS ankreuzen können, welche Gegenstände ihnen helfen können, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, oder die bereits thematisierten "alten" und "neuen" Gegenstände als Beispiele genutzt werden. Auf Basis dieser Überlegungen wird der Fachterminus "Quelle" eingeführt, mit dem alle Gegenstände bezeichnet weden können, die helfen können, etwas über die Vergangenheit herauszufinden. Die SuS überlegen sich anschließend, welche Quellen sie noch kennen, und ergänzen so die bereits angelegten Sammlungen.
SuS verstehen, dass mittels Quellen Informationen über die Vergangenheit gewonnen werden können.Ich weiß, dass Quellen etwas über die Vergangenheit aussagen können.Die Lernenden überlegen, welche der bereits thematisierten Quellen sie nutzen können, um etwas über die Vergangenheit von a) sich selbst, b) ihnen nahestehende Personen, c) ihren Ort / ihre Stadt und d) ihrer Schule herauszufinden. Verschiedene nutzbare Quellen werden gesammelt, daran anschließend überlegen die SuS, welche der gesammelten Quellen ihnen warum besonders viele und wertvolle Informationen geben können, um sich mit den angeführten Themen zu beschäftigen. Ziel ist es, dass die SuS ihr zuvor erworbenes Wissen über Quellen nun anwenden, indem sie evaluieren, warum bestimmte Quellen einen niedrigeren bzw. höheren Gehalt für ein definiertes Thema haben. Darüber hinaus stellen die SuS fest, dass die Nutzbarkeit einer Quelle nicht ausschließlich von ihrer Beschaffenheit abhängt, sondern vor allem von dem Kontext des historischen Sachverhalts, für dessen Bearbeitung sie benötigt wird.
SuS können aus Quellen spezifische Informationen über die Vergangenheit herausarbeiten.Ich kann wichtige Informationen aus Quellen gewinnen.Als Ausgangspunkt fungieren bereits bekannte Quellen und besprochene historische Inhalte, mit denen sich die Lernenden auseinandergesetzt haben. Die Lernenden beschäftigen sich nun vertieft mit der Inhaltsebene der bereits bekannten Quellen unter Berücksichtigung der besprochenen historischen Inhalte, indem sie besagte Quellen (ggf. mithilfe materieller und personeller Unterstützungsstrukturen) rezipieren und Informationen aus den Quellen extrahieren. Diese extrahierten Informationen werden gesammelt und zusammengetragen, sodass die SuS eine Informationsbasis erstellen, mit der sie komplexere Aufgaben zur Quellenarbeit (siehe unten) bearbeiten können. Die SuS werden dadurch angehalten, Informationen aus ihnen zugänglichen Quellen zu gewinnen und sich darauf aufbauend mit der Frage zu beschäftigen, warum sie bestimmte Informationen extrahiert haben, während ihnen andere Informationen der untersuchten Quelle weniger relevant vorkamen.
SuS können Quellen und die aus ihnen gewonnenen Informationen über die Vergangenheit kritisch überprüfen.Ich kann überprüfen, ob in der von mir untersuchten Quelle glaubwürdige Informationen einer glaubwürdigen Person stehen. Die Informationen, die von den SuS gesammelt worden sind, sollen nun überprüft werden, indem sie sie mit anderen Informationen aus ihnen bekannten Quellen abgeglichen werden. Alternativ können auch Informationen vorgegeben werden, die aus einer Quelle herausgearbeitet worden sind. Wichtig ist, dass den SuS erkenntlich wird, dass ausgewählte Informationen aus einer Quelle überprüft werden müssen. Ausgangspunkt der Überprüfungsprozesse ist dabei die Frage, wie Informationen kritisch überprüft werden können. Möglichkeiten, wie z. B. eine Internetrecherche oder die Rezeption von Fachliteratur zu dem historischen Sachverhalt, können gesammelt und besprochen werden. Beispielsweise können durch Recherchen weitere Quellen zu dem bestimmten Thema erschlossen werden, in denen ebenfalls Aussagen über einen historischen Sachverhalt getroffen werden. Bei widersprüchlichen Angaben werden dem Prinzip folgend ggf. weitere Quellen gesammelt und die Informationen der untersuchten Quellen mit anderen SuS oder der Lehrkraft besprochen, um Uneindeutigkeiten zu klären. Ziel ist es, den SuS zu verdeutlichen, dass erarbeitete Informationen stets auf ihre Plausibilität bzw. Triftigkeit hin überprüft werden sollten, um nicht mit Falsch- oder Desinformationen zu arbeiten.
SuS können aus einer oder mehreren Quelle(n) Informationen auswählen und zu einer Erzählung über einen historischen Sachverhalt verknüpfen.Ich kann Informationen aus einer oder mehreren Quellen auswählen und mit diesen Informationen eine Geschichte über ein vegangenens Ereignis erzählen. Die Lernenden nutzen gesammelte Informationen aus Quellen, die auf ihren Aussagegehalt hin überprüft worden sind, um eine historische Erzählung zu einem vorgegebenen historischen Thema zu erstellen, indem sie die Informationen verknüpfen und strukturieren. Dadurch lernen die SuS, Geschichten eigenständig zu erzählen bzw. zu rekonstruieren und werden sich so des Konstruktionscharakters von Geschichte bewusst.

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Buchsteiner, M. & Nitsche, M. (Hg.) (2016). Historisches Erzählen und Lernen. Historische, theoretische, empirische und pragmatische Erkundungen. Springer VS.
  • Buchberger, W., Mattle, E., & Mörwald, S. (Hrsg.). (2020). Mit Quellen arbeiten: Aufgaben für historisches Lernen in der Primar- und Sekundarstufe. Edition Tandem.

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Stufenmodell 2: Geschichtskultur dekonstruieren

Geschichte ist überall um uns herum. Sie wird aber nicht nur in wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Medien verbreitet. Vielmehr findet sie sich in Computerspielen, wird in Social Media Beiträgen thematisiert, in Spielfilmen und anderen Produkten der Geschichtskultur dargestellt. Ein kompetenter Umgang mit Geschichte bedeutet auch, Produkte der Geschichtskultur kritisch einordnen zu können. Die einzelnen hier vorgestellten Zugriffe fokussieren nicht immer die Dekonstruktion im engeren Sinn. Vielmehr beinhalten sie auch Übungen, um epistemische Voraussetzungen anzustoßen, wie etwa den Unterschied von Funktionen von historischen Gebäuden in der Vergangenheit und Gegenwart.

