Stufenmodelle Politische Bildung

Einreichfassung von Andreas Petrik, David Jahr.

Inhaltsverzeichnis

  1. Abkürzungsverzeichnis
  2. Einleitung zum Fach
    2.1 Politik und Demokratisierung
    2.2 Inklusiver Politikbegriff: Vier politische Handlungs- und Deutungsräume
    2.3 Fünf politische Kompetenzen
    2.4 Übergreifendes Stufenmodell für den inklusiven Politikunterricht. Der basale Zugang: Ich und meine Bedürfnisse
  3. Stufenmodelle zu vier politischen Räumen
    3.1 Teilbereich: „Wir“, Politischer Raum: Lebenswelt
    3.2 Teilbereich „Fälle“, Politischer Raum: Öffentlichkeit
    3.3 Teilbereich „Konflikte“, Politischer Raum: Institutionen
    3.4 Teilbereich „Probleme“, Politischer Raum: Sozialwissenschaft
  4. Führerscheine für Kinder und Jugendliche
    4.1 Diskussions-Führerschein: Alltagskonflikte demokratisch diskutieren
    4.2 Konflikt-Führerschein: Politische Konflikte analysieren
    4.3 Fall-Führerschein: Soziale, wirtschafltiche und rechtliche Fälle analysieren
    4.4 Problem-Führerschein: Gesellschaftliche Probleme wissenschaftsnah untersuchen
    4.5 Forschungs-Führerscheine
    4.5.1 Umfrage-Führerschein: Mit Umfragen Meinungen erforschen
    4.5.2 Interview-Führerschein: Mit Interviews Erfahrungen verstehen
  5. Exemplarische Entwürfe für das Lernen am gemeinsamen Gegenstand
  6. Entwürfe für die Arbeit an Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen
  7. Kommentierter Überblick über weitere Stufenmodelle
    7.1 Orientierung an den EPAs
    7.2 Scientific literacy nach Bybee
    7.3 Stufenmodelle nach Piaget und Kohlberg
    7.4 Das demokratiepädagogische Stufenmodell des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben“
  8. Literaturverzeichnis
    8.1 Literatur außer Stufenmodell
    8.2 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Wir“
    8.3 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Fälle“
    8.4 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Konflikte“
    8.5 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Probleme“

1. Abkürzungsverzeichnis

ReMi = Reckahner Modelle zur inklusiven Unterrichtsplanung
SuS = Schülerinnen und Schüler
KMK = Kultusministerkonferenz

Meso-Institutionen = Institutionen, die angesiedelt sind zwischen der Makroebene großer gesellschaftlicher Systeme auf der einen und der Mikroebene persönlicher alltäglicher Erfahrungen auf der anderen Seite.


2. Einleitung zum Fach

Politik lässt sich einfach als die verbindliche Regelung unseres Zusammenlebens definieren – und zwar auf allen Ebenen: lokal (auch im Viertel oder in der Schule), regional, national und international. Den normativen Kern bildet die Demokratie. Sie beruht auf der Vorstellung, dass politische Entscheidungen direkt oder indirekt von möglichst allen Menschen mitbestimmt werden können. Dies setzt gleiche Grundrechte für alle voraus sowie die Regel, dass Mehrheiten diese Rechte nicht abschaffen dürfen; insbesondere der Schutz der schwächsten Minderheiten ist hierbei unverzichtbar. In diesem Sinne verstehen wir Demokratie als einen Prozess, der darauf abzielt, immer mehr Menschen gleiche Rechte und wirksame Teilhabe (Partizipation) zu ermöglichen.

Das Schulfach Politische Bildung (oder auch Politik/Wirtschaft/Soziales) befasst sich sowohl mit demokratischer als auch mit undemokratischer Politik (wie etwa autokratischen Entscheidungen oder Machtmissbrauch). Es ist der profilbildende Ort in der Schule, an dem Demokratiebildung nicht bloß als Querschnittsaufgabe verstanden, sondern politikwissenschaftlich und soziologisch fundiert wird. Wir begreifen diese beiden Bezugswissenschaften als gleichberechtigt und betrachten den Politikunterricht konsequent als das „Hauptfach der Demokratie“.

Was gute politische Bildung ausmacht, ist dabei ebenso umstritten wie die Politik selbst. Dies spiegelt sich schon darin wider, dass das Fach in jedem Bundesland anders heißt und unterschiedliche Schwerpunkte setzt. In der Primarstufe ist es zwar als sozialwissenschaftliche Perspektive in den Sachunterricht integriert, faktisch aber oft gar nicht vorhanden (vgl. Simon, 2021). Im 5. und 6. Schuljahr existiert das Fach fast gar nicht, im 7. selten, und in der Oberstufe ist es häufig bloß fakultativ, also ein Wahlfach (vgl. Gökbudak et al., 2022). Zugleich finden wir außerhalb des eigentlichen Unterrichts politisch relevante Zugänge über demokratie- und menschenrechtspädagogische Ansätze, etwa in der Vorschule und darüber hinaus in allen Bildungsstufen.

Obwohl bisher keine allgemeinen Bildungsstandards der KMK für die politische Bildung entwickelt wurden, verfügen wir über wichtige Orientierungspunkte: Eine KMK-Expertise unseres Fachs definiert politische Kompetenzen und Lernniveaus; zudem existiert ein KMK-Beschluss zu „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ (KMK, 2018). Auch die Politikdidaktik als Wissenschaft ist in sich kontrovers, wobei sich an vielen Stellen Schnittmengen zur Demokratiepädagogik ergeben. Wir nähern uns dem Fach im Folgenden über Konsensmomente an und markieren später explizit, wo wir einen eigenen Weg verfolgen.

Ziel dieses Beitrags ist die Entwicklung eines inklusiven Modells für politisches Lernen, das es bisher in der Politikdidaktik in dieser Form nicht gibt. Die zentralen Zusammenhänge des ReMi-Vorhabens – zwischen Sozialem Lernen, pädagogischer Diagnostik, inklusiver Didaktik und demokratischem Schulleben – werden zudem in einem vertiefenden Beitrag erläutert (vgl. Prengel, i. V.). Inklusiver Politikunterricht muss für alle Lernenden zugänglich sein, unabhängig von ihren kognitiven Voraussetzungen. Daher integrieren wir das soziale Lernen (die Basis des Miteinanders) fest in die Fachdidaktik. Urteilsbildung beginnt somit nicht erst bei der Analyse von Institutionen (wie dem Bundestag), sondern bereits beim Erfahren von Selbstwirksamkeit und beim Aushandeln von Regeln im Alltag (etwa in Kitaversammlungen oder im Klassenrat).

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2.1 Politik und Demokratisierung

Unsere Fachgesellschaft, die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung, definiert Politik als „verbindliche (…) Regelung von grundlegenden Fragen und Problemen des gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens“ (GPJE, 2004, S. 10). Politik betrifft also die Regeln, nach denen Menschen ihr Zusammenleben ordnen – in der Schule, in der Kommune, im Staat und international. Der Politikwissenschaftler Meyer (2003, S. 41) ergänzt:

„Politik ist die Gesamtheit aller Aktivitäten zur Vorbereitung und Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugutekommender Entscheidungen.“

Den Herstellungsprozess von Verbindlichkeit nennen wir Politikzyklus. Dabei betrachten wir die Form (polity) als Handlungsrahmen, den kontroversen Inhalt (policy) als Handlungsanlass und Prozess der Auseinandersetzung (politics) als politische Handlung, deren Ergebnis eine neue, vorläufige polity bildet. Diese drei „Dimensionen des Politischen“ (Meyer, 2003, S. 83 ff.) sind eng verbunden mit den vier Basiskategorien Konflikt und Konsens sowie Macht und Recht:

Für inklusive politische Bildung sind die drei Dimensionen des Politischen besonders hilfreich (vgl. auch Stegkemper, 2022, S. 23 ff.). Sie zeigen erstens, dass politisches Lernen nicht mit abstrakten Institutionen beginnen musS. Der Ausgangspunkt liegt vielmehr in der Frage, welche Regeln, Rechte, Verfahren, Normen und Rituale bereits als polity in sozialen Gruppen mehr oder weniger konsesuell gelten (vgl. auch Jahr, 2022, S. 21 f.). Zweitens machen sie sichtbar, dass politische Inhalte (policy) immer wertgebunden und zumeist umstritten sind. Drittens kann nachvollzogen werden, dass politische Auseinandersetzungen von unterschiedlichen Machtverhältnissen (politics) geprägt sind und innerhalb eines normativ oder/und rechtlich geordneten Rahmens ausgetragen werden. Das vorläufige Ergebnis politischer Auseinandersetzung verändert wiederum diesen Rahmen und schafft damit eine neue polity.

Die Konflikte demokratischer Politik kreisen im Kern um zwei Grundfragen: Wie sollen Güter, Chancen und Lasten verteilt werden – eher gleich, nach Bedarf oder nach Leistung? Und wer darf über diese Verteilung entscheiden – wenige, viele oder möglichst alle? Für inklusive Ansätze kommt hinzu, wer überhaupt als voll zugehörig gilt, welche Rechte jemand hat und wer mitentscheiden darf. Aus solchen Konflikten sind in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche demokratische Grundorientierungen hervorgegangen, etwa marktliberale, demokratisch-sozialistische, konservative und antiautoritär-postmaterialistische Werthaltungen; hinzu kommen antidemokratische Orientierungen wie Links- oder Rechtsextremismus und Islamismus, die bestimmte Werte absolut setzen und damit die unantastbaren Menschenrechte verletzen (vgl. Petrik, 2013, S. 160 ff.).