Tabelle: Stufenmodell 2: Geschichtskultur dekonstruieren

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsILZStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS zeigen Interesse/ Desinteresse an einem geschichtskulturellen Produkt.Ich finde etwas, das von der Vergangenheit erzählt, spannend/unspannend.Die Lernenden werden mit verschiedenen geschichtskulturellen Produkten, beispielsweise Comics, Rekonstruktionszeichnungen, Hörspiele etc. konfrontiert. Sie sollen sich mit den Dingen befassen, die sie interessant finden. Auf dieser Ebene ist nicht zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Zeitebenen gegeben. Aber eine erste Auseinandersetzung mit Geschichtskultur ist, Produkten aus dieser Interesse oder Desinteresse entgegen zu bringen.
xDie SuS evozieren aus dem Gedächtnis eine Erinnerung an die Vergangenheit.Ich kann ein Bild von gestern malen.Bei dieser Einheit handelt es sich noch nicht um eine historische Dekonstruktion im eigentlichen Sinne. Sie ist aber als Einstieg zu verstehen, um den Lernenden bewusst zu machen, dass eine Darstellung der Vergangenheit oft auch auf individuellen Entscheidungen, Perspektiven und Eindrücken beruht. In der Klasse können die verschiedenen Bilder vom Vortag oder einer anderen Zeiten der Vergangenheit miteinander verglichen und diskutiert werden. Dabei können insbesondere Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Ein Erkenntnisziel ist, dass es auf dieser Ebene keine falschen Vergangenheitsbilder gibt, sondern nur unterschiedliche Perspektiven.
xxDie SuS können den Grad der Authentizität historischer Darstellungen einschätzen.Ich kann einschätzen, ob es etwas wirklich gegeben haben könnte oder nicht.Zentral für diese Unterrichtsszenarien ist die Auseinandersetzung mit eher faktischen und eher fiktionalen Darstellungen der Vergangenheit. Dabei geht es nicht um eine reine Abgrenzung voneinander, sondern um die Zwischenstufen. Eine Möglichkeit könnte sein, Darstellungen historischer Persönlichkeiten in Comics, z.B. Asterix, oder Computerspielen oder auch bestimmte Berufe oder Personen in Spielzeugfiguren, z.B. Ritter oder Römer, auf ihre Quellengrundlage hin zu untersuchen. Dazu können die Darstellungen mit den Quellen verglichen werden. Anhand des Vergleichs können die Schüler*innen herausarbeiten, welche Facetten der Darstellung ein reales Gegenstück in der Vergangenheit haben könnten. Hier ist allerdings das Wissen der Lehrkraft gefragt. Einhörner gibt es beispielsweise sowohl als Spielzeug als auch in mittelalterlichen Bildquellen. Daraus zu schließen, dass es im Mittelalter Einhörner gab, wäre aber falsch.
xxDie SuS können Quellen von Darstellungen unterscheiden.Ich kann Quellen und Darstellungen unterscheiden. Die Lernenden erhalten eine Fülle von historischen Quellen und Darstellungen. Diese können entweder einzeln ausgeteilt werden und müssen dann z.B. auf zwei Tischen sortiert werden, oder sie werden an der Tafel in einer Tabelle mit der Überschrift "Quelle und Darstellung" zusammengefasst. Es können auch Zuordnungstabellen in Form von Arbeitsblättern erstellt werden, in denen ein Medium als Quelle oder Darstellung angekreuzt werden muss. Geeignete Materialien sind z. B. originale historische Bildquellen und Rekonstruktionszeichnungen, Ausstellungsplakate in Museen und ein Bild eines realen Artefakts, ein historischer Brief und eine Erzählung über einen solchen Brief oder ein Tagebuchauszug und eine inszenierte Social-Media-Umsetzung davon.
xxDie SuS Können faktenorientierte historische Darstellungen von Fiktionalen unterscheiden.Ich kann analysieren, ob es etwas wirklich gegeben hat oder nicht.Dieses Lernszenario ähnelt dem vorhergehenden zur Beurteilung des Fiktionalitätsgrades. Hier geht es jedoch insofern weiter, als die tatsächliche Quellenarbeit und die Recherche nach historischen Informationen dazu führt, dass die Schüler*innen tatsächlich einschätzen können, ob es etwas gegeben hat oder nicht. Wie zuvor kann mit verschiedenen Quellen und Darstellungen vergleichend gearbeitet werden. Hier bietet sich jedoch eine weitere vertiefende Recherche an, um den Wahrheitsgehalt tatsächlich einschätzen zu können. So kann den fiktiven und historischen Bildern eines Einhorns ein historischer Sachtext gegenübergestellt werden, mit dem die Lernenden belegen können, dass es im Mittelalter keine Einhörner gegeben hat.
xxDie SuS setzen sich anhand von materiellen Überresten mit Kontinuität und Wandel sowie Deutungen im zeitlichen Verlauf auseinander.Ich kann die unterschiedlichen Funktionen von historischen Gebäuden in verschiedenen Zeiträumen einordnen.Im öffentlichen Umfeld von Kindern und Jugendlichen finden sich zahlreiche historische Gebäude und andere materielle Quellen. Diese können ein guter Ausgangspunkt sein, um über den Bedeutungswandel und die Nutzung dieser Objekte im Laufe der Zeit nachzudenken. Dies lässt sich gut mit Exkursionen verbinden. So kann zum Beispiel eine mittelalterliche Stadtmauer, eine alte Kirche oder ein anderes altes Gebäude besucht werden. Die Schüler*innen können recherchieren und aufzeichnen, welche Funktionen das jeweilige Objekt zu verschiedenen Zeiten hatte. So kann zum Beispiel darüber nachgedacht werden, dass eine Mauer im Mittelalter eine reale Schutzfunktion hatte, während sie heute ein Objekt der Erinnerungskultur ist. Die Schüler*innen könnten sich diesem Wandel zum Beispiel mit Essays nähern und in diesen Essays auch analysieren oder reflektieren, wie die jeweiligen Zeitgenoss*innen diese Objekte wahrgenommen haben könnten.
xxDie SuS reflektieren die Selektivität und Partialität historischer Ausstellungen.Ich verstehe, dass in Ausstellungen in Museen eine Auswahl an Quellen getroffen wird. Mir ist bewusst, dass die Ausstellung Geschichte in einer bestimmten Art und Weise erzählt.Museen und andere historische Ausstellungsorte müssen immer Entscheidungen darüber treffen, welche Objekte mit welchen erklärenden Texten oder anderen Informationen in welcher Reihenfolge ausgestellt werden. Bei einem Museumsbesuch können die Schüler*innen zum Beispiel die Aufgabe bekommen, darüber zu reflektieren, warum sich die Museumsgestalter*innen wohl für diese Form der Ausstellung entschieden haben. Es kann gefragt werden, was wohl vermittelt werden sollte und warum bestimmte Quellen gezeigt werden und andere nicht. Mit den Schüler*innen kann auch erarbeitet werden, welche alternativen Zugänge es zur gemeinsamen Ausstellung geben könnte. Wenn andere Wege durch das Museum möglich wären, wären auch andere Ausstellungstexte oder Präsentationen möglich. Durch diesen Zugang wird die Flexibilität der Ausstellung bei gleichzeitiger Orientierung an fachlichen Standards sichtbar.
xxDie SuS reflektieren die Selektivität, Partialität und narrativer Merkmale von Medien, die historische Inhalte adressieren.Ich weiß, dass Geschichte in Medien wie Computerspielen, Filmen oder Büchern die Vergangenheit nicht so darstellt, wie die gewesen ist.Dieser Ansatz ähnelt den beiden vorangegangenen Ansätzen, die sich mit der Fiktionalität und dem Wahrheitsgehalt von Geschichtsdarstellungen beschäftigen. Hier werden jedoch verschiedene Medien in ihren jeweiligen Gestaltungsmerkmalen daraufhin untersucht, warum Geschichte wie dargestellt wird. So kann mit den Schülern erarbeitet werden, dass beispielsweise Computerspiele durch ihren immersiven Charakter andere Zugänge ermöglichen als Instagram-Posts, die durch Bildorientierung und wenig Text geprägt sind. Ebenso kann erarbeitet werden, wie aus einer historischen Quelle ein spezifisches Medium wird, z.B. aus einer Textquelle eine Kurzgeschichte. Diesen Prozess der Gestaltung einer Kurzgeschichte aus einer Quelle können die Schüler*innen selbst durchführen. Anschließend kann reflektiert werden, welche Auswahlentscheidungen getroffen wurden, was weggelassen wurde und was zusätzlich erfunden werden musste, damit die Geschichte stimmig wird.
xxDie SuS erlernen Möglichkeiten fachlicher Trifigkeitsprüfungen.Ich weiß, dass Darstellungen von Geschichte im Internet auch gefälscht sein können.Geschichte wird zunehmend politisiert und verzerrt dargestellt. Mit der Zunahme von KI-Tools werden Lernende zunehmend mit solchen ideologisch gefärbten und zu manipulativen Zwecken erstellten Informationen über Geschichte konfrontiert. Angesichts der Macht von KI und aktivistischen Formen der Geschichtsklitterung erscheint es derzeit unrealistisch, die Fähigkeit zu fördern, solche Darstellungen zu erkennen. Vielmehr müssen Lernende generell darin geschult werden, Geschichtsdarstellungen auch in Social Media und anderen Massenmedien nach fachlichen Standards zu bewerten. Eine Möglichkeit, dies zu üben, besteht darin, Social-Media-Posts zu vergleichen und hinsichtlich ihrer fachlichen Validität einzuordnen. Dazu können die Schüler*innen verschiedene Posts, die entweder problematische Informationen zur Geschichte enthalten, wozu auch KI-generierte Bilder oder Videos zählen können, sowohl mit historischen Quellen als auch mit Fachdarstellungen abgleichen. Die Schüler*innen sollen so die Plausibilität und Triftigkeit solcher Darstellungen anhand des Abgleichs mit fachlich angemessener Literatur bzw. Darstellungen einüben. Dazu gehört natürlich auch eine Diskussion darüber, was fachlich angemessen ist und wo solche Darstellungen zu finden sind.
xxDie SuS partizipieren an Geschichtskultur.Ich kann eine historische Ausstellung selbst mitgestalten.Indem die Schüler*innen selbst eine historische Ausstellung zu einem Thema ihrer Wahl gestalten, das z.B. in einem Projektunterricht erarbeitet wird (Unsere Schule früher und heute; Unser Ort im Mittelalter etc.), setzen sie sich aktiv mit Inszenierungspraktiken und Entscheidungsspielräumen auseinander. Alle Schüler*innen der Lerngemeinschaft können hier mit ihrer jeweiligen Expertise beitragen. So können Ausstellungsebenen haptische oder akustische Elemente ebenso enthalten wie komplexe Sachinformationen in schriftlicher Form. Damit der geschichtskulturelle Charakter der Ausstellung tatsächlich deutlich wird, reicht es nicht aus, eine Ausstellung zu generieren, sondern auf der Metaebene mit den Lernenden zu reflektieren, warum welche Inszenierungen gewählt wurden, welche Alternativen es gegeben hätte, wie sie auf die Rezipient*innen wirken und was die jeweiligen Entscheidungen über die zu erzählende Geschichte aussagen.

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Barsch, S., & Kühberger, C. (2020). Mit verschiedenen Darstellungen zum Mittelalter arbeiten. Eine „ramp“ für inklusiven Geschichtsunterricht. In Degner, Bettina, Barsch, Sebastian, Kühberger, Christoph, & Lücke, Martin (Hrsg.), Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Zugänge zu einer inklusiven Geschichtsdidaktik (S. 507–515). Wochenschau.

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Stufenmodell 3: Multiperspektivität

Wie bereits weiter oben beschrieben, existieren stets verschiedene Perspektiven auf ein und denselben historischen Sachverhalt. Den Schülerinnen verständlich zu machen, dass es sich bei Geschichte nicht um eine auswendig zu lernende, auf festgelegten Daten und Fakten basierende Meistererzählung, sondern um ein von der Perspektive abhängiges narratives Konstrukt handelt, ist eines der Kernanliegen des Faches Geschichte. Dementsprechend beabsichtigt das Stufenmodell, den Schülerinnen das Formulieren und Erkennen von historischen Perspektiven zu ermöglichen, indem zunächst mit Geschichten aus der eigenen Lebenswelt und anschließend mit quellenbasierten Erzählungen gearbeitet wird.

Tabelle: Stufenmodell 3: Multiperspektivität

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS ordnen verschiedene Bilder, die einen ähnlichen Sachverhalt zeigen, aber unterschiedlich gestaltet sind, diesem Sachverhalt zu.Ich kann erkennen, welche Bilder zusammengehören.Historische Situationen können von verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Dies bedeutet aber auch, dass erkannt werden muss, dass eine Situation jeweils unterschiedlich dargestellt werden kann. Indem zum Beispiel eine Zuordnungsübung gemacht wird, bei der verschiedene Bilder von Burgen alle etwa einer Spielzeugburg zugeordnet werden sollen und andere Bilder, die nicht zu diesem Thema gehören, entsprechend nicht, können sich die Lernenden damit auseinandersetzen, dass Burgen nicht immer gleich aussahen.
SuS können Geschichten aus ihrer eigenen Vergangenheit erzählen.Ich kann eine Geschichte aus meiner eigenen Vergangenheit erzählen.Das Fundament der Auseinandersetzung mit Multiperspektivät im Kontext des historischen Lernens ist das Formulieren und Erkennen können von (divergierenden) Perspektiven. Die SuS sollen zu Beginn das Formulieren einer Perspektive üben, indem sie Geschichten aus ihrer eigenen Vergangenheit erzählen, an der mehrere Personen beteiligt waren. Das Beteiligtsein von mehreren Personen spielt für diesen Lernbaustein noch keine Rolle, ist allerdings für folgende von zentraler Bedeutung. Bereits hier kann mit metakognitiven Frage wie "Warum erzählst du gerade diese Geschichte?" oder "Warum ist diese Geschichte wichtig für dich?" gearbeitet werden, um Perspektivität ausgehend von der eigenen Lebenswirklichkeit zu thematisieren. Ziel ist es, die SuS für Fragen und Auswirkungen von Perspektivität ausgehend von der eigenen Lebenswelt zu sensibilisieren. Die Geschichten können auch aufgemalt oder auf weiteren Wegen (Audioaufzeichung) dokumentiert werden.
SuS können Geschichten aus ihrer eigenen Vergangenheit aus Sicht einer Person, die nicht sie selbst ist, erzählen.Ich kann eine Geschichte aus meiner Vergangenheit aus der Perspektive einer anderen Person, die am Geschehen beteiligt war, erzählen.Ausgehend von den bereits bekannten Geschichten der SuS soll nun überlegt werden, wie die Geschichte aus der Perspektive einer anderen, ebenfalls am Geschehen beteiligter Person erzählt werden würde. Nach der zweiten Erzählung werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschichten gesammelt und anschließend Fragen formuliert, die auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen erzählten Geschichten hindeuten: Wodrin unterscheiden bzw. ähneln sich die beiden Gschichten? Warum ändern sich die Geschichten, wenn sich die Erzählperspektive ändert? Die SuS erkennen so im Idealfall, dass die Perspektive, aus der eine Geschichte erzählt wird, einen Einfluss darauf hat, was wie erzählt wird. Alternativ können auch vorbereitete Geschichten von der Lehrkraft zum gemeinsamen Lerngegenstand gemacht werden, in der die Perspektivität durch das Erzählen verschiedener Aspekte eines identischen historischen Sachverhalts betont wird und die als Ausgangspunkt der skizzierten Lernaktivitäten dienen.
SuS können die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen erzählten Geschichten aus ihrer eigenen Vergangenheit oder der einer anderen Person benennen und erklären.Ich kann Gemeinsamkeiten und Unterschiede von verschiedenen Geschichten meiner Mitschüler*innen benennen und erklären. In diesem Baustein sollen mehrere Geschichten, die von verschiedenen SuS erzählt worden sind, miteinander verglichen werden. Die erzählten Geschichten der SuS werden auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Kategorien "Inhalt", "Erzählperspektive" und "Länge" bzw. "Kürze" hin untersucht. Anhand von Eintragungen in den vorgeschlagenen Kategorien (oder anderer, komplexerer Kategorien wie z. B. "Struktur" oder "Rhetorische Besonderheiten") erfahren die Geschichten der SuS eine Form der Systematisierung, die sie miteinander vergleichbar macht. Ziel ist es, den SuS zu verdeutlichen, dass historische Erzählungen nicht lediglich im Kontextd des Inhalts miteinander verglichen werden können, sondern es verschiedene Kategorien gibt, um sich mit der Beschaffenheit von Geschichten zu beschäftigen.
SuS können in einer Quelle eine Perspektive erkennen.Ich kann in einer Quelle eine Persepktive erkennen.