Konsens bedeutet in diesem Zusammenhang daher nicht inhaltliche Einigkeit, sondern die gemeinsame Anerkennung des demokratischen Rahmens: Grund- und Menschenrechte, rechtsstaatliche Verfahren und Institutionen. Dazu gehören etwa die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, Meinungs-, Presse- und Glaubensfreiheit, soziale Sicherheit, Volkssouveränität in direkter oder indirekter Form, Pluralismus, Minderheitenschutz und Toleranz. Konsens meint also vor allem die Anerkennung gemeinsamer Spielregeln, nicht die Aufhebung politischer Differenzen.

Historisch entsteht Demokratie aus dem Wechselspiel von Konflikt und KonsenS. Rechte von Arbeiter/-innen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen, Homosexuellen, Schwarzen, Nicht-Binären und anderen Gruppen wurden und werden nicht von selbst gewährt, sondern politisch erkämpft, öffentlich begründet und rechtlich abgesichert. Ähnlich verhält es sich mit Themen wie sozialer Ungleichheit oder Klimawandel: Politisch wird ein Sachverhalt erst dann, wenn er öffentlich als Problem anerkannt wird und über Ursachen, Verantwortlichkeiten und Lösungen gestritten wird. Demokratisierung bedeutet deshalb, dass zuvor ignorierte Gruppen oder Themen dauerhaft Zugang zum politischen System erhalten und Teil der Entscheidungsfindung werden. Demokratisch ausgerichtete Politik zielt damit – bei allen Umwegen – auf die Lösung von „Inklusionsproblemen“ als „schritt- und stufenweise Erweiterung von Solidarität“ (Brunkhorst, 2000, S. 263 ff.). Inklusion ist aus dieser Sicht kein Zusatzthema, sondern ein Wesensmerkmal demokratischer Politik und zugleich Ziel wie Verfahrensanspruch (vgl. Jahr & Hölzel, 2019).

Über den bestehenden demokratischen Konsens hinaus bleibt umstritten, welche Form Demokratie künftig annehmen soll. Benjamin Barber (1994) fordert mit seiner „strong democracy“ mehr direkte Mitbestimmung; Joan Tronto (2015) verbindet in der „care democracy“ Demokratie mit der politischen Organisation von Fürsorge und richtet den Blick besonders auf den Schutz machtarmer Gruppen. Für inklusive politische Bildung ist dieser Ansatz anschlussfähig, auch wenn eine solche Ordnung gesellschaftlich bislang nicht konsensfähig ist. Für unser Kompetenzmodell bleibt der Fürsorgebegriff dennoch zentral, weil soziales und politisches Lernen hier eng zusammengehören.

Mit Barber (1994, S. 120 ff.) lässt sich Demokratie deshalb knapp als „Transformation“ von Konflikten in „Konsens“ beschreiben. Gemeint ist damit nicht die Aufhebung politischer Differenzen, sondern der immer wieder neu herzustellende Konsens über demokratische Verfahren und Strukturen, wie ihn auch Habermas (1988) für deliberative Demokratie voraussetzt. Mehrheitsentscheidungen gelten dabei nur vorläufig, bis sie auf rechtmäßigem Weg verändert werden. Gerade unter Bedingungen fortschreitender Individualisierung (vgl. Beck, 1986), Singularisierung (vgl. Reckwitz, 2019) und eines mit Beschleunigung verbundenen Resonanzverlusts (vgl. Rosa, 2019) sinken die Chancen auf umfassende inhaltliche Übereinstimmung; umso wichtiger wird die Fähigkeit, tragfähige Kompromisse auszuhandeln.

Demokratische Transformation braucht neben Konflikt und Konsens auch Macht und Recht. Mit Macht meinen wir im Sinne Max Webers (1985, S. 28) die „Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen (…) durchzusetzen“. Inklusion bleibt moralisch folgenlos, wenn sie nicht in politische Macht, stabile Mehrheiten und schließlich in einklagbares Recht übersetzt wird. Die Kategorie Recht gehört deshalb systematisch in die polity-Dimension: Sie bezeichnet den verlässlichen Rahmen aus Grund- und Menschenrechten, Gesetzen, Verfahren und Institutionen, der eine Demokratie „wehrhaft“ macht, um sich gegen Akteure zu schützen, die demokratische Ordnung und Menschenrechte aktiv untergraben.

Politik ist deshalb immer auch, wie Max Weber (1919, S. 4) formuliert, „Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt.“ Macht kann zerstörerisch eingesetzt werden – etwa in Krieg, Unterdrückung oder AusschlusS. Sie kann aber auch dazu dienen, die sozialen und ökologischen Lebensbedingungen vieler rechtlich abzusichern und zu verbessern. Konflikt und Konsens sowie Macht und Recht sind daher aufeinander bezogen: Konfliktaustragung braucht Konsens als Grundlage, Konsensbildung setzt Konflikte voraus; Recht braucht Macht zur Durchsetzung, und Macht muss an Recht gebunden sein.

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2.2 Inklusiver Politikbegriff: Vier politische Handlungs- und Deutungsräume

Wie wir eben gesehen haben, reicht ein enger institutionenbezogener Politikbegriff für inklusive politische Bildung nicht auS. Für uns zentral ist Deweys (2006 [zuerst 1899]) Vorstellung der „embryonic society“. Gemeint ist: Demokratische Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse beginnen nicht erst in Parlamenten, sondern schon im Alltag. Dort lernen Menschen, Regeln auszuhandeln, mit Konflikten umzugehen und gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Wir arbeiten deshalb mit einem weiten Politikbegriff, der an den soziologischen Ansatz des „unscharfen Orts der Politik“ anschließt (Beck et al., 1999; vgl. auch Autorengruppe Fachdidaktik, 2011 u. 2026).

Um diese Weite des Politischen didaktisch handhabbar zu machen, unterscheiden wir – ausgehend vom „Modell der Wissensformen“ (Grammes, 1998, S. 70; erweitert in Petrik, 2013, S. 24 u. Abb. 1) – vier politische Handlungs- und Deutungsräume. Sie benennen nicht vier abgeschlossene Welten, sondern vier Perspektiven auf das Politische: als Privatmensch (Mikroebene), als Aktivist in der Öffentlichkeit (Mesoebene), als Funktionärin in Institutionen (Makroebene) und als Forscher in Universitäten (Metaebene):

Die Wissensformen in Kindersprache

Lebenswelt: „Politik ist, wie wir zu Hause, in der Kita oder mit Freundinnen Regeln finden und Probleme lösen.“

Öffentlichkeit: „Politik ist, wenn Gruppen draußen ihre Meinung zeigen – in Vereinen, Medien oder Demos.“

Institutionen: „Politik ist, wenn Politiker (und Unternehmer und Richterinnen) entscheiden.“

Sozialwissenschaft: „Politik ist, wenn Forscher erklären, warum es Probleme gibt und wie sie gelöst werden (könnten).“

Die ersten drei Handlungs- und Deutungsräume verstehen wir analog zu Deweys Unterscheidung von Demokratie als Lebens-, Gesellschafts- und Regierungsform, wobei der Begriff Gesellschaftsform nicht von Dewey, sondern von Himmelmann stammt (2016). Er bezeichnet den öffentlichen Handlungs- und Deutungsraum im Sinne deliberativer Demokratie nach Habermas (1988). Bei Grammes (1998) wird diese Meso-Ebene mit dem didaktischen Dreieck visualisiert, weil hier auch Bildungsinstitutionen, Medien und Fachdidaktiken als gesellschaftliche Vermittlungsinstanzen angesiedelt sind. Die Forschungsebene ist bei Dewey implizit mitgedacht als Verbindung von Handlung (doing) und Nachdenken über die Konsequenzen (reflection) (learning by doing and thinking about it):


Von der Mikro- bis zur Meta-Ebene nehmen Komplexität und Wissensabhängigkeit zu. Für den inklusiven Unterricht ist das entlastend: Lernende müssen Politik nicht sofort über abstrakte Begriffe erschließen, sondern können von vertrauten Situationen ausgehen und schrittweise zu komplexeren politischen Zusammenhängen gelangen.

Anders als im Konzept der „Kinderstube der Demokratie“ (Richter et al., 2017, S. 16 ff.; 44 ff.) bezeichnen wir diese lebensweltlichen Prozesse jedoch noch nicht als Demokratie in ihrer Ausprägung als „Regierungsform“. Denn damit sind eher übergreifende, auf Dauer gestellte Verfahren, Rollen und Zuständigkeiten gemeint. Kinderräte, Abstimmungen oder Mehrheitsentscheidungen sind hier zwar wichtige Brücken zum institutionellen Raum. Sie regeln aber zunächst nur das Zusammenleben in einer konkreten Gruppe, etwa in der Kita oder Klasse. Solche Regeln können wieder verändert werden und gelten nicht automatisch auch für andere außerhalb dieser Gruppe. Die Kommunikation in diesem Raum ist deshalb meist stärker auf Verständigung ausgerichtet als auf strategische Durchsetzung (arguing statt bargaining) (vgl. Petrik, 2013, 356 ff.; Richter et al., 2017, S. 48).

In diesem Sinn wird hier Demokratie als Lebensform erfahrbar, aber noch nicht Demokratie als institutionalisierte Regierungsform. Auch wenn man von Kinderräten spricht, bleiben ihre Handlungen auf den Nahbereich und auf zwischenmenschliche Beziehungen bezogen. Politische Begriffe werden hier also in analoger Weise verwendet.

Übergeordnetes Bildungsziel ist es, mit zunehmender politischer Kompetenz nach und nach alle vier Räume gleichermaßen zu verstehen, sie zumindest in der Vorstellung („deutend“) betreten können, ohne zwangsläufig in ihnen handeln zu müssen: Die wenigsten Kinder und Jugendlichen wollen später Politikerinnen, Journalisten oder Sozialwissenschaftlerinnen werden.

In jedem Raum stehen andere Ziele im Vordergrund: In der Lebenswelt geht es vor allem um Geborgenheit und Schutz, in der Öffentlichkeit um Aufmerksamkeit und Gehör, in Institutionen um verbindliche Entscheidungen und in den Sozialwissenschaften um begründete ErkenntniS. Die Maßstäbe, nach denen Handlungen in diesen Räumen jeweils als gut oder schlecht gelten, nennen wir mit Talcott Parsons (1977) „Codes“:

1. Lebensweltlicher Handlungs- und Deutungsraum

Der lebensweltliche Raum ist an konkrete Personen, Beziehungen, Bedürfnisse und überschaubare Situationen gebunden. Hier geht es um Demokratie als Lebensform: um Wissen und Können, die Menschen brauchen, um ihren konflikthaften Alltag zu bewältigen und gut miteinander zu leben. Dazu gehören Selbstwahrnehmung, Selbstachtung und Anerkennung der Anderen sowie die Fähigkeit, sich in Beziehungen auszudrücken und sich von Rollenerwartungen zu lösen.

Alltagspolitik zeigt sich hier im Umgang mit Normen: Menschen übernehmen Regeln, befolgen sie, stellen sie infrage, missachten sie oder entwickeln sie weiter. Dabei unterscheiden wir zwei Modi: den Solidaritätscode und den Geltungscode.

Der Solidaritätscode meint die trotz aller Konflikte oft selbstverständliche Fürsorge und Verantwortungsübernahme in nahen Beziehungen und Gruppen (vgl. Meyer, 2003, S. 44 ff.). Hier geht es um tatsächlichen oder unterstellten KonsenS. Die Förderung von Ich-Stärke, Solidarität und Zusammenhalt nennen wir soziales Lernen. Für eine inklusive Politikdidaktik gehört es dazu, weil hier Respekt, Toleranz und Kompromissfähigkeit ebenso erfahrbar werden wie Minderheitenschutz und Meinungsfreiheit; darin zeigen sich Überschneidungen zur Demokratiepädagogik (vgl. Brügelmann, 2020, S. 16 ff.; KMK, 2018).

Zugleich zeigt Forschung, dass prosoziales Lernen allein noch kein Politikverständnis erzeugt. Dafür muss auch die bewusste Regelung von Konflikten eingeübt werden (vgl. Reinhardt, 2009a). Dazu gehören, wie auch der KMK-Beschluss betont, die Auseinandersetzung mit „ausgrenzenden, menschenverachtenden und antidemokratischen Grundpositionen“ sowie die Förderung von Ambiguitätstoleranz (KMK, 2018, S.2 ff.). Schon Kinder zwischen drei und fünf Jahren urteilen bei Verteilungsfragen differenzierter, wenn sie ihre Position begründen oder Widerspruch erfahren (vgl. Li & Tomasello, 2022).

Der Geltungscode bezeichnet Abgrenzungen gegenüber anderen, die anders sprechen, leben, lieben, essen, aussehen oder denken (vgl. Meyer, 2003, S. 44 ff.). Dahinter steht die Frage, ob und warum die eigenen Werte für andere verbindlich sein sollen. Antidemokratisch wird dieser Code, wenn Menschen abgewertet, unterdrückt oder ihnen grundlegende Rechte abgesprochen werden.

Politisch relevant werden solche Aushandlungen, wenn sich in ihnen Konfliktlinien zeigen, die auch institutionell bedeutsam sind, etwa Macht, Verantwortung, Fürsorge, Verteilung, Eigentum, Gender, Umwelt, Religion, Strafe oder Migration. Von alltagspolitischem Handeln sprechen wir, wenn sich Beteiligte ausdrücklich und mit einem über die Situation hinausweisenden Regelungsanspruch auf solche Konfliktlinien beziehen. In solchen Auseinandersetzungen werden politische Grundorientierungen sichtbar.

2. Öffentlicher Handlungs- und Deutungsraum

In der Mitte des Modells der vier politischen Räume (Abb. 1) steht das didaktische Dreieck. Es markiert den Bereich, in dem zwischen den anderen Räumen vermittelt wird. Hier sind nicht nur Fachdidaktik, Medien und Kultur angesiedelt, sondern auch gesellschaftliche Akteurinnen, die Öffentlichkeit gezielt nutzen, um Probleme sichtbar zu machen und auf Politik einzuwirken, etwa Nichtregierungsorganisationen und soziale Bewegungen.

Zum öffentlichen Raum gehören außerdem Meso-Institutionen wie Kitas, Schulen, Polizei, Rettungsdienste oder Feuerwehr. Sie gehören nicht zum engeren staatlichen Herrschaftsapparat, machen aber erfahrbar, dass es Regeln und Probleme gibt, die über Familie, Freundeskreis oder Peergroup hinausgehen. Auch Vereine zeigen mit ihren Geschäftsordnungen bereits kleine Formen organisierter Öffentlichkeit und Entscheidung. Hier haben deshalb auch Zivilgesellschaft und Zivilcourage ihren Ort. Der öffentliche Raum beginnt dort, wo Menschen wahrnehmen, dass Probleme nicht mehr nur privat sind, sondern viele betreffen oder öffentlich verhandelt werden müssen. Dazu gehören auch Versuche, andere zu überzeugen, Interessen auszugleichen und Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen. Gerade für kleine Kinder oder für Lernende mit basalem oder elementarem Zugang ist dieser Raum pädagogisch anspruchsvoll, weil sie sich meist zuerst für das interessieren, was sie selbst unmittelbar betrifft (vgl. Richter et al., 2017, S. 151).

3. Institutioneller Handlungs- und Deutungsraum

Dieser Raum orientiert sich am professionellen Blick derjenigen, die in politisch relevanten Institutionen arbeiten, etwa in Parlamenten, Wirtschaftsunternehmen oder Gerichten. Hier geht es um Demokratie als Regierungs- bzw. Herrschaftsform. In diesem Raum werden Fälle und Konflikte bearbeitet, die über einzelne Personen hinausgehen, und es werden verbindliche Entscheidungen getroffen. Politikerinnen müssen beachten, ob ihre Entscheidungen Zustimmung und damit Macht stärken oder schwächen (Machtcode). Managerinnen werden vor allem am Gewinn gemessen (Geldcode), Juristinnen an rechtsstaatlichen Maßstäben wie Verhältnismäßigkeit (Gerechtigkeitscode). Das Wissen, das nötig ist, um solche Logiken zu verstehen, nennen wir institutionelles Wissen.

Dieses Wissen bildet den Kern eines traditionellen Politikunterrichts mit engem institutionellen Politikbegriff. Es ist wichtig, um Macht kontrollieren, eigene Interessen einbringen und Verantwortung übernehmen zu können. Wer politische Institutionen nicht versteht, kann sich im politischen System schwer orientieren. Das schwache Verständnis solcher abstrakter Vorgänge gilt als ein Grund für Politik-, Parteien- und auch Demokratieverdrossenheit. Dieser Raum setzt viel abstraktes Vorwissen vorauS. Über basale und elementare Zugänge ist er zunächst in seinen sinnlich erfassbaren Anteilen aufschließbar, über primare und sekundare Zugänge zusätzlich in seinen abstrakten Funktionsweisen. Mit Lawrence Kohlberg (1995) nennen wir das Verständnis demokratischer Institutionen als Voraussetzung friedlicher Konfliktlösung „konventionell“, die prinzipielle und theoriegeleitete Infragestellung und Erweiterung bestehender Demokratieformen dagegen „postkonventionell“.

4. Sozialwissenschaftlicher Handlungs- und Deutungsraum

Dieser Raum bezeichnet den theoretisch und methodisch geleiteten Meta-Blick auf lebensweltliches, öffentliches und institutionelles Handeln – und auch auf sozialwissenschaftliches Handeln selbst. Er ist deshalb mehr als bloße Abstraktion aus Alltagserfahrungen. Sozialwissenschaftliches Denken ist zugleich distanziert und beteiligt, weil Forschende selbst Teil der Gesellschaft sind. Der hier leitende „Wahrheitscode“ bedeutet nicht, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unfehlbar wären oder eine letzte Wahrheit besäßen. Gemeint ist vielmehr die gemeinsame Suche nach vorläufigen, intersubjektiv nachvollziehbaren Erkenntnissen. Dazu braucht es einen transparenten theoretisch-normativen Standpunkt und eine nachvollziehbare Methode.

Sozialwissenschaftliche Studien machen oft sichtbar, was im Alltag oder in Institutionen selbstverständlich erscheint und deshalb gar nicht weiter bemerkt wird. Deshalb kommen sie nicht selten zu kontra-intuitiven Ergebnissen, also zu Einsichten, die dem Alltagsverstand widersprechen. So zeigt Forschung immer wieder, dass ein Abtreibungsverbot die Abtreibungsquote eher erhöht oder jedenfalls nicht senkt, während Liberalisierungen langfristig oft mit mehr Aufklärung und einer Stärkung von Mädchen und Frauen verbunden sind. Auch der Ausbau von Straßen kann Staus verschärfen, weil dadurch zusätzlicher Autoverkehr entsteht. Solche Meta-Erkenntnisse schon in elementarisierter Form in inklusiven Politikunterricht einzubringen, ist didaktisch anspruchsvoll. Ein elaboriertes systemisch-postkonventionelles Denken, das auch die Entstehung und Angemessenheit von Wissen reflektiert, bleibt besonders voraussetzungsreich.