Als Fundament dieses und der folgenden Lernbausteine fungieren nun nicht mehr Geschichten, zu denen die SuS einen lebensgeschichtlichen Bezug haben, sondern mehrere Quellen, die sich in ihnen zum Ausdruck kommenden Perspektiven unterscheiden. Mögliche Themen können kontrovers diskutierte historische Sachverhalte sein, wie z. B. der UN-Teilungsplan von 1947 (Nahostkonflikt) oder die Kuba-Krise von 1962 (Kalter Krieg). Zunächst können sich die SuS (auch in Partner- oder Gruppenarbeit) mit mehreren Quellen zum Themenkomplex beschäftigen, die sie auf ihre Perspektivität hin untersuchen. Im Kontext des UN-Teilungsplans von 1947 könnten das beispielsweise Positionspapiere oder Reden von arabischen bzw. isreaelischen Akteur*innen sein (Unterrichtsmaterial und Anregungen zur historischen Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt finden sich zum Beispiel hier:

https://www.bpb.de/themen/infodienst/543186/wie-umgehen-mit-dem-nahostkonflikt-eine-uebersicht-fuer-schulen-und-bildungseinrichtungen/#node-content-title-0

Den Lernprozess leitende Fragen können mit Blick auf die Frage nach der historischen Perspektivität sein: Wer hat die Quelle verfasst? Warum wurde die Quelle verfasst? In welchem historischen Kontext ist die Quelle entstanden? Ziel dieser initiierenden Quellenarbeit ist es, Informationen über den oder die Verfasser*in sowie die möglichen Intentionen des oder der Verfasser*in zu erarbeiten. Dafür können neben bereitgestellten kontextualisierenden Informationen auch eigenständige Recherchen der SuS angestellt werden.

SuS können Perspektiven in unterschiedlichen Quellen voneinander unterscheiden.Ich kann verschiedene Perspektiven in unterschiedlichen Quellen erkennen und voneinander abgrenzen.Die verschiedenen erarbeiteten Perspektiven in Quellen zum thematisierten historischen Sachverhalt, wie z. B. dem Nahostkonflikt, werden nun miteinander verglichen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Inhalte der Quellen werden ebenso gesammelt wie die herausgearbeiteten Informationen zu den verschiedenen Verfasser*innen der Quellen. Dabei können auch die weiter oben angeführten Kategorien (z. B. "Inhalt", "Erzählweise", "Aufbau" oder "Rhetorische Besonderheiten") genutzt werden. Ziel der Gegenüberstellung der Perspektiven ist es, den SuS zu vermitteln, dass auf einen historischen Sachverhalt aus mehreren Perspektiven geblickt werden kann.
SuS können verschiedene Perspektiven in Quellen miteinander vergleichen und Gründe für Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten benennen.Ich kann verschiedene Perspektiven in unterschiedlichen Quellen benennen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der verschiedenen Perspektiven benennen.Ausgehend von den Erarbeitungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden in verschiedenen verfügbaren Quellen werden Gründe für die divergierenden Ansichten auf den historischen Sachverhalt erarbeitet, etwa durch das Bereitstellen von Darstellungstexten über die verschiedenen vertretenen Positionen. Ziel ist es, den SuS deutlich zu machen, dass die Perspektivität in Quellen unmittelbar mit den Intentionen der Autor*innen verknüpft ist. Im Kontext des angeführten Beispiels des Nahostkonflikts könnten beispielsweise die Interessen der israelischen bzw. arabischen Vertreter*innen thematisiert werden, um die divergierenden Ausgangspositionen vor der Verabschiedung des UN-Teilungsplans von 1947 zu vedeutlichen.
SuS können lernen Merkmale von historischen Erzählungen (z. B. Retrospektivität, Temporalität Selektivität, Konstruktivität und Partialität) kennen und können diese in Geschichten erkennen. Ich kann Merkmale von historischen Erzählungen benennen und erkennen.Die SuS setzen sich zunächst mit den Konzepten Retrospektivität, Temporalität, Selektivität, Konstruktivität und Partialität auseinander. Dafür können Texte, Audioaufnahmen oder Videos verwendet werden, in denen die Begriffe thematisiert werden. Wissenschaftliche Literatur (z. B. Bergmann, 2016) ist dafür ebenso denkbar wie ein von der Lehrkraft verfasster Text, erstellte Audioaufnahme oder produziertes Video, der die Konzepte auf einem für die Lerngruppe angemessenen Sprachniveau darstellt. Nach der theoretischen Annäherung an die beschriebenen Merkmale einer historischen Erzählung werden eigene Erzählung (entweder bereits existierende oder neu konstruierte) auf die Konzepte hin überprüft. Anhand der Beschäftigung mit bereits bekannten Geschichten werden Beispiele für die verschiedenen Merkmale gesammelt, anschließend können auch verschiedene Quellen oder Darstellungen (z. B. zum Nahostkonflikt) dahingehend überprüft werden, inwiefern sie Merkmale einer historischen Erzählung aufweisen. Ziel ist es, den SuS neben den bereits erarbeiten Kategorien (z. B. "Inhalte", "Aufbau" oder "Rhetorische Besonderheiten") weitere Strukturmerkmale zu vemitteln, mithilfe derer sie historische Erzählungen untersuchen können.
SuS können die Plausibilität und Triftigkeit von verschiedenen Perspektiven in unterschiedlichen Quellen bewerten und miteinander vergleichen.Ich kann erklären, welche von mir untersuchten Perspektiven auf ein historisches Ereignis schlüssig sind und welche nich.Ziel dieses Lernbausteins ist es, den SuS zu vermitteln, dass nicht jede Perspektive auf einen historischen Sachverhalt im gleichen Maße plausibel bzw. triftig sein muss. Gerade mit Hinblick auf die große Rolle, die das Internet und soziale Medien, wo viele Des- und Falschinformationen im Umlauf sind, im Alltag der SuS spielen, ist eine Auseinandersetzung mit Möglichkeiten der Überprüfung (historischer) Informationen unerlässlich. Dafür können beispielsweise erzählte Geschichten der SuS ausgewählt werden, die im Folgenden überprüft werden sollen. Ausgangspunkt ist dabei zunächst die Frage, wie die mitgeteilten Informationen geprüft werden könnten bzw. ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, dies zu tun. Möglichkeiten wie das Befragen von anwesenden Personen, die Überprüfung, ob es eventuell Aufzeichnungen von der Geschichte gibt (z. B. in Fom einer Videoaufnahme), oder das Recherchieren von spezifischen Informationen, die in der Geschichte genannt werden (z. B. Ort des Geschehens), könnten diskutiert werden. Alternativ könnte auch auf den bereits beschriebenen historischen Sachverhalt des UN-Teilungsplans eingegangen werden, indem eine fiktive Quelle von der Lehrkraft präsentiert wird, die Falschinformationen (z. B. über die vorgeschlagene Verteilung des Landes) erhält. Diese sollen die SuS benennen und widerlegen, indem sie die fiktive Quelle mit anderen, bereits analysierten Quellen abgleichen oder eine eigenständige Recherche (z. B. im Internet) starten, um (weitere) valide Informationen über den historischen Sachverhalt zu sammeln.

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Bergmann, K. (2016). Multiperspektivität. Geschichte selber denken. 3. Aufl. Wochenschau.

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Stufenmodell 4: Fragekompetenz

Historische Fragen stellen in einer idealisierten Form des Geschichtsunterrichts den Beginn des historischen Lernprozesses dar, indem mit ihnen der Impuls formuliert wird, den die Schülerinnen dafür nutzen, sich einem historischen Sachverhalt zu nähern. Als entscheidend für das Gelingen des Einsatzes von historischen Fragen im Geschichtsunterricht wird die Fähigkeit der Lernenden bewertet, historische Fragen formulieren und reflektieren zu können. Die folgende Tabelle beinhaltet verschiedene Lehrbausteine, mithilfe derer den Schülerinnen in zunehmender Schwierigkeit eben jene Fähigkeiten vermittelt werden sollen.