Wir fassen zusammen: Das Politische lässt sich nur multiperspektivisch verstehen, als Zusammenspiel von lebensweltlichem, öffentlichem, institutionellem und sozialwissenschaftlich-systemischem Wissen. Das nennen wir den polyzentrischen oder inklusiven Politikbegriff. Grundlage ist ein weites Politikverständnis.

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2.3 Fünf politische Kompetenzen

Aus dieser räumlich differenzierten Bestimmung des Gegenstands lassen sich politische Kompetenzen nun genauer formulieren. Sie sind Werkzeuge, die Lernende über spezifische Aufgaben in diesen Räumen nach und nach erwerben, um sich dort immer selbstständiger orientieren und handeln zu können. Kompetenzen getrennt zu beschreiben, ist zwar immer eine analytische Vereinfachung, die reale Lernprozesse nur begrenzt abbildet. Zugleich ist diese Unterscheidung notwendig, um Lernen untersuchen und gezielt planen zu können.

Das Modell der Fachgruppe Sozialwissenschaften für die KMK (vgl. Behrmann et al., 2004) ist aus unserer Sicht innerhalb der Politikdidaktik besonders differenziert und inklusionsoffen, weil es den in Lehrplänen verbreiteten Dreischritt von Analysekompetenz, Urteilskompetenz und Handlungskompetenz weiter ausdifferenziert (vgl. auch Jahr, 2019). Erstens wird die Perspektivenübernahme als eigene Kompetenz gefasst, die alle anderen Kompetenzen vorbereitet und unterstützt. Unter Perspektivenübernahme bzw. Perspektivenwechsel verstehen wir sowohl das Verständnis für die Pluralität von Sichtweisen, aber auch die didaktische Anregung zur bewussten Aufgabe einseitiger Perspektiven, wenn sie bestimmte Menschengruppen diskriminieren oder ausschließlich privat auf öffentliche bedeutsame und politisch-institutionelle Zusammenhänge schauen. Zweitens wird politische Handlungsfähigkeit in mikropolitische Konfliktfähigkeit und makropolitische Partizipationskompetenz unterschieden. Drittens wird Urteilskompetenz als politisch-moralische Urteilsbildung verstanden und damit auch von subjektiven Werten her bestimmt; in diesem Sinne ist sie primär eine Selbstkompetenz (vgl. Petrik, 2013, S. 344 ff.). Davon abgegrenzt wird das Sachurteil als Ziel sozialwissenschaftlichen AnalysierenS. Ergänzt haben wir Anforderungen des sozialen Lernens, vor allem Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge als Voraussetzung des Perspektivenwechsels sowie die Wahrnehmung eigener Interessen in der politisch-moralischen Urteilsbildung. Zudem haben wir den Katalog der „personalen und sozialen Kompetenzen“ aus dem Konzept der „Kinderstube der Demokratie“ integriert (vgl. Richter et al., 2017, S. 128 ff.). So wird die normative demokratische Grundlage unseres Kompetenzmodells ausdrücklich sichtbar.

1. Perspektivenwechsel (Selbstwahrnehmung und Selbstdistanzierung): Fähigkeit, die eigene Perspektive im Sinne von Selbstachtung und Selbstsorge wahrzunehmen und anzuerkennen und auf dieser Grundlage andere Perspektiven und Rollen in problemhaltigen Situationen, bei Konfliktparteien und Funktionsträgern wahrzunehmen, zu verstehen, voneinander zu unterscheiden, probeweise einzunehmen und theoretisch zu verallgemeinern. Dazu gehören Empathie ebenso wie die Anbahnung von Zukunftsfähigkeit als globaler Perspektive auf Problemlagen.

2. Sozialwissenschaftliches Analysieren (Sachurteil): Fähigkeit, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Probleme und Konflikte mithilfe sozialwissenschaftlicher Denkmodelle und empirischer Befunde auf Strukturen und Zusammenhänge hin zu untersuchen, um ein Sachurteil zu bilden. Dazu gehört auch, Sachurteile von Werturteilen unterscheiden zu lernen und die Rolle von Wissenschaft kritisch zu betrachten.

3. Konfliktlösung (Demokratiefähigkeit): Interaktive Fähigkeit, in mikro- und makropolitischen Auseinandersetzungen die eigene Position argumentativ zu vertreten, auf Gegenargumente angemessen einzugehen und demokratische Verfahren der Konfliktlösung einzusetzen und zu reflektieren, die Dissens, Konsens oder Kompromiss in begründeter Form ermöglichen. Dazu gehören Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz sowie der bewusste Verzicht auf gewaltförmige Auseinandersetzungen.

4. Politisch-moralische Urteilsbildung (Selbstkompetenz): Fähigkeit, eigene Interessen, Wertvorstellungen und Orientierungen wahrzunehmen und zu artikulieren, fremde Werte und politische Positionen zu analysieren und gegeneinander abzuwägen sowie daraus ein eigenes Werturteil und eine verallgemeinerungsfähige politische Identität zu entwickeln, zu begründen und zu reflektieren. Zentral ist dabei die Fähigkeit, zwischen demokratischen, menschenrechtsbasierten Einstellungen und antidemokratischen Ungleichwertigkeitsvorstellungen zu unterscheiden.

5. Partizipation (Organisationskompetenz): Fähigkeit zur Teilnahme an sozialen Gruppen und Prozessen, an kommunaler Selbstverwaltung, sozialen und politischen Initiativen, innerbetrieblicher und innerorganisatorischer Mitbestimmung sowie an informellen und formalisierten Prozessen öffentlicher Meinungs- und Willensbildung. Dazu gehören Verantwortungsbereitschaft, Kooperationsfähigkeit, Zivilcourage, Solidarität und Gemeinsinn.

In Kindersprache können wir sie folgendermaßen ausdrücken:

1. Perspektivenwechsel: „Ich kann wahrnehmen, was ich selbst denke und fühle – und ich kann versuchen zu verstehen, was andere denken und fühlen.“

2. Sozialwissenschaftliches Analysieren: „Ich kann mit Fragen, Informationen und anderen Hilfsmitteln untersuchen, worum es bei einem Problem geht und warum es entstanden ist.“

3. Konfliktlösung: „Ich kann mit anderen nach fairen Regeln streiten und mithelfen, eine gute Lösung zu finden.“

4. Politisch-moralische Urteilsbildung: „Ich kann erkennen, welche Werte mir und anderen wichtig sind, und ich kann begründen, warum ich etwas gerecht oder ungerecht finde.“

5. Partizipation: „Ich kann in Gruppen, in der Schule, in der Öffentlichkeit und in der Politik mitmachen, mitreden und mitentscheiden.“

Wie diese fünf politischen Kompetenzen sich potenziell entwickeln, soll im folgenden Stufenmodell skizziert werden, bevor dieses dann auf einzelne Basisinhalte angewendet wird.

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2.4 Übergreifendes Stufenmodell für den inklusiven Politikunterricht

Die vier politischen Deutungs- und Handlungsräume beschreiben, worauf sich politisches Denken und Handeln beziehen kann: auf lebensweltliche, öffentliche, institutionelle und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge. Sie markieren damit unterschiedliche Gegenstandsbereiche politischen Lernens und Handelns bis ins Erwachsenenalter. Mit ihnen nehmen soziale Komplexität und Wissensabhängigkeit zu.

Davon zu unterscheiden ist die Frage, wie Menschen diese Räume erschließen können. Hier setzen wir mit den inklusiven Zugängen an. Sie beschreiben weder neue Räume noch starre Altersstufen, sondern unterschiedliche Weisen, sich politische Situationen, Probleme und Zusammenhänge anzueignen. Zugänge sind also Formen der Erschließung. Sie bestimmen, mit welcher Art von Wahrnehmung, Interaktion, Abstraktion und Reflexion Menschen sich in den vier politischen Räumen bewegen können.

Anknüpfen können wir dabei an den Entwurf der Fachgruppe Sozialwissenschaften für die KMK (vgl. Behrmann et al., 2004, S. 336 ff.). Dieser unterscheidet – in Anlehnung an Kohlbergs Entwicklungsmodell, aber bereits altersunabhängig gedacht – drei „entwicklungslogische Niveaus“: personal (vorkonventionell), institutionell (konventionell) und systemisch (postkonventionell). Die Autorengruppe Fachdidaktik (2026, S. 167 ff.) ergänzt schließlich das „öffentliche“ bzw. interaktive Zwischenniveau (vgl. ausführlich Petrik, 2013, S. 341 ff.).

Diesen Ansatz erweitern wir nun um inklusive Zugänge im Sinne der „Reckahner Modelle zur inklusiven Unterrichtsplanung“ (vgl. Geiling & Hehn-Oldiges, 2022). Basal nennen wir personal, weil hier die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und unmittelbarer Betroffenheit im Vordergrund steht. Elementar nennen wir interaktiv, weil hier der Austausch mit anderen und die gemeinsame Aushandlung von Situationen und Regeln hinzukommen. Primar nennen wir koordinativ, weil hier Regeln, Verfahren und organisierte Zusammenhänge bewusster aufeinander bezogen werden können. Sekundar nennen wir meta-reflexiv, weil hier politische Wirklichkeit begrifflich, verallgemeinernd und in Ansätzen systematisch gedeutet werden kann. Die vier Zugänge bauen dabei aufeinander auf, ohne starre Entwicklungsstufen zu bilden.

Zur Orientierung zeigt die folgende Matrix in vereinfachter Form, wie die vier Zugänge prinzipiell in allen vier politischen Räumen vorkommen können. Sie beschreibt keine vollständigen Lernziele, sondern exemplarische Formen der Erschließung. So wird sichtbar, dass Zugänge und Räume nicht deckungsgleich sind: Ein sekundärer Zugang zum lebensweltlichen Raum ist etwas anderes als sozialwissenschaftliches Wissen, und auch basale oder elementare Zugänge können sich auf institutionelle oder sozialwissenschaftliche Zusammenhänge richten. Die Zuordnung erfolgt idealtypisch; einzelne Themen wie Gerichte oder Rechte können je nach Perspektive auch in mehreren Räumen bedeutsam werden:

Zugang/Raum1. Lebensweltlicher Raum2. Öffentlicher Raum3. Institutioneller Raum4.  Sozialwissenschaftlicher Raum
basal/personaleigene Bedürfnisse und Stimmungen spüren und zeigen (z. B. Hunger, Rückzug, Nähe, Unruhe)eine gemeinsame Situation als viele betreffend erleben (z. B. Lärm in der Gruppe, Unruhe vor der Mittagsruhe, Freude oder Ärger im Morgenkreis)geregelte Rollen, Symbole und Entscheidungen sinnlich wahrnehmen (z. B. Leitung entscheidet, Glocke signalisiert Beginn, Ampel/Flagge/Polizei als Ordnungssymbole)einfache Muster an Bildern, Fällen oder Daten wahrnehmen (z. B. „viel/wenig“, „alle/allein“, „Streit/Frieden“, „darf/nicht darf“ in Bildkarten, Fotos oder einfachen Diagrammen)
elementar/interaktivmit anderen aushandeln und einfache Regeln mittragen (z. B. Spielzeug teilen, Reihenfolge klären, Spiel-Konflikt lösen)eigene Anliegen zeigen und gemeinsam vertreten (z. B. Mittagsruhe anders regeln, anderes Essen wünschen, Spielregeln verändern wollen)einfache Verfahren mitvollziehen (z. B. Abstimmung, Klassenrat, Kinderparlament, Regelplakat)einfache Deutungen vergleichen (z. B. warum streiten zwei Kinder? warum ist etwas unfair?)
primar/koordinativRegeln vergleichen, begründen und auf neue Situationen beziehen (z. B. Familienregeln, Klassenregeln, Gruppenregeln)gemeinsame Anliegen öffentlich vertreten (z. B. Klassensprecherin, Beschwerde, Aushang, Schulversammlung)Regeln, Ämter und Zuständigkeiten einordnen und aufeinander beziehen (z. B. Schulleitung, Bürgermeisterin, Gericht, Bundestag)Begriffe und Befunde ordnen (z. B. Gerechtigkeit, Wahl, Rechte, Armut, Klima; einfache Ergebnisse aus Umfragen oder Beobachtungen)
sekundar/meta-reflexivlebensweltliche Muster reflektieren (z. B. Macht, Geschlechterrollen, Ungleichheit im Alltag)Öffentlichkeit als Vermittlungsraum analysieren (z. B. Medien, Protest, NGOs, Schule als Meso-Institution)Institutionen begrifflich deuten und kritisch reflektieren (z. B. Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Interessenvertretung)Theorien, Methoden und Forschungsstände reflektieren (z. B. Interviews, Statistiken, Deutungsmodelle zu sozialer Ungleichheit oder Demokratie)

Abb. 3: Zusammenhang zwischen Räumen und Zugängen

Für den Grundschulbereich liegt inzwischen ein deutlich ausgebauterer politikdidaktischer Forschungs- und Diskussionsstand vor, während frühe politische Bildung im Kita-Bereich sowie insbesondere basale bzw. elementare inklusive Zugänge weiterhin lückenhaft erforscht sind (vgl. Baumgardt & Lange 2022; Theel et al., 2023; Utler, 2021). Zugleich wird Demokratiebildung im Kita-Bereich in neueren Arbeiten stärker als Frage von Qualitätsentwicklung, Partizipation, Diversität, Diskriminierungskritik und Inklusion gefasst (vgl. Trân, 2024). Obwohl die hier beschriebenen Zugänge altersunabhängig gedacht sind und Menschen mit basalem, elementarem, primärem oder sekundärem Zugang daher nicht mit bestimmten Altersstufen gleichgesetzt werden dürfen, greifen wir in diesem Bereich mangels entsprechend ausdifferenzierter politikdidaktischer Forschung teilweise auf Befunde aus der Kindheits- und Entwicklungsforschung zurück. Diese Befunde dienen nicht dazu, Erwachsene mit Kindern gleichzusetzen. Sie helfen vielmehr, grundlegende Formen von Wahrnehmung, Interaktion und Urteilsbildung sichtbar zu machen, an die politische Bildung anschließen kann.

Neuere Studien zeigen, dass Kinder schon früh moralische Urteile bilden und konkrete Vorstellungen von richtig und falsch entwickeln – bezogen auf überschaubare, lebensweltliche Situationen (vgl. Turiel, 2018). Damit hängt auch der Befund zusammen, dass Kinder in sinnlich erfahrbaren und sozial überschaubaren Situationen häufig stärker abstrahieren und fremde Perspektiven besser erschließen können, als frühe Forschungen von Piaget und Kohlberg nahelegen (vgl. Stern, 2002; Dimitrova & Lüdmann, 2014; Röhner, 2020). Eine erste „Theory of mind“, also die Fähigkeit zu verstehen, dass andere etwas anderes denken, wissen, glauben, wollen oder planen können als man selbst, kann sich bereits ab etwa drei Jahren entwickeln (vgl. Böckler-Rettig, 2019, S. 11 u. 41 ff.). Unbestritten bleibt zugleich Piagets (1974; 1990) Annahme, dass sich prosoziale, also auf Rücksicht, Kooperation und gemeinsames Handeln gerichtete Potenziale besonders in interaktiven, kooperativen und auch kontroversen Aushandlungsprozessen entfalten (vgl. Hammond, 2014; Li/Tomasello, 2022). Kinder können neuerer Forschung zufolge schon ab zwei Jahren gemeinsame Ziele verfolgen und ein Grundverständnis der beteiligten Rollen bzw. Perspektiven entwickeln (vgl. Tomasello, 2009).

Schon Piaget beschreibt lange Übergangszonen zwischen seinen Stufen, die von manchen früher, von anderen später oder nie erreicht werden. Kohlberg weist außerdem darauf hin, dass seine Stufen zwar hierarchisch aufgebaut sind, das im Alltag tatsächlich genutzte Niveau jedoch stark vom jeweiligen Kontext abhängt. Auch Menschen, die überwiegend komplex und reflektiert denken, greifen in bestimmten Situationen auf einfachere Deutungs- und Handlungsmuster zurück – etwa unter Stress, in engen Beziehungen oder beim bloß preisorientierten Einkaufen. In heterogenen Klassen ist daher wahrscheinlich, dass sich diese zeitlichen Verschiebungen und Ungleichzeitigkeiten im Durchschreiten der Entwicklungsphasen in gesteigerter Form zeigen. Gerade bei Kindern mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung müssen wir deshalb fragen, ob und wie sie über basale Zugänge hinaus auch elementare oder primare Zugänge während der Schulzeit erreichen können. Das politische Handlungswissen, das mit diesen Zugängen jeweils erreicht werden kann, skizzieren wir im Folgenden mithilfe der fünf Kompetenzen. In den vier Stufenmodellen wird es anschließend spezifischer auf Lehrplanthemen bezogen.

Der basale oder personale Zugang: Ich und meine Bedürfnisse

Der basale bzw. personale Zugang ist emotional-sensomotorisch geprägt. Im Vordergrund stehen Selbstentwicklung sowie augenblicksgebundene gestische, mimische und stimmlich-vorsprachliche Interaktion. Teilhabe am sozialen Leben findet hier über Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Anfassen statt, über das Signalisieren von Befindlichkeiten und Bedürfnissen, über das Manipulieren von Gegenständen, über Bewegung und über stimmliche Mitteilungen. Die Bindung an erwachsene Bezugspersonen ist sehr eng. Interaktionen mit anderen Kindern oder Erwachsenen werden danach bewertet, ob man sich wohl oder unwohl fühlt und ob ein Gegenüber das eigene Verhalten positiv oder negativ sanktioniert. Ein Gegenüber wird unter anderem als Spiegel, Orientierung oder Schutz empfunden. Die basale Form der Partizipationskompetenz äußert sich hier als Fähigkeit, die eigene Betroffenheit auszudrücken sowie Eindrücke aus dem materiellen und personalen Umfeld aufzunehmen. Sie ist potenziell von Geburt an vorhanden. Ihre Entwicklung benötigt die Anleitung und Unterstützung von Erwachsenen, die non-sprachliche Beiträge in sprachliche Beiträge übersetzen (vgl. Richter et al., 2017, S. 137).

Dieser Zugang ist auf sinnlich wahrnehmbare und überschaubare soziale Situationen angewiesen, in denen eigene Aktionen und Reaktionen direkt wahrgenommen und gespiegelt oder durch bewusst herbeigeführte visuelle Impulse wie Bilder und Klänge sowie haptische Materialien wie Bauklötze, Figuren und Puppen angeregt werden. Politisches bzw. demokratisches Lernen findet hier vor allem als soziales Lernen statt, also als Einübung von Routinen und Ritualen, die ein möglichst friedliches Miteinander trotz oft unterschiedlicher Stimmungen und Bedürfnisse ermöglichen.



Folgendes Wissen und Können soll mit dem basalen Zugang vermittelt werden:

Perspektivenwechsel: Wahrnehmen und Zeigen der eigenen Bedürfnisse.