Tabelle: Stufenmodell 4: Fragekompetenz

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

beps10Stufe in KinderspracheLernbausteine
Die SuS sind in der Lage, einer historische Situation oder einem Produkt der Geschichtskultur mit Interesse oder Desinteresse zu begegnen.Ich kann etwas über Geschichte interessant oder uninteressant finden.Das In-Bezug-Setzen der eigenen Person mit vorhandenen Motivationen zu historischen Sachverhälten wird geschichtsdidaktisch als wertvoller Weg betrachtet, damit Geschichte relevant wird. Auf einer basalen Ebene gehört dazu auch eine Auseinandersetzung mit den Dingen, die als interessant oder nicht interessant betrachtet werden. Aus einer Vielzahl verschiedener Medien, etwa historischer Bildquellen oder auch Spielzeug, welches die Vergangenheit adressiert, können die Schüler*innen auswählen, was sie interessant finden und was nicht. Je nach Lerngruppe können sie auch darüber diskutieren. Wichtig wäre, dass möglichst Begründungen für dieses Interesse mitgegeben werden.
Die SuS können Antworten auf Fragen zu ihrer eigenen Biografie formulieren.Ich kann Fragen zu meiner eigenen Vergangenheit stellen.Um das Zusammenspiel von Fragen und persönlicher Motivation zu verdeutlichen, könnten Fragen an die eigene Biografie gestellt und somit die Relevanz des persönlichen Bezugs herausgestellt werden. Dafür wäre zum Beispiel denkbar, den SuS einen vorgefertigten Fragebogen zu geben, der mittels Fragen verschiedene Bereiche der Vergangenheit der SuS adressiert. Mögliche Fragen können sein: Wann bist du geboren? Wo bist du aufgewachsen? Wer hat dich in deinem bisherigen Leben stets begleitet? Warum bist du auf diese Schule gewechselt? Wichtig für die Auswahl der Fragen ist es mit Hinblick auf folgende Lernbausteine, den SuS verschiedene Typen von Fragen zu stellen, die verschiedene Antwortstrukturen benötigen: Während Fragen nach dem "Wann?" oder "Wo?" oft mit wenigen Wörtern beantwortet werden können, erfordern "Warum?"-Fragen im Normalfall komplexere Antworten. Hierbei wäre je nach Lerngruppe auch schon möglich, alternative Szenarien anzudenken. Was wäre geschehen, wenn ich einen anderen Kindergarten besucht hätte? Würde es mich geben, wenn meine Eltern sich nicht kennengelernt hätten etc. Ziel ist es, den SuS begreiflich zu machen, dass auf die Vergangenheit ausgerichtete Fragen zentral sind, um überhaupt etwas über die Vergangenheit erfahren zu können. Neben schriftlichen Vorgehensweisen sind auch andere Zugangsweisen möglich. Etwa das Erstellen von Bildern über die eigene Vergangenheit mit ausgewählten als besonders wichtig erachteten Episoden oder gegenseitige Interviews.
SuS können Fragen zur Vergangenheit ihrer Mitschüler*innen oder anderer Personen formulieren.Ich kann Fragen zur Vergangenheit anderer Personen stellen.In diesem Lernbaustein werden die SuS dazu aufgefordert, die Vergangenheit ihrer Mitschüler*innen zu untersuchen. Dafür können sie die bereits aus dem ersten Lernbaustein bekannten Fragen verwenden oder sich andere überlegen, mit denen sie arbeiten wollen. Die SuS führen Interviews untereinander und stellen ihrer Klasse die Vergangenheit der anderen Mitschüler*innen anschließend vor. Die Vorstellungen können auf verschiedene Arten gesichert werden, wie z. B. mittels einer Kartei, die für die Lehreinheit benutzt wird und in der verschiedene Informationen zu der Vergangenheit der SuS stehen. Ziel ist es, den SuS das Ausarbeiten und Einüben von Fragen zu ermöglichen, die darauf abzielen, etwas über die Vergangenheit erfahren zu können. Natürlich können auch andere Personen einbezogen werden. So können etwa Fragen nach der Biografie der Eltern oder Großeltern auch intergenerationale Perspektiven eröffnen und den zeitlichen Horizont erweitern. Insbesondere können auch Vergleiche hergestellt werden, zum Beispiel Kindheit früher und heute. Wichtig sind schon hier grundlegende ethische Regeln zu besprechen. So muss allen klar sein, dass sie Informationen nur auf freiwilliger Basis wiedergeben. Niemand darf genötigt werden, etwas über sich und seine Vergangenheit zu erzählen, wenn er oder sie das nicht möchte.
SuS können verschiedene formulierte Fragen an die Vergangenheit ihrer Mitschüler*innen auf den Informationsgewinn hin reflektieren.Ich kann erklären, mit welchen Fragen ich welche Informationen über das Leben meiner Mitschüler*innen bekomme.Die gesammelten Informationen über die SuS, etwa in Form einer (digitalen) Kartei, werden nun miteinander verglichen und daraufhin befragt, warum sich die bekannten Informationen über die SuS mitunter unterscheiden. Den SuS soll klar werden, dass der Umstand, dass z. B. über einige SuS weniger bekannt ist als über andere, auch damit zusammenhängt, welche Fragen sie gestellt haben. Beispielsweise könnte ein Reflexionsgegenstand die Frage nach der Art der formulierten Fragen sein: Haben die SuS vor allem mit "Wann?"- und weniger mit "Warum?"-Fragen gearbeitet? Inwiefern haben die SuS verschiedene W-Fragen benutzt, um sich der Vergangenheit der SuS zu nähern? Ggf. kann darauf aufbauend eine weitere Interview-Phase eingezogen werden, in der die Informationsbasis über die Vergangenheit der SuS durch weitere Fragen und Antworten erweitert wird. Ziel ist es, die SuS dafür zu sensibilisieren, dass die Art der Frage einen Einfluss darauf hat, welche Informationen man in welchem Ausmaß über die Vergangenheit erhält. Auch hier müssen Regeln besprochen werden, die die Grenzen des Fragens deutlich machen.
Die SuS können eigene Fragen an eine Quelle formulieren.Ich kann eine Frage zu einer Quelle stellen.In diesem und den folgenden Lernbausteinen wird nicht mehr primär mit den Informationen über die Vergangenheit der SuS gearbeitet, sondern mit Quellen, die Aussagekraft über einen von der Lehrkraft bestimmten historischen Sachverhalt haben. Dafür wird den SuS zunächst eine Quelle vorgestellt. Ein Beispiel könnte ein Tagebuch einer verwandten, fiktiven oder historischen Person sein oder eine historische Sachquelle. Die SuS sollen sich nun Fragen überlegen, die sie interessieren und mit denen sie etwas über Quelle herausfinden können. Mögliche Fragen können sein: Was ist das für ein Buch (was ist das für ein Gegenstand)? Woher stammt das Buch? Wer hat das Buch geschrieben? Warum ist das Buch im Besitz der Lehrkraft? Die Fragen werden gesammelt und festgehalten. Ziel ist es, den SuS die Möglichkeit zu geben, Fragen zu formulieren, die vergleichbar mit denen bereits gestellten in den ersten Lernbausteinen sind, aber nicht das Leben ihr bekannter Personen, sondern einen bis dato gänzlich unbekannten Gegenstand fokussieren. Möglich wäre auch ein imaginativer Zugang etwa zu Sachquellen. Über eine alten Münze etwa könnte eine "Dingbiografie" erstellt werden: Wo war diese Münze schon? Zu welchen Zeitpunkten? Für welche Zwecke wurde sie genutzt? Wer könnte sie in der Hand gehalten haben?
Die SuS können formulierte Fragen an eine Quelle hinsichtlich des Mehrwerts für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit reflektieren. Ich kann einschätzen, ob eine historische Frage so gestellt ist, dass sie beantwortet werden kann. Die Fragen, die während des letzten Lernbausteins gesammelt wurden, werden den SuS erneut präsentiert. Nun sollen Fragen danach priorisiert werden, wie hilfreich sie laut Einschätzung der SuS sind, mithilfe der thematisierten Quelle (wie z. B. dem Tagebuch) etwas über die Vergangenheit herauszufinden. Fragen, die z. B. die Beschaffenheit der thematisierten Quelle adressieren (z. B. Warum hat das Tagebuch einen roten und keinen blauen Umschlag?) könnten demnach beispielsweise eine niedrigere Priorisierung erhalten als Fragen, die nach dem Inhalt der Quelle (z. B. Wer hat das Tagebuch geschrieben?) fragen. Ziel ist es, den SuS zu verdeutlichen, dass nicht alle Fragen eine vergleichbare Bedeutung haben, wenn es darum geht, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.
Die SuS können eine historische Frage formulieren, um sich mit einem historischen Sachverhalt auseinanderzusetzen.Ich kann eine historische Frage auch ohne passende Quellen formulieren.Ausgangspunkt dieses Lernbausteins ist das Formulieren einer historischen Frage, die sich ausgehend von einer ausgewählten Quelle auf einen historischen Sachverhalt bezieht. So könnte die Lehrkraft den SuS beispielsweise erklären, dass das mitgebrachte Tagebuch unter anderem den Zeitraum thematisiert, in dem der Zweite Weltkrieg (September 1939) begonnen hat. Die SuS überlegen anschließend, welche der gesammelten und priorisierten Fragen sie dazu nutzen bzw. ausweiten könnten, um die Quelle im Kontext des historischen Sachverhalts zu analysieren. Ausgehend von dem Beispiel des Tagebuchs wäre es z. B. denkbar, dass die SuS die besprochene Frage "Was steht in dem Tagebuch?" ausweiten zu der Frage "Was steht in dem Tagebuch über den Beginn des Zweiten Weltkriegs?" und diese als Fundament ihrer Beschäftigung mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nehmen. Ziel ist es, die SuS dafür zu sensiblisieren, dass eine historische Frage nicht lediglich von der Quelle, sondern auch vom jeweiligen Erkenntnisinteresse abhängig ist. Eine weitere Möglichkeit wäre, tatsächlich komplett ohne Quellen ein Interesse an einem spezifischen historischen Sachverhalt zu entwickeln. Eine mittelalterliche Stadtmauer vor Ort könnte etwa die Frage evozieren, wie und mit welchen technischen Mitteln die Mauer überhaupt gebaut wurde. Diese Frage kann dann wiederum ein Ausgangspunkt für eine Quellenrecherche werden (siehe nächster Schritt).
Die SuS können auf Grundlage einer historischen Frage Quellen auswählen, die ihnen dabei helfen, ihre aufgeworfene historische Frage zu beantworten.Ich kann Quellen bestimmen, die mir bei der Beantwortung meiner historische Frage helfen.