Konfliktfähigkeit: Zulassen von anderen, gegenläufigen Bedürfnissen und Stimmungen. Sich nach Unstimmigkeiten wieder beruhigen. Akzeptanz einfacher Regeln des Umgangs, die zumeist von Erwachsenen, aber auch von anderen Kindern bzw. Jugendlichen gesetzt werden.

Analysefähigkeit: Unterscheiden können, ob eine Situation gerade ein Streit ist oder harmonisch, im Einklang. Regeln kennen und wiedererkennen. Verschiedene soziale Rollen erfahren und als unterschiedlich wahrnehmen.

Urteilsbildung: Artikulieren bzw. zeigen, ob man etwas, das gerade passiert, gut oder schlecht findet, was man möchte oder nicht möchte.

Partizipation: Lust und Bereitschaft, sich an Aktivitäten anderer Kinder zu beteiligen bzw. integriert zu werden, dabei zu sein und dazuzugehören oder sich abgrenzen und zurückziehen zu wollen, Aufgaben anzunehmen.


Der elementare oder interaktive Zugang: Ich – Du – Wir

Dieser Zugang ist symbolisch geprägt, also durch die Fähigkeit, Dinge, Personen und Situationen durch Wörter, Bilder, Gesten und Rollenspiel darzustellen. Menschen mit diesem Zugang nehmen ein Gegenüber als jemand wahr, der eigene Gedanken und Gefühle haben kann, und können eine erste „Theory of mind“ entwickeln, also eine Vorstellung davon, was ein Gegenüber anders als man selbst denkt, weiß, glaubt, will oder plant. Eine Unterscheidung zwischen einem Objekt und dessen mentaler Repräsentation, also eine erste Abstraktion, ist möglich, wenn das Objekt zuvor selbst erlebt, bildlich gesehen oder angefasst wurde. Eine interaktive soziale Politikvorstellung entsteht, weil das Bewusstsein beginnt, dass ein Gegenüber eine eigene Perspektive auf die Welt haben könnte und man nun versuchen kann – oder sogar muss –, gemeinsame Ziele zu verfolgen oder unterschiedliche Ziele zu akzeptieren. Der Perspektivenwechsel bleibt dabei an konkrete Personen und überschaubare Situationen gebunden.

„Als-ob-Spiele“ mit Puppen und Figuren erlauben es, Situationen nachzuspielen oder zu erfinden. Dabei können soziale Rollen und soziale Unterschiede wahrgenommen werden, zum Beispiel Geschwister, Elternteile, Erzieherinnen sowie Menschen mit verschiedenen Berufen und verschiedener ethnischer Herkunft. Unterschiedliche Macht wird zunächst oft mit unterschiedlichem Alter verbunden, also etwa mit älteren Geschwistern, Betreuerinnen oder Eltern. In heterogenen Gruppen wird Alter als Hauptparadigma zur Einschätzung der Möglichkeiten anderer zunehmend durch andere Kriterien sozialer Differenzierung abgelöst. Bei Verteilungsproblemen, also bei der Knappheit von Gütern, glauben Menschen mit diesem Zugang zunächst, dass ihre Peers die gleichen Bedürfnisse, Rechte und Pflichten haben wie sie selbst. Sie besitzen eine quantitative Vorstellung von Gleichberechtigung. Durch Widerspruch und Gegenargumente werden Kinder zu qualitativen Gerechtigkeits- und Verteilungskriterien angeregt, die die Umstände der Betroffenen einbeziehen, also eine Vorstellung von Bedarfsgerechtigkeit entwickeln (vgl. Krappmann, 1993, S. 137; Li/Tomasello, 2022).

Die Streitkultur (Konfliktfähigkeit) wird dabei auch von bestehenden Gruppenhierarchien und Gendervorstellungen beeinflusst (vgl. Dittrich et al., 2001, S. 154–155; Siegler et al., 2016, S. 604). Internationale Studien zu frühen Bildungssettings zeigen zudem, dass Erfahrungen von Zugehörigkeit, Grenzziehung und Ausschluss bereits in frühen Gemeinschaften politisch bedeutsam werden und Partizipation wie Konfliktkultur mitprägen (vgl. Berge, 2021). In demokratischen Kindergartenprojekten erwerben Kinder mit elementarem, interaktivem Zugang bereits praktisches Verfahrenswissen über Entscheidungsabläufe und über die Herstellung einer Mikro-Öffentlichkeit. Beispiele dafür sind „Kinderverfassungen“, „Gruppenkonferenzen“ und „Kinderparlamente“, in denen Regeln über Zeit, Inhalt und Menge der Mahlzeiten, über Zeit und Dauer der Mittagsruhe oder über passende Spielkleidung für drinnen und draußen festgelegt werden. In einigen Fällen kann sogar indirekt über die Einstellung neuer Erzieherinnen mitbestimmt werden (vgl. Papke-Hirsch et al., 2018; Richter et al., 2017, S. 129–141; Nutbrown & Clough, 2009). Der Ausgleich verschiedener individueller Bedürfnisse durch verbindliche Regelungen bei gleichzeitigem Minderheitenschutz verdeutlicht Demokratie als Lebensform.



Folgendes Wissen und Können soll mit dem elementaren Zugang vermittelt werden:

Perspektivenwechsel: Wahrnehmen, Zeigen und Benennen eigener Bedürfnisse, wahrnehmen, dass Bedürfnisse, Problemwahrnehmungen und Ideen anderer von den eigenen abweichen können, und versuchen, die Motive dafür zu verstehen. Fähigkeit zur Teilnahme an lebensweltlichen Rollenspielen, die einfache soziale Situationen simulieren.

Konfliktfähigkeit: Sich bei Unstimmigkeiten auf eine Auseinandersetzung einlassen, fremde Meinungen tolerieren, Regeln und gemeinsame Ziele vereinbaren, Kompromisse eingehen sowie vereinbarte Abläufe einhalten und gemeinsame Entscheidungen akzeptieren. Verstehen, dass Minderheiten in der Gruppe besonders geschützt werden müssen, sofern sie niemandem schaden, und Kinderrechte als Rahmen gerechter Aushandlung kennen.

Analysefähigkeit: Das Streitthema in Auseinandersetzungen bzw. Problemlöseprozessen benennen können, den Verlauf von Aushandlungen oder Problemlösungen im Nachhinein beschreiben können, sachliche von emotionalen und destruktiven Beiträgen unterscheiden können, Umstände von Betroffenen einbeziehen können, Gleichberechtigung als Grundlage des demokratischen Zusammenhalts verstehen und akzeptieren.

Urteilsbildung: Eine eigene Meinung und erste eigene Wertvorstellungen formulieren und zu begründen versuchen, verschiedene Meinungen und Bewertungen unterscheiden sowie Motive für unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen versuchen. Gemeinsame Entscheidungen im Nachhinein auf ihre Gerechtigkeit hin bewerten können.

Partizipation: Bereitschaft, Verantwortung für die Gruppe zu übernehmen, Verbündete für bestimmte Vorhaben zu suchen, organisatorisch mitzuhelfen, Vorhaben und Entscheidungen gemeinsam umzusetzen, auch dann, wenn sie nicht der eigenen Meinung entsprechen.


Der primare, koordinative Zugang: Regeln und Gesellschaft

Dieser konkret-operationale Zugang ermöglicht die innere Repräsentation von Ereignissen, die zuvor erlebt wurden. Menschen mit diesem Zugang verstehen, dass verschiedene Perspektiven daher rühren können, dass Personen unterschiedliches Wissen über eine Situation haben, weil sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Zugleich spielen Peergroups, also engere Freundinnen oder Angehörige der eigenen Gruppe, eine wachsende Rolle für die Beurteilung dessen, was richtig oder falsch ist. Die Rolle von Eltern, Kita und Schule relativiert sich. Der soziale Perspektivenwechsel wird komplexer, und der organisationale Kontext von Kita, Grundschule usw. gerät zunehmend ins Bewusstsein.

Mit diesem Zugang können Regeln, Verfahren und organisierte Zusammenhänge bewusster verstanden werden. Während im elementaren Zugang bereits erste Formen von Mikro-Öffentlichkeit erfahrbar werden, wird nun auch der öffentliche Handlungsraum als eigener Raum politischer Auseinandersetzung deutlicher erschließbar, also Demokratie als Gesellschaftsform (vgl. Götzmann, 2015; Utler, 2021). Regeln und Verfahren des Interessenausgleichs gewinnen damit einen expliziten Stellenwert. Damit einher gehen Vorstellungen zu gesellschaftlichen Rollen und politischen Ämtern, etwa Erzieherin oder Bundeskanzlerin, sowie zu politischen Prozessen – vom Problem über die Aushandlung bis zur Lösung, also zum PolitikzykluS. Definitionen und Fachtermini können angebahnt werden, sind dabei jedoch noch weniger relevant. Das Verständnis für Ämter ist analogisch, das heißt, es wird für alle politischen Räume von einer Amtsträgerin auf eine andere übertragen, etwa von der Kita- oder Schulleitung auf die Kanzlerin (vgl. Asal & Burth, 2016). Ähnlich ist der Klassenrat aus dieser Sichtweise heraus zunächst das Gleiche wie der Bundestag. Deshalb sprechen wir hier von analogen Brücken zu Demokratie als Herrschaftsform innerhalb der Lebens- und Gesellschaftsform.

Die konkret-operationale Abstraktionsfähigkeit erlaubt zudem die didaktische Arbeit mit überschaubaren Fällen oder Dilemmata, die eine Reflexionsebene außerhalb eigener Erlebnisse und Handlungen verlangen. Abstrakte Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit Fällen, zum Beispiel autoritätskritische und gleichheitsorientierte, also demokratische, Einstellungen, müssen sich dabei nicht zwangsläufig im späteren Gruppenhandeln widerspiegeln. Dort werden Autoritäten und traditionelle Geschlechterrollen oft fraglos akzeptiert (vgl. Dondl, 2013). Der prinzipielle Unterschied zwischen theoretischer Einsicht und praktischem Handeln bleibt grundsätzlich auch im Erwachsenenalter bzw. über den sekundaren Zugang hinaus bestehen, wie sich etwa am bekannten Gegensatz von Umweltbewusstsein und Umwelthandeln zeigen lässt.



Folgendes Wissen und Können soll mit dem primaren Zugang vermittelt werden:

Perspektivenwechsel: Verschiedene Gruppenkonstellationen und ihre gemeinsamen Interessen unterscheiden können. Öffentliche Berufsgruppen von privaten bzw. sozialen Gruppen unterscheiden können, verstehen, dass sie spezielles Wissen, spezielle Rechte und damit mehr Einfluss haben. Teilnahme an Rollenspielen, die komplexere soziale Situationen mit Vertreterinnen sozialer Gruppen simulieren.

Konfliktfähigkeit: Verstehen, dass Gesetze, festgelegte Abläufe, Entscheidungsverfahren und Grundrechte – je nach Raum in unterschiedlicher Form – dazu dienen, Konflikte fair zu bearbeiten, Entscheidungen zu ermöglichen und Minderheiten zu schützen.

Analysefähigkeit: Private von öffentlichen, also gesellschaftlichen, Problemen und Konflikten unterscheiden können, die privat nicht mehr gelöst werden können. Die notwendige konflikt- und problemlösende Rolle politisch relevanter öffentlicher Gruppen für die Demokratie im Ansatz und auf die kommunale politische Ebene bezogen verstehen: Politikerinnen, Unternehmerinnen, Journalistinnen, Juristinnen, Wissenschaftlerinnen, Parteien, NGOs, soziale Organisationen.

Urteilsbildung: Demokratische Werte wie freie Persönlichkeitsentwicklung, Toleranz, Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz und Mitbestimmung als Grundlage demokratischen Zusammenlebens benennen und in einfachen Fällen wiedererkennen können. Verstehen, dass unterschiedliche politische Positionen mit verschiedenen Lebenslagen, Berufen und Wertvorstellungen zusammenhängen können, und deren Fehlen oder Verletzung als undemokratisch wahrnehmen. Eine eigene wertebasierte Position zu konkreten öffentlichen, besonders kommunalen Konflikten formulieren können.

Partizipation: Fähigkeit, im kommunalen Raum eigene Interessen öffentlich zu artikulieren, dazu nötige Kontakte zu möglichen Verbündeten zu knüpfen bzw. kommunale Prozesse beobachtend, also forschend, zu begleiten und Verantwortliche zu kontaktieren.


Der sekundare, meta-reflexive Zugang: Fachbegriffe und sozialwissenschaftliches Wissen

Dieser Zugang erreicht die formale Operation und damit die Grundlage für eine wissensgeleitete Meta-Betrachtung von Situationen, Handlungen und Handlungsregeln. Fachbegriffe und dahinterstehende Ideen bzw. Konzepte können als Werkzeuge begriffen werden, um eigenes und fremdes Handeln besser zu verstehen. Dazu ist die Vorstellung einer „imaginären Dritten“ nötig, also einer virtuellen äußeren Perspektive auf die Interaktion zweier oder mehrerer Menschen. Regelungen können nun situationsübergreifend formuliert, Normen als ihre Grundlage anerkannt und Gesetze als ihre Entsprechung im staatlichen Raum verstanden werden. Konventionen, die außerhalb des eigenen Interaktionsradius gelten, also Rechte und Pflichten, geraten ins Blickfeld. Soziale Rollen werden nicht mehr ausschließlich persönlich-interpersonal betrachtet, sondern potenziell bereits transpersonal, also auf ihre gesellschaftliche Funktion unabhängig vom Menschen dahinter bezogen. In Erweiterung des Regelbewusstseins der primaren Stufe kommt jetzt potenziell ein Institutionenbewusstsein hinzu, wobei Institutionen als Regel-, Positions- und Zuständigkeitsgefüge verstanden werden. Demokratie wird damit in Ansätzen als Herrschaftsform zugänglich.

Auch das hypothetische Denken kann auf Basis der erweiterten Abstraktionsfähigkeit erreicht werden, so dass teilweise bereits der sozialwissenschaftliche Raum betreten wird und entsprechendes Wissen sowie in Ansätzen seine methodische Herstellung, zum Beispiel über Interviews, erarbeitet werden kann. Das erlernte theoretische Wissen übernimmt dann die Rolle der objektiven Perspektivenkoordination. Die imaginäre dritte Perspektive wird damit also entpersonalisiert. Ein Streit um eine Klassenregel wird dann nicht mehr nur aus der Sicht einer weiteren Person auf den Konflikt betrachtet, sondern z. B. als Frage von Macht, Beteiligung, Fairness oder Regelgeltung gedeutet.



Folgendes Wissen und Können soll mit dem sekundaren Zugang vermittelt werden:

Perspektivenwechsel: Fähigkeit, politisch-institutionelle und persönliche Perspektiven auseinanderzuhalten. Teilnahme an einfachen Planspielen, die in regionalen oder nationalen Institutionen spielen, oder an Rollenspielen, die interkulturelle Konflikte simulieren; Teilnahme an internationalen Planspielen eventuell in stark vereinfachter Form.

Konfliktfähigkeit: Verstehen, dass Geschäftsordnungen, klare Rederegeln und rechtsstaatliche Verfahren politische Auseinandersetzungen auf der Grundlage demokratischer Werte und Menschenrechte fair, gleichberechtigt und entscheidungsfähig machen und dass getroffene Entscheidungen als vorläufig verbindlich anzuerkennen sind.

Analysefähigkeit: Kenntnis einfacher sozialwissenschaftlicher Befunde zu zentralen politischen Problemen und Konflikten, etwa zu Rechtsextremismus, internationalen Menschenrechtsverletzungen, Kriegen, Klimawandel, Terrorismus, sozialer Ungleichheit, Fake News, Verschwörungstheorien oder Internethetze. Hinzu kommt die Kenntnis elementarer politischer Strukturen auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene, gegebenenfalls auch international (UNO).

Urteilsbildung: Parteien und politische Positionen nach zentralen Grundorientierungen unterscheiden können, etwa marktliberal, konservativ, demokratisch-sozialistisch, grün-antiautoritär sowie rechts- oder linkspopulistisch bzw. extremistisch. Eigene Wertorientierungen reflektieren, fremde Wertorientierungen analysieren und zwischen demokratischen, menschenrechtsbasierten und antidemokratischen Positionen unterscheiden können. Eine eigene momentane Wertetendenz und Position zu aktuellen nationalen und in Ansätzen internationalen Konflikten formulieren und begründen können. Eine eigene momentane Nähe zu bestimmten sozialen Organisationen und politischen Parteien begründen können.

Partizipation: Wissen um und gegebenenfalls Anwendung von Instrumenten, mit denen man als Staatsbürgerin auf kommunaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene politisch mitwirken kann, etwa Petitionen, Bürgerinitiativen, Wahlen, Abstimmungen, Mitgliedschaften, Leserbriefen oder Beiträgen in sozialen Medien.


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Stufenmodelle Politische Bildung

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3. Stufenmodelle zu vier politischen Räumen

Nun entwickeln wir für jeden Raum ein Stufenmodell. Als Grundlage nutzen wir die acht politikdidaktischen Prinzipien, die zugleich Inhalte abstecken und Makromethoden für Sek. I und II bereitstellen (vgl. Petrik, 2013, S. 40 ff. u. 60 ff.; Reinhardt, 2022, S. 79 ff.). Wichtig ist, dass Begriffe wie Konflikt, Problem, Fall oder Handlung hier einer konkreten fachdidaktischen Definition folgen:

  • 1.   Konfliktorientierung (Konfliktanalyse, Planspiel, Konferenzsimulation)
  • 2.   Problemorientierung inkl. Wissenschaftspropädeutik (Problemstudie, Politikwerkstatt, Erhebung)
  • 3.   Handlungsorientierung (Projekt, Bürgeraktion, Service Learning)
  • 4.   Schülerorientierung (Rollenspiel, Forumtheater, lebensweltliche Fallanalyse)
  • 5.   Fallprinzip (institutionelle Fallstudie, Gerichtssimulation)
  • 6.   Zukunftsorientierung (Zukunftswerkstatt, Szenariotechnik)
  • 7.   Werteorientierung bzw. politisch-moralische Urteilsbildung (Dilemma-Methode)
  • 8.   Genetische Orientierung (Lehrstücke, Gründungssimulationen, soziale Erfindungen u. Experimente)

Ein inklusiver Ansatz braucht stets sinnlich erfahrbare, sicht-, hör- und anfassbare Phänomene, die auch als innere Bilder oder Vorstellungen erlebt werden können. Aus Sicht der Lernenden verschwimmen deshalb häufig die Grenzen zwischen inhaltlichen und methodischen Zugängen zum Politischen. Für unsere Stufenmodelle ordnen wir die genannten Prinzipien daher nicht einfach nebeneinander an, sondern verdichten sie zu vier methodisch-inhaltlichen Schwerpunkten, die jeweils einen der zuvor entwickelten politischen Handlungs- und Deutungsräume besonders gut erschließen. Die Begriffe „Wir“, „Fälle“, „Konflikte“ und „Probleme“ bezeichnen dabei weder vollständige Methoden noch bloße Synonyme der genannten Prinzipien. Sie markieren vielmehr inhaltliche Teilbereiche, in denen sich bestimmte Prinzipien und Methoden bündeln.