Die SuS sollen in diesem Lernbaustein reflektieren, welche Quellen sie neben bereits vorhandenen verwenden könnten, um etwas über einen historischen Sachverhalt unter Berücksichtigung einer historischen Frage herauszubekommen. Mit Hinblick auf das thematisierte Tagebuch könnten die SuS z. B. eruieren, ob die Zeilen, die im Tagebuch über den Beginn des Zweiten Weltkriegs berichten, ausreichend sind, um sich ein detailliertes Bild des Kriegsbeginns zu machen. Eine solche Reflexion der SuS würde auch ein Verändern der historischen Fragestellung nach sich ziehen, die nun nicht mehr eine bekannte Quelle mit einem historischen Sachverhalt in Verbindung bringt, sondern eine historische Frage fordert, die auf den historischen Sachverhalt ausgerichtet ist. Ein Beispiel wäre, dass die SuS sich fragen, warum der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, und das Tagebuch hierbei lediglich als eine von mehreren Quellen verstehen, die ihnen dabei helfen kann, ihre Frage zu beantworten. Ziel ist es, dass die SuS verstehen, dass die Beantwortung einer historischen Frage unter Umständen nicht lediglich über die Analyse einer einzelnen Quelle gelingen kann, sondern ein Mehraufwand nötig ist, um zufriedenstellende Antworten zu finden.

Die SuS reflektieren, ob die ausgewählten Quellen zur Beantwortung der aufgeworfenen historischen Frage passend waren.Ich kann beurteilen, ob die von mir recherierten Quellen bei der Beantwortung meiner historische Frage wirklich geholfen haben.Die SuS beschäftigen sich mit historischen Fragen auf einer metakognitiven Ebene, indem sie reflektieren, ob die verwendeten Quellen ihnen dabei helfen konnten, die formulierte historische Frage zu beantworten. Mit Blick auf die Beispielquelle Tagebuch könnten sich die Lernenden etwa damit beschäftigen, ob ihnen diese Quelle im Gegensatz zu anderen erschlossenen Quellen so helfen konnte, wie sie zu Beginn gedacht haben. Ziel ist es, die SuS ausgehend von einer historischen Frage zur Reflexion über die eigene Arbeitsweise anzuregen. Verzahnt werden müssen hier auch Bereiche der Methodenkompetenz, insofern etwa die Möglichkeiten der Quellenkritik hinsichtlich der Reichweite zur Beantwortung der Frage untersucht werden müssen.
Die SuS erkennen die Selektivität und Partialität historischer Erkenntnisprozesse.Ich weiß, dass ich mich der Vergangenheit immer nur in Ausschnitten nähern kann.Ebenso wichtig wie die Reflexion darüber, mit welchen Quellen, Darstellungen und sonstigen Informationen eine historische Frage beantwortet werden konnte, ist die Reflexion darüber, was nicht beantwortet werden konnte, vielleicht auch gar nicht beantwortet werden kann und welche Zugänge welche Informationen liefern können. Konkret geht es darum, dass die Lernenden erkennen, dass historische Fragen immer nur einen ausgewählten Ausschnitt der Vergangenheit thematisieren und diesen auch nur mit begrenzter Reichweite streifen. Um beim konkreten Beispiel des Tagebuchs zu bleiben, kann erarbeitet werden, ob die Tagebucheinträge für alle Zeitgenöss*innen gelten oder nur für die Personen selbst; ebenso können hier Fragen der Quellengattung thematisiert werden: Unterscheidet sich ein Tagebuch z.B. von einer Zeitungsquelle auch durch Stil, Duktus und Botschaft, die in einem jeweils spezifischen Medium verbreitet werden sollte? Wurden bestimmte Informationen ausgelassen? Gab es bestimmte Interessen der Quellenschreibenden, dass bestimmte Informationen transportiert werden sollten?

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Thünemann, H. (2009). Fragen im Geschichtsunterricht. Forschungsstand und Forschungsperspektiven. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 8, 115–124.

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3.3 Teilbereich C: Urteilen

Stufenmodell 4: Fragekompetenz

Insofern es bei der Beschäftigung mit Vergangenheit und Geschichte nicht um das Auswendiglernen von Fakten und historischen Sachverhalten geht, sondern diese immer wieder sowohl in die eigene Lebenspraxis als auch in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eingeordnet werden müssen, ist die Urteilsbildung zentral. Dabei steht zunächst die eher kognitivistische Ebene der Sach- und Werturteilsbildung im Mittelpunkt. In aktuellen didaktischen Ansätzen wird aber auch die metakognitive Ebene deutlich angesprochen. Das heißt, sich der eigenen Lernwege, der eigenen Einstellungen und Vorurteile sowie der eigenen Erfahrungen im Rahmen historischer Lernprozesse bewusst zu werden.

Stufenmodell 1: Urteilskompetenz

Wie bereits oben ausführlicher erläutert, kann die historische Urteilskompetenz sowohl als Operation als auch als Ziel historischen Lernens betrachtet werden. Die im deutschsprachigen Kontext doppelte Adressierung der Urteilsebene als Sach- und Werturteil ist durchaus anspruchsvoll und verschiedene Studien (u.a. Schönemann, Thünemann & Zülsdorf-Kersting, 2011) konnten immer wieder zeigen, dass die Unterscheidung für viele Personen äußerst schwierig ist. Die hier zusammengetragenen Zugänge sollen die epistemische Ebene, die hinter dieser Unterscheidung liegt, fördern. Dabei werden insbesondere die verschiedenen Zeit-, aber auch Sachebenen, die diesen beiden Zugriffen auf das historische Urteilen zugrunde liegen, adressiert. Die vorgeschlagenen Arbeitsweisen sind dabei mit anderen Teilbereichen, u.a. der Quellenkritik, deutlich verwoben.
Wichtig: Auch wenn die Darstellung in der Tabelle eine Reihenfolge vorgibt (erst Anbahnung des Sachurteils, dann des Werturteils) muss dies nicht in dieser Reihenfolge erfolgen! Insofern Menschen generell dazu neigen, zunächst etwas auf Basis eigener Wertvorstellungen einzuschätzen, kann auch dies ein guter Ausgangspunkt für einen kritischen Abgleich mit anderen Urteilen sein.

Tabelle: Stufenmodell 1: Urteilskompetenz

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

bepsStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
xDie SuS sind in der Lage, individuelle Vorlieben und Abneigungen zu äußern.Ich kann mitteilen, was ich richtig oder falsch (gut oder schlecht) finde.Die Lernenden äußern sich zu verschiedenen Sachverhalten in den ihnen eigenen Kommunikationsmköglichkeiten hinsichtlich persönlicher Präferenzen. Dies kann sich auf alltägliche Dinge wie Vorlieben oder Abneigungen zu bestimmten Unterrichtsstunden beziehen, aber auch schon zu proto-historischen Themen (Ritter, Kriege, etc.). Die Äußerungen können schriftlich, bildlich, verbal oder über Zuordnungsübungen erfolgen. Bei dieser Ebene handelt es sich noch nicht direkt um einen historischen Urteilsakt. Gleichwohl ist das Erkennen und Äußern (allgemeiner) eigener Präferenzen Voraussetzung, um auch von der eigenen Person unabhängige Sachverhalte beurteilen zu können.
xDie SuS können individuelle Vorlieben und Abneigungen anderer wahrnehmen.Ich kann verstehen, was andere richtig oder falsch/ gut oder schlecht finden.Entlang eines gemeinsames Gegenstandes (etwa ein historisches Thema, ein Spielzeug/Comic/Film etc. der Geschichte thematisiert) werden die verschiedenen indivuellen Vorlieben und Abneigungen gesammelt und einander vorgestellt. Soweit möglich begründen die einzelnen Lernenden, warum sie etwas gut oder schlecht/ richtig oder falsch finden. Auf dieser Ebene soll keine Beurteilung der jeweils anderen Einschätzungen vorgenommen werden. Diese werden als gleichwertig erst einmal nur vorgestellt und nicht durch andere kommentiert.
Die SuS setzen sich mit ihnen fremden Perspektiven auseinander. Ein Ziel ist dabei die Förderung der Ambiguitätstolerenz.Ich kann akzeptieren, dass meine Ansicht nicht immer mit der von anderen übereinstimmen muss.Aufbauend auf die vorangeganene Aktivität können die indivudellen Einschätzung gegenseitig kommentiert werden (Ich finde nicht, dass...ich bin anderer Meinung, weil...) Wichtig ist, dass Regeln des wertschätzenden Feedbacks besprochen werden und diese eingehalten werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, verschiedene Meinungsäußerungen von Personen, die nicht aus dem eigenen Schulkontext kommen, einzuteilen in "Finde ich richtig" oder "Finde ich falsch". Das können etwa Meinungskärtchen sein, aber auch kurze Filme, Bilder, Comics etc. Eine interessante Möglichkeit ist hier auch die Arbeit mit Concept Cartoons. Diese Lernmedien beinhalten verschiedene Situationsäußerungen im Cartoonstil, die als Grundlage für eine Unterrichtsreflexion dienen können. Mehr dazu bei: Buchberger, W., Eigler, N., & Kühberger, C. (2020). Mit Concept Cartoons politisches Denken anregen: Ein methodischer Zugang zum subjektorientierten politischen Lernen. Wochenschau.
xDie SuS setzen sich damit auseinander, dass die Beurteilung von Sachverhalten in verschiedenen Zeiten unterschiedlich sein konnte. Insofern die Vergangenheit aber stets "fremd" bleibt (denn die Menschen können ja nicht die ihnen unterstellten Ansichten nicht mehr verifizieren oder falsifizieren), ist ein Lernziel auch, dass eine gewisse Unsicherheit hinsichlicht dieser Einschätzung vorhanden bleiben muss.Ich verstehe, dass Menschen früher etwas anders gedacht haben könnten als Menschen heute.Die Lernenden arbeiten mit verschiedenen Quellen aus verschiedenen Zeiten. Insbesondere solche Quellen, in denen Personen ihre Ansichten zu für sie aktuelle Situationen äußern, etwa in Tagebüchern, als Graffiti, aber auch älteren Posts im Internet, können genutzt werden, um mit den SuS zu überlegen, ob heute (mehrheitlich) ähnliche Perspektiven geäußert werden würden. Dazu können heute abzulehnende Sachverhalte wie Kinderarbeit oder heute kontrovers verhandelte Themen wie "Autostädte in den 1970er Jahren" Alteritätsempfinden anregen. Wichtig ist hier ein sensibles Vorgehen bei Themen, die gegen die Menschenrechte stehen. So darf etwa eine Quelle, die sich positiv über Sklaverei äußert, nicht als Beleg bewertet werden, dass Sklaverei relativiert wird. In dieser Phase gilt es also auch schon mit dem SuS zu thematisieren, wer aus welcher (Macht)Position heraus eine Ausssage in der Vergangenheit geäußert hat oder äußern konnte.
xDie SuS können ihre Werte begründet vortragen.Ich kann erklären, warum ich etwas richtig oder falsch finde.Die Lernenden beurteilen einen (kontroversen) historischen Sachverhalt (z.B. Kinderarbeit in der Industrialisierung) und begründen diese. Dabei können ihnen Scaffolds wie Modellsätze helfen (Ich bin der Meinung, weil.... etc.). Je nach Lerngruppe können auch verschiedene Pro-Kontra-Aussagen zure Verfügung gestellt werden, welche die SuS nutzen können, um ihren eigenen Standpunkt zur erläutern.
xxDie SuS könen geschichtswissenschaftliche Texte oder Sachtexte über Geschichte inhaltlich zusammenfassen.Ich kann Texte anderer über die Geschichte zusammenfassen.Diese Aktivität ist nicht direkt eine Facette der Urteilsbildung. Gleichwohl ist die Fähigkeit, geschichtswissenschaftliche Texte oder Sachtexte zur Geschichte zu paraphrasieren notwendig, um ein historisches Sachurteil fällen zu können.
xxDie SuS können Quellen interpretieren und ihre Interpretationen prüfen.Ich kann Quellen interpretieren und mit Sachinformationen abgleichen.Die Lernen interpretieren verschiedenen bereitgestellten Quellen (Texte, Bilder, Videos, Objekte etc.). Sie vergleichen ihre Ergebnisse mit Modellinterpretationen. Diese können entweder durch die Lehrkräfte selbst verfasst sein oder Auszüge aus Schulbüchern oder Auszüge aus historischen Sachtexten/ Medien.
xxDie SuS fällen ein Sachurteil, welches zeitgenössische Perspektiven ebenso berücksichtigt wie sachliche Einordnungen dieser Perspektiven aus späteren Zeiten bis hin zur Gegenwart.Ich kann möglichst objektiv aus der Perspektive zeitgenössischer Situationen argumentieren. Ich kann meine Argumente mit denen anderer Personen, z.B. Historiker*innen, abgleichen.Interpretationen zu historischen Sachverhalten auf Basis von Quellen werden beurteilt. Dabei wird insbesondere versucht, aus der jeweiligen zeitgenössischen Perpektive zu argumentieren. Damit diese Perspektiveinnahme nicht spekulativ bleibt, werden unterstützend Informationen aus Sachtexten hinzugenommen. Ein Abgleich der eigenen Beurteilung erfolgt mit denen aus der anderen herangezogenen. Die verschiedenen Sachurteile in der Lerngruppe können miteinander verglichen werden.
xxDie SuS fällen ein Werturteil, welches zeitgenössische Perspektiven ebenso berücksichtigt wie die eigenen begründeten Einstellungen und Einschätzungen der Situation aus der gegenwärtigen Perspektive.Ich kann einen historischen Sachverhalt begründet auf Basis meiner Werte beurteilen.Interpretationen zu historischen Sachverhalten auf Basis von Quellen werden auf Basis der eigenen Wertvorstellungen beurteilt. Dabei sollte deutlich werden, dass diese Beurteilung auch emotionale Komponenten beinhalten kann, aber dennoch stets versucht wird, eine Begründung für die Einschätzungen zu geben. Zudem sollte versucht werden, auch in den Abgleich zur Vergangenheit zu treten: Warum konnte dieses Ereignis/ dieser Sachverhalt so in der Vergangenheit stattfinden? Was waren die Rahmenbedingungen? Was wäre heute anders? Die verschiedenen Werturteile in der Lerngruppe können miteinander verglichen werden.
xDie SuS entwickeln flexible Zugänge zu historischen Sachverhalten und Urteilen und können diese einnehmen und verteidigen.Ich kann verschiedene Positionen zu einem Sachverhalt gegeneinander abwägen. Ich kann auch mir entgegenstehende Positionen einnehmen.In verschiedenen Formaten (Essays, Pro-Kontra-Diskussionen, Podiumsdiskussionen, Ausstellugnen etc..) entwickeln die Lernenden historische Erzählungen auf Basis fachlicher Standards (Quellenkritik, Urteilsbildung etc.) und "verteidigen" diese gegeneinander. Verschiedene Unterstützungsmaßnahmen wie Essaypläne (Barsch, 2020, 90) können die Entwicklung der Argumentationen unterstützen. Einzel- und Gruppenarbeiten ermöglichen sowohl individuelle Urteilsbildungsprozesse als auch Aushandlungen untereinander.

Praxisorientierte weiterführende Literatur:

  • Winklhöfer, C. (2020). Urteilsbildung im Geschichtsunterricht. Wochenschau.
  • Genthner, L. (2023). Urteilsbildung im Geschichtsunterricht. Eine qualitativ-empirische Studie zu Überzeugungen und Praktiken von Lehrkräften. V&R.

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4. Führerscheine für Kinder und Jugendliche

Ziel von Geschichtsunterricht ist es, die Ausbildung historischer Kompetenzen, wie zum Beispiel die erwähnten Orientierungs-, Methoden-, Sach- und Urteilskompetenzen, zu fördern. Entsprechend notwendig ist es für Schülerinnen, ihre eigene Kompetenzentwicklung einschätzen und überprüfen zu können. Im Folgenden sollen ausgehend von den in den jeweiligen Tabellen festgehaltenen Überlegungen zum historischen Kompetenzaufbau vier “Führerscheine” vorgestellt werden, mithilfe derer Schülerinnen ihr momentan bestehendes Können hinsichtlich ihrer historischen Orientierungs-, Methoden- und Urteilskompetenz ermitteln können. Allen Führerscheinen inhärent ist das Verfügen über historische Sachkompetenzen, die sich im Verstehen und Anwenden von Begriffen und Konzepten (z. B. früher / später oder Quelle / Darstellung) ausdrücken. Der vierte Führerschein setzt sich zudem zum Ziel, den Kompetenzerwerb über das Einüben einer Methode (projektförmiges Lernen) zu evaluieren.

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4.1 Führerschein für die Überprüfung der eigenen Orientierungskompetenz

Im Geschichtsunterricht sollen die Schüler*innen unter anderem lernen, sich zeitlich zu orientieren. Dies gilt sowohl für das eigene Leben als auch für vergangene Zeiten, die jenseits der eigenen Lebenszeit verortet sind. Der folgende Führerschein ist so aufgebaut, dass das Niveau der notwendigen zeitlichen Orientierungsfähigkeit sukzessive zunimmt.

Das werde ich noch erforschen und übenDas kann ich
Ich kann mein eigenes Leben in verschiedene Abschnitte unterteilen (z. B. Kindheit und Jugendalter oder Grundschulzeit und Zeit an der weiterführenden Schule).
Ich kann in meinem eigenen Leben Zeitpunkte benennen, an denen sich etwas geändert hat (z. B. Schulwechsel nach der vierten Klasse).
Ich kann verschiedene Zeiteinteilungen (z. B. Jahres- und Tageszeiten oder Epochen) benennen, die unabhängig von mir existieren.
Ich kann verschiedene Zeiteinteilungen voneinander abgrenzen, indem ich Begriffe wie „früher“, „jetzt“, „später“ bzw. „gestern“, „heute“,
„morgen“ benutze.
Ich kann verschiedene Zeiteinteilungen dazu nutzen, um Zeiträume in der Vergangenheit zu strukturieren (z. B. Mittelalter à Epoche; Erster Weltkrieg à 1914 – 1918).
Ich kann erklären, welche Zeiteinteilung warum genutzt worden istbzw. genutzt wird und wie sie sich von anderen unterscheidet (z. B. christliche und islamische Zeitrechnung).
Ich kann Zeiteinteilungen kritisch hinterfragen, indem ich Begriffe für Zeiteinteilungen auf ihre Plausibilität hin überprüfe (z. B. kann ich überprüfen, ob die in meinem Alltag gängig genutzten Epochenbezeichnungen auch für das vergangene Geschehen abseits des mitteleuropäischen Raums sinnvolle Begriffe sind).

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4.2: Führerschein für die Überprüfung der eigenen Methodenkompetenz

Das werde ich noch erforschen und übenDas kann ich
Ich kann eigene Erinnerungen
(z. B. eines bestimmten Geburtstages) oder mir bekannte Gegenstände (z. B. meine Schultüte zur Einschulung) nutzen, um Ereignisse aus meiner Vergangenheit zu schildern.
  
Ich kann eine Quelle (z. B. die Kapitulationserklärung Deutschland von 1945) von einer Darstellung (z. B. die Beschreibung der Unterzeichnung der Kapitulation durch das deutsche militärische Oberkommando aus Sicht einer Historikerin) unterscheiden.    
Ich kann mir bekannte Quellen (z. B. ein Gesellenbrief meines Opas) nutzen, um Ereignisse aus der Vergangenheit zu schildern.  
Ich kann mir vorher unbekannte Quellen (z. B. ein Brief einer ehemaligen Bürgermeisterin meiner Stadt) nutzen, um Ereignisse aus der Vergangenheit zu schildern.    
Ich kann Informationen, die ich aus Quellen gewonnen habe, kritisch überprüfen (z. B. durch das Abgleichen mit weiteren vorliegenden Quellen oder einer eigenen Recherche).  
Ich kann Informationen aus verschiedenen Quellen (z. B. aus einem Interview mit einem Zeitzeugin, einer Rede von einem Politiker und einem Artikel aus einer Tageszeitung) nutzen, um eine Geschichte zu verfassen (z. B. das Ende des Zweiten Weltkriegs).  
Ich kann verfasste Geschichten auf ihre Triftigkeit hin überprüfen und ggf. überarbeiten.  

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4.3: Führerschein für die Überprüfung der eigenen Urteilskompetenz

Im Geschichtsunterricht sollen Lernende das Beurteilen von historischen Sachverhalten mittels des Formulierens von Sach- und Werturteilen einüben. Dafür müssen Schüler*innen gleichermaßen lernen, Sach- und Werturteile zu erkennen und zu formulieren. Der folgende Führerschein fragt nach diesen Fähigkeiten der Lernenden und geht dabei von einer sukzessive zunehmenden Komplexität im Erkennen und Formulieren von Sach- und Werturteilen aus.

Das werde ich noch erforschen und übenDas kann ich
Ich kann ausdrücken, was ich richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht finde.  
Ich kann verstehen, was andere Personen richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht finden.  
Ich kann verstehen, dass Menschen früher etwas anderes gedacht haben könnten als Menschen heute.  
Ich kann erklären, warum ich etwas richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht finde.  
Ich kann Darstellungen und Quellen zusammenfassen bzw. interpretieren.  
Ich kann meine Argumente mit denen anderer Personen (wie
z. B. Historiker*innen) vergleichen und ggf. anpassen.
  
Ich kann einen historischen Sachverhalt auf Basis meiner eigenen Werte beurteilen.  