Die folgende Übersicht bündelt diese didaktische Übersetzung der vier politischen Räume in inhaltliche Teilbereiche, Leitaktivitäten und thematische Schwerpunkte. Die gängigen Lehrplanthemen politischer Bildung in der Grundschule und Sekundarstufe I werden dabei idealtypisch den vier Räumen zugeordnet (vgl. ähnlich Autorengruppe Fachdidaktik, 2026, S. 86):

TeilbereichPolitischer RaumLeitaktivitätThematische Schwerpunkte
1. WirLebensweltUnsere Gruppe entdeckenWerte, Emotionen, Träume, Lebensstile, Streit, Autoritäten, Regeln und Regelverletzung, Konfliktlösung
2. FälleÖffentlichkeitEinen lebensweltlichen oder rechtlichen Fall lösenKinderrechte, Menschenrechte, Grundrechte, Rechtsstaat, Mobbing, Hate Speech, Fake News, Kriminalität, Extremismus, Gerichte, Verfassungsschutz
3. KonflikteInstitutionenEinen politischen Konflikt untersuchen und beurteilenParlamentarische Demokratie, Gewaltenteilung, Konfliktlinien, soziale Bewegungen, NGOs, politi-sche Parteien, Pluralismus, Europäische Union, UNO, internationale Konflikte, Globalisierung
4. ProblemeSozialwissenschaftEin gesellschaftliches Problem erforschenSoziale Ungleichheit/Sozialstaat, Diskriminierung, Medien und Internet, Umweltschutz, Krieg und Frieden

3.1 Teilbereich 1. Wir: Unsere Gruppe entdecken

Dieser Teilbereich gehört zum lebensweltlichen Raum, weil die Lernenden hier sich selbst, ihre Gruppe und ihr unmittelbares Zusammenleben als politischen Nahbereich erfahren. Eine erste Politisierung, die besonders gut auch Menschen mit basalem oder elementarem Zugang einbeziehen kann, versprechen wir uns vom genetischen Prinzip nach Wagenschein. Gemeint sind damit „soziale Experimente“: überschaubare, aber politisch relevante Selbsterfahrungssituationen. Die Kinder beschäftigen sich hier nicht mit externen oder nur medial präsenten Fällen, Konflikten oder Problemen, sondern mit sich selbst und ihrer Gruppe. In diesem Sinne werden sie selbst zum Fall. Deshalb nennen wir diese Inhaltsstruktur kurz „Wir“ bzw. „Unsere Gruppe entdecken“.

Die einfachste Form solcher sozialen Experimente sind Verteilungsspiele zur möglichst gerechten Aufteilung knapper und begehrter „eigener“ Güter wie Süßigkeiten oder Buntstifte. Dabei werden immer auch Vorstellungen von Entscheidungsfindung, Gerechtigkeit, Macht und Gender berührt (vgl. Krappmann, 1993; Papke-Hirsch et al., 2018; Halbert, 2021). Entscheiden und Verteilen bilden hier einen basalen Zugang zu zentralen politischen Konfliktlinien jeder Gesellschaft, wie sie in 2.1 über politische Grundfragen eingeführt wurden. Entscheidungs- und Urteilsprozesse können dabei über rote und grüne Feedbackkugeln, Entscheidungshüte, Standbilder, Emotionen-Uhren oder Entscheidungsfelder auf dem Boden visualisiert bzw. inszeniert werden (vgl. Halbert, 2021). So werden auch reflexive Vorgänge auf basalem Niveau bildlich oder körperlich wahrnehmbar.

Komplexer sind sogenannte Inselszenarien, in denen die Kinder sich vorstellen, auf einer Insel überleben zu müssen oder in einem abgelegenen Bergdorf gemeinsam neu anzufangen (vgl. Petrik, 2022). Hier können sie sich auch Träume erzählen – als frühe Form utopischen Denkens – und so die Grundidee einer Zukunftswerkstatt kennenlernen, ohne schon stark von der Gegenwart abstrahieren zu müssen.

In solchen Verteilungsszenarien erleben Kinder sich selbst als Gestalterinnen ihrer Welt. Sie erfahren potenziell Selbstwirksamkeit, aber auch ersten „politischen Frust“, wenn konträre Bedürfnisse und unterschiedliche sprachliche, körperliche oder emotionale Machtmittel aufeinanderprallen. So werden Hierarchien und latente Konflikte innerhalb der Gruppe sichtbar und bearbeitbar. Impulse der Erzieherinnen und Lehrerinnen verschärfen diese Konflikte bewusst, um die Zone der nächsten Entwicklung zu eröffnen. Sie helfen bei Lösungen jedoch erst dann, wenn die Kinder selbst nicht weiterwissen (sokratische Erzieherinnen- bzw. Lehrer-Rolle). Auswertungsfragen und Feedbacks führen schließlich zu einer ersten Selbstreflexion als Anbahnung der Urteilskompetenz: Was ist mir wichtig? Was finde ich gut, was schlecht? Bei manchen Kindern entsteht dabei vielleicht schon eine erste Ahnung öffentlicher oder institutioneller Regelungsformen über Interessenausgleich und demokratische Verfahren. Der Schwerpunkt dieses Teilbereichs bleibt jedoch die lebensweltliche Selbst- und Gruppenerfahrung; öffentliche und institutionelle Regelungsformen erscheinen zunächst nur in ersten Vorformen. Grundlage ist ein meist noch unbegründeter, aber akzeptierter Dissens: Wir sind verschieden, und gerade deshalb müssen wir gemeinsame Lösungen finden.

Tabelle Stufenmodell Teilbereich 1: Wir

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

Stufenmodell Wir
Wir: Unsere Gruppe entdecken
Zentraler Raum und Ziel: vor allem lebensweltlicher Raum; erste Politisierung des Nahraums über Selbsterfahrung, Wertereflexion, Gruppenaushandlung und Regelbildung.
Zentrale Kompetenzen: Perspektivenübernahme, Konfliktlösung, politisch-moralische Urteilsbildung und Partizipation; in ersten Ansätzen auch Analysefähigkeit.
Zentrale Lerninhalte: Gesellschaft, Politik und Demokratie im Nahraum: Werte, Emotionen, Träume, Lebensstile, Streit, Autoritäten, Regeln und Regelverletzung, Konfliktlösung.
Zentrale Bausteine: Verteilungskonflikte (z. B. Buntstifte-Spiel, Süßigkeiten, Geschirr/Teller, Spielsachen, Räume, Spielgeld, Inselspiel, Dorfgründung), politische Grundorientierungen in elementarisierter Form, einfache Gesprächs- und Entscheidungsverfahren.
Didaktischer Leitgedanke: Die Lernenden bearbeiten nicht zuerst fremde Fälle, institutionelle Konflikte oder gesellschaftliche Probleme, sondern ihre eigene Gruppe als politischen Erfahrungsraum. Ausgangspunkt sind möglichst reale oder realitätsnahe Gruppensituationen, in denen begehrte, aber knappe Güter verteilt oder Entscheidungen getroffen werden müssen und Konflikte zunächst unmoderiert entstehen. Gruppenkonflikte kreisen dabei oft um zwei politische Grundfragen: Wer bekommt was? Und wer entscheidet wie? Das Modell folgt vor allem dem genetischen Prinzip und der Schülerorientierung: Politik wird im Nahraum entdeckt, bevor es auf Öffentlichkeit, Institutionen und Gesellschaft bezogen wird. Zugleich kann dieser Nahraum am Ende so weit verdichtet werden, dass erste politische Grundorientierungen sichtbar und von antidemokratischen Gegenbildern unterschieden werden.
Sechs lernlogische Schritte:
1. Bedürfnisse und Spannungen wahrnehmen
2. Positionen ausdrücken und begründen
3. Regeln und Entscheidungen aushandeln
4. Gerechtigkeit und Verteilungsweisen erproben
5. Werteunterschiede erschließen
6. Gruppenerfahrungen auf größere Zusammenhänge beziehen
1. Bedürfnisse und Spannungen wahrnehmen
bepsILZStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
1Lernende nehmen mit verschiedenen Sinnen Spannung, Unruhe, Harmonie oder Konflikt in der Gruppe wahr und reagieren darauf.Ich kann mich wohl oder unwohl fühlen, wenn ich in unserer Gruppe bin.

Ausgangspunkt ist eine Gruppenversammlung mit einem realen oder realitätsnahen Konflikt über knappe Güter: Stifte, Farben, Geschirr/Teller, Süßigkeiten, Spielsachen, Räume, Spielgeld usw. Die Fachkraft hält sich zunächst zurück (unmoderierter Konflikt). Die Komplexität kann vom Buntstifte-Spiel bzw. der „Farbenfrohen Kontroverse“ über einen etablierten Kinderrat bis zum Inselspiel und zur Dorfgründung reichen (vgl. Halbert 2025; Inselspiel im Methodenkoffer des IB Berlin Brandenburg (https://ib-berlin.de/); Petrik i. V.; Petrik 2013).

2Lernende äußern eigene Gefühle und Bedürfnisse in einer Gruppensituation und können sich dabei in ersten Ansätzen beruhigen.Ich kann sagen oder zeigen, wie ich mich fühle, was ich möchte und ich kann mich wieder etwas beruhigen.

Reflexions- und Sprachhilfen einsetzen, z. B. Emotionsuhr; nonverbale