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4.4: Führerschein für die Überprüfung des eigenen Könnens zur Projektarbeit

Der vorgeschlagene exemplarische Unterrichtsentwurf in Kapitel 5 fußt auf den Prinzipien des projektförmigen Arbeitens, in dessen Rahmen historische Orientierungs-, Methoden- und Urteilskompetenzen gefördert werden. Im Folgenden soll ausgehend von der Prämisse, dass das projektförmige Arbeiten Fähigkeiten voraussetzt, die Schüler*innen beherrschen müssen, um entsprechend methodisch erfolgreich arbeiten zu können, ein Führerschein vorgestellt wird, der die historische Kompetenzförderung im Kontext einer spezifischen methodischen Arbeitsweise überprüfbar machen soll.

Das werde ich noch erforschen und übenDas kann ich
Ich kann meinen eigenen Lernprozess mithilfe eines Lerntagebuchs dokumentieren.  
Ich kann die Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse von Gruppenarbeiten in einem Lerntagebuch dokumentieren.  
Ich kann passende Materialien auswählen, um mich mit einem historischen Thema auseinanderzusetzen.  
Ich kann alleine ein historisches Thema festlegen, mit dem ich mich beschäftigen möchte.  
Ich kann zusammen mit anderen ein historisches Thema festlegen, mit dem ich mich beschäftigen möchte.  
Ich kann Informationen zu einem historischen Thema finden und in einem für mich passenden Medium aufbereiten.  
Ich kann aufbereitete Informationen zu einem historischen Thema anderen Menschen präsentieren.  
Ich kann meinen Arbeitsprozess mithilfe eines Lerntagebuchs nachvollziehen und evaluieren.  

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5. Exemplarischer Entwurf für das Lernen am gemeinsamen Gegenstand

Für das historische Lernen wurde das Lernen am gemeinsamen Gegenstand bislang nur selten diskutiert. Gleichwohl gibt es einige konzeptionelle Arbeiten, die die Verbindung zwischen diesem Ansatz und dem Ansatz des Lernens entlang von Basiskonzepten thematisieren (Kühberger, 2012; Barsch, 2020, 12–18). Basiskonzepte im Geschichtsunterricht dienen dazu, historisches Wissen systematisch zu strukturieren und auf unterschiedliche Lernwege anzuwenden. Sie ermöglichen es, historische Phänomene anhand grundlegender Prinzipien wie „Zeitverläufe“, „Perspektive“ oder „Bauplan“ zu verstehen. Statt einzelner historischer Ereignisse stehen dabei allgemeine Konzepte wie „Revolution“ im Mittelpunkt, um übertragbares Wissen aufzubauen (Kühberger, 2012). Diese Basiskonzepte können also als gemeinsamer Gegenstand genutzt werden.

Der hier vorgestellte projektförmige Unterricht ist die exemplarische Gestaltung einer historischen Ausstellung durch die Lernenden (Abb. 2). Dabei wird auf Kompetenzen aus allen Stufenmodellen zurückgegriffen. Idealerweise erfolgt im Rahmen von Projektunterricht die Themenfindung zu einem großen Anteil durch die Schülerinnen (Barsch, 2020, 50). Gleichwohl wird die schulische Praxis oft durch die Unterstützung bei der Themenfindung durch die Lehrkräfte geprägt sein. Wichtig ist es jedoch, ein Unterrichtssetting zu finden, bei dem in den verschiedenen Phasen alle Schülerinnen mit den ihnen eigenen Expertisen zum Gelingen des historischen Lernens beitragen können (Wolter, 2018).

Grafik zum Lernen am gemeinsamen gegenstand

Abb. 2: Idealtypischer Ablauf eines projektförmigen Unterrichts (aus Nohl 2014, 10).

Nicht nur aus pädagogischen, sondern auch aus fachdidaktischen Gründen ist die Dokumentation der Lernprozesse von Bedeutung. Eine Dokumentation kann z.B. mittels Lerntagebüchern erfolgen. Lerntagebücher dienen der Aufzeichnung von Reflexionen, Selbsteinschätzungen, Fragen und Lernergebnissen. Auch Gruppenarbeiten können darin festgehalten werden, beispielsweise wie die Zusammenarbeit organisiert wurde, welche Materialien genutzt und welche Entscheidungen getroffen wurden. Zudem ermöglichen sie eine Einschätzung des Arbeitsprozesses und der Zufriedenheit mit dem Ergebnis (Adamski, 2014, 93). Aus einer geschichtsdidaktischen Perspektive ist im Kontext der hier vorgestellten Unterrichtsidee insbesondere von Bedeutung, dass in solchen Tagebüchern auch die Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse von Gruppen festgehalten werden können, wodurch der Konstruktcharakter von Geschichte verdeutlicht werden kann, wenn die Tagebücher besprochen werden. So kann deutlich werden, dass die Darstellung in der Ausstellung nicht zwangsläufig genauso sein muss, wie sie am Schluss ist, sondern auch andere Formen hätte annehmen können.

Das hier vorgestellte Beispiel adressiert den gemeinsamen Gegenstand “Geschichte ausstellen” oder “Geschichte darstellen” und ist im Bereich der Geschichtskultur verankert, wobei während des Prozesses der Ausstellungsplanung sowohl Quellenarbeit, zeitliche Orientierung und Urteilskompetenz nötig sind. Denkbar ist aber auch, dass andere Basiskonzepte als gemeinsamer Gegenstand adressiert werden, etwa „Wandel“, wenn z.B. Veränderungen in der Stadt oder in der Schule untersucht werden. Speziell bei diesem Beispiel ist ein gemeinsamer Gegenstand auch “Revolution”. Insofern auch über Entscheidungswege, Interessen sowie individuelle Fähigkeiten und Rollen reflektiert wird, spielt auch metakognitives Wissen eine Rolle.

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5.1: Grobplanung des Projektes zur Ausstellung “Revolutionen in der Geschichte: Alle gleich?”

Revolutionen sind Wendepunkte in der Geschichte, in denen Menschen bestehende Strukturen in Frage stellen und für Veränderungen kämpfen. Revolutionen haben die Geschichte immer wieder grundlegend verändert. Ob die Französische Revolution, die Revolution von 1848 oder die „friedliche Revolution“ in der DDR: Jede Revolution hatte ihre eigenen Ursachen, Akteure und Folgen, aber alle zeigen, wie gesellschaftlicher Wandel entsteht.
In diesem Projekt setzen sich die Schüler*innen mit verschiedenen Revolutionen auseinander und gestalten gemeinsam eine interaktive Ausstellung. Dabei setzen sie sich nicht nur mit der Dynamik politischer Umbrüche auseinander, sondern reflektieren auch deren Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft. Im Projektverlauf werden die unterschiedlichen Stärken und Fähigkeiten der Lernenden gezielt eingebunden: Während die einen Textquellen recherchieren, setzen andere Bildquellen in Beziehung, drehen Erklärvideos oder bereiten mündliche Präsentationen vor. Ein Lerntagebuch begleitet die gesamte Projektarbeit und ermöglicht Reflexion und individuelle Lernprozesse.

Mögliche Ablaufskizze

In der Einstiegsphase (oder wie hier: geleiteten Themenfindungsphase) nähern sich die Schülerinnen auf vielfältige Weise dem Begriff „Revolution“. An verschiedenen Stationen setzen sie sich mit Bildern, Schlagworten und kurzen Texten auseinander. Eine zentrale Aktivität ist die Zuordnung von Bild- oder Textquellen: Verschiedene Bilder, z.B. von Demonstrationen, Kriegen oder politischen Versammlungen, sollen entweder dem Stapel „revolutionäres Ereignis“ oder „kein revolutionäres Ereignis“ zugeordnet werden – jede Entscheidung muss begründet werden. Die Begründungen können individuell auf Basis der jeweiligen Niveaus der Lernenden erfolgen und schriftlich oder mündlich gesichert werden. Schülerinnen, die weniger lesen, arbeiten mit Bildkarten, schauen Videos oder äußern ihre Gedanken mündlich. Weitere Aufgaben sind das Erstellen von Mindmaps, Ideensammlungen und Kurzanalysen von Revolutionen in der Geschichte. Für einige Lernende kann es anregend sein, über Dinge in der Gesellschaft/im Nahbereich nachzudenken, die sie nicht gut finden/ nicht ändern wollen. Auf diese Weise wird das Phänomen „Unzufriedenheit“ auf einer elementaren Ebene thematisiert. In einer Abschlussrunde werden erste Gedanken und offene Fragen im Lerntagebuch festgehalten.

In der Projektplanungsphase legen die Schülerinnen gemeinsam fest, wie ihre Ausstellung gestaltet werden soll. Sie wählen Revolutionen aus, die sie genauer untersuchen möchten und planen die Recherchearbeit: Einige besuchen Archive oder Bibliotheken, andere führen Interviews mit Zeitzeuginnen, etwa zur friedlichen Revolution in der DDR. Schülerinnen, die weniger lesen, konzentrieren sich auf das Zuordnen und Vergleichen von Bildquellen oder bearbeiten Revolutionen durch Erklärfilme und Audiodokumente. In Gruppen werden erste Konzepte für die Ausstellung erarbeitet: Welche Aspekte sollen thematisiert werden? Wie sollen Texte, Bilder und interaktive Elemente zusammenwirken? Alle Entscheidungen werden in einem Lerntagebuch dokumentiert.

Die Projektdurchführung ist die Phase, in der die Ausstellung Gestalt annimmt. Die Schülerinnen verfassen Texte, gestalten Plakate und Infotafeln oder bereiten digitale Medien auf. Um den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gerecht zu werden, werden verschiedene Präsentationsformen eingesetzt: Während einige Gruppen schriftliche Erklärungen verfassen, drehen andere Erklärvideos oder bereiten mündliche Vorträge vor. Schülerinnen, die nicht schreiben können, können Bilder oder Symbole einsetzen, gesprochene Beiträge aufzeichnen oder mit Unterstützung Erklärtexte formulieren. Jede Gruppe erarbeitet eine Station der Ausstellung, so dass ein abwechslungsreiches Gesamtbild entsteht. Die Präsentation bildet den Höhepunkt des Projekts: Die Ausstellung wird eröffnet und den Mitschülerinnen, Lehrkräften und Eltern vorgestellt. In einem Rundgang führen die Schülerinnen durch ihre Stationen, erklären Inhalte und beantworten Fragen. Dabei kommen verschiedene Darstellungsformen zum Einsatz: Manche Schülerinnen halten Vorträge, andere führen die Besucherinnen durch eine Bildergalerie, wieder andere präsentieren Videos oder Hörstationen. Die Ausstellung ist so konzipiert, dass verschiedene Sinne und Medien angesprochen werden, um ein breites Verständnis von Revolutionen zu ermöglichen. In der abschließenden Reflexionsphase evaluieren die Schülerinnen das Projekt anhand ihrer Lerntagebücher. Sie reflektieren, was sie gelernt haben, auf welche Herausforderungen sie gestoßen sind und wie sie die gemeinsame Arbeit erlebt haben. In einer abschließenden Diskussionsrunde werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengetragen: Was haben Revolutionen gemeinsam? Was unterscheidet sie? Welche Rolle spielen Revolutionen in der heutigen Gesellschaft? Die Schüler*innen geben sich gegenseitig Feedback und überlegen, was sie aus diesem Projekt für ihr zukünftiges Lernen mitnehmen können.

Im folgenden Kapitel 6. wird die Aufmerksamkeit für unterschiedliche Lernausgangslagen im inklusiven Unterricht hervorgehoben. Die dort zu findenden Anregungen sind auch hilfreich für den in diesem Kapitel 5. Lernen am gemeinsamen Gegenstand vorgestellten Unterricht.

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6. Entwürfe für die Arbeit an Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen

Von der Grundstruktur her unterscheidet sich inklusiver Geschichtsunterricht nicht grundsätzlich von der Planung eines nicht-inklusiven Geschichtsunterrichts. Dies ist nicht verwunderlich, da Inklusion den Anspruch hat, möglichst umfassend zu sein. Unter inklusiven Gesichtspunkten gilt es jedoch, eine größere Sensibilität für die Diversität der Gruppe zu entwickeln und vor allem der Frage nachzugehen, ob neben den großen Meistererzählungen tatsächlich verstärkt solche Geschichten im Unterricht verhandelt werden sollten, die für die jeweilige Lerngruppe als besonders relevant angesehen werden können. Es gilt, die Lernenden mit ihren subjektiven Vorstellungen, Fragen, aber auch Urteilen stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Es geht also auch darum, die persönlichen Geschichten der Lernenden und ihr Verständnis von Ereignissen in der Welt in den Mittelpunkt zu stellen, Wissen und Verständnis dafür aufzubauen, wie verschiedene Menschen in ihrer Zeit gelebt haben und mit welchen Vorstellungen über die Vergangenheit in der Gegenwart operiert wird. Dabei unterstützen im Idealfall vielfältige Quellen und Darstellungen nicht nur der Textsorte Schriftquelle, sondern auch andere Zugangsweisen den Lernprozess (Smith 2010, 68).

Für die konkrete Planung des Geschichtsunterrichts könnten die folgenden fünf Handlungsschritte Anregungen geben (entnommen und angepasst aus Barsch 2020, 77–80, siehe auch Abb. 3):

  1. Diagnose der Lernausgangslage
    
Hier geht es um die Erfassung bereits vorhandener historischer Kompetenzen und Interessen. Dabei geht es nicht nur um methodische Aspekte, sondern bereits um die Ebene der historischen Sinnbildung und die Frage, welche Geschichten und historischen Inhalte für die jeweilige Gruppe einen Lebensweltbezug haben. Ebenso gehört die Zielformulierung mit den Schülerinnen, die idealerweise gemeinsam mit ihnen formuliert wird, in diese Phase. Ebenso werden notwendige Unterstützungsmaßnahmen, z.B. zur Herstellung von Barrierefreiheit oder Scaffolding (Sieberkrob & Brunzlow 2017) für Lernprozesse, berücksichtigt.
  2. Prozessbegleitende Diagnostik und Dokumentation
    
Inklusiver Geschichtsunterricht ist durch eine gewisse Offenheit gekennzeichnet (wobei geschlossene und angeleitete Phasen immer auch didaktisch gut begründet sein können). Er wird oft nicht so genau durchgeführt, wie zu Beginn geplant, da Lernwege überraschend sein können und Lehrkräfte auch offen für unterschiedliche Zugangsweisen sein sollten. Eine Diagnose und Dokumentation der Lernprozesse sollte daher auch während der Unterrichtsphasen erfolgen und z.B. in Lerntagebüchern, Portfolios oder Kompetenzrastern dokumentiert und mit den Lernenden reflektiert werden.
  3. Einbindung der Schülerinnen in die Zielformulierung

    Obwohl bereits erwähnt, soll an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass in einem inklusiven Setting, auch im Sinne der Partizipation und der Selbstwirksamkeitserfahrung der Lernenden, die Beteiligung an der Zielformulierung ein wichtiges Grundprinzip darstellt. Über individuelle Entwicklungspläne, Kompetenzraster oder Zielvereinbarungen können gemeinsam mit den Schülerinnen Wege zur Zielerreichung gefunden werden.
  4. Gestaltung eine Unterrichtseinheit, die möglichst offen ist
    Die gesamte Lerngruppe profitiert von der Vielfalt der Zugänge zum historischen Lerngegenstand, wobei hier die Modelle des Universal Design of Learning eine gute Grundlage bieten können (Barsch & Kühberger 2020a). Im Idealfall können die Schülerinnen aus einer Vielfalt von Materialien lernen, ohne dass ihnen immer vorgegeben wird, welches Thema oder welche Medien sie verwenden sollen. Dennoch ist es natürlich die Aufgabe der Lehrkraft als Lernbegleitung, die Schülerinnen dabei zu unterstützen und für sie anspruchsvolle, aber noch bewältigbare Aufgaben zu finden.
  5. Reflexion der erreichten Lernziele, nächste Schritte
    Eine Beteiligung der Schüler*innen bei der Lernzielformulierung bedeutet auch, dass sie während des Prozesses und am Abschluss des Lernprozesses hinsichtlich ihrer Erfolge, aber auch Schwierigkeiten ebenfalls beteiligt sind. Zu diesem Zweck werden die zu erfassenden Dokumentationen aufgegriffen und mit den Lernenden besprochen. Die Ergebnisse werden reflektiert, gemeinsam wird überlegt, was die nächsten Ziele sein können.

Abb. 3: Planungsschritte für einen inklusiven Geschichtsunterricht (eigene Darstellung).

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7. Kommentierter Überblick über weitere Stufenmodelle

Für das historische Lernen in der Schule gibt es keine allgemein gültigen Standards. Es gibt verschiedene geschichtsdidaktische Kompetenzmodelle und innerhalb dieser verschiedenen Ausprägungen von Stufenmodellen. Insbesondere auf der Ebene der Lehrpläne haben sich in den Bundesländern teilweise auch verschiedene Mischformen etabliert, bei denen nicht immer ganz klar ist, nach welchen Kriterien die Kompetenzen definiert und teilweise auch graduiert wurden (Barsch & Kühberger 2020b). Am weitesten ausgearbeitet ist das oben bereits vorgestellte Kompetenzmodell der FUER-Gruppe. Dieses integriert als einziges der bislang etablierten Modelle theoretisch umfassend formulierte Graduierungen, auch wenn diese bislang nur wenig empirisch hinsichtlich ihrer tatsächlichen Ausprägung untersucht wurden. Die Definition solcher Niveaus erweist sich jedoch als schwierig. Denn für das historische Lernen sind auch schwer messbare Aspekte wie Emotionen, Ästhetik oder Moral zu berücksichtigen (ebd., 205–206). Auch die Frage, was genau historisches Lernen ist, muss berücksichtigt werden. So ist die Annahme, dass ein Lernen von Geschichte entlang einer Chronologie tatsächlich historisches Wissen aufbaut, eher ein Stereotyp. Der Lernfortschritt ist beim historischen Lernen durchaus immer individuell zu verstehen und nicht immer konsekutiv, wie es vielleicht in anderen Fächern der Fall ist (Barricelli, Gautschi & Körber 2017, 228–229). Gleichwohl gibt es seit einigen Jahren Forschungsbemühungen in diesem Bereich (Trautwein u.a. 2017)

Das FUER-Kompetenzstufenmodell unterscheidet fünf Stufen von einer unpassend “Nullniveau” genannten Stufe bis zu einer ebenso unpassend “Maximalniveau” genannten Stufe. Andreas Körber betont gleichwohl, dass die höchste Stufe nicht als verbindliches Ziel für alle Lernenden verstanden werden darf und die Minimal- und Maximalstufen als ideelle Typen zu verstehen seien (2007). Die für die “Praxis” relevanten drei Stufen in der Mitte können – grob zusammengefasst – so beschrieben werden (in Anlehnung an Schreiber 2008, 207–208):

NiveauBezeichnungMerkmaleBildhafte Umschreibung
Basales Niveaua-konventionell• Erste Ansätze historischen Denkens
• Wissen ist unsystematisch
• Begriffe und Methoden werden intuitiv genutzt
• Kommunikation über Geschichte ist schwierig
Einzelne Puzzlestücke ohne größere Kontextualisierungen; eigene, spontane Deutungen
Intermediäres Niveaukonventionell• Orientierung an gesellschaftlich anerkannten Konventionen
• Nutzung von Fachbegriffen, Konzepten, Vorgehensweisen
• (fachlicher) Austausch über Geschichte möglich

Puzzlestücke fügen sich zu einem Bild; Nutzung von „Spielregeln“ der Geschichtskultur

Elaboriertes Niveautrans-konventionell• Konventionen werden bewusst reflektiert
• Eigene Konzepte können entwickelt werden
• Historisches Denken ist kritisch, selbstständig und flexibel
Puzzlestücke werden neu angeordnet, ergänzt oder verändert; kritisches Denken, kreative Zugänge werden gewählt

Auch wenn die empirische Validierung des Niveaustufenmodells noch nicht abgeschlossen ist und die Niveaustufen zunächst vor allem für einen forschenden Blick auf individuelle historische Aneignungsprozesse geeignet sind, kann eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Niveaustufen zustande kommen und wie sich die einzelnen Lernenden innerhalb dieser Parameter bewegen, auch für die Planung von inklusivem Geschichts- und Geschichtsunterricht von großer Relevanz sein.

Allerdings fällt auf, dass diese eher kognitivistisch ausgerichtet sind. Judith Riegert schlägt daher vor, auch den Gebrauch kultureller Zeichen von der anschaulichen, konkret-gegenständlichen Ebene sowie basal-perzeptive Aneignungsweisen stärker in Graduierungslogiken und Stufenmodelle einzubeziehen. Damit orientiert sie sich deutlich an sonderpädagogischer Theoriebildung (Riegert 2020).

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8. Literaturverzeichnis

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Titelbild:
Ruth Klüger: Zoltan Kluger, Public domain, via Wikimedia Commons
Berliner Mauerfall, Bornholmer Straße 1989: By Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-018 / Roeske, Robert / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5424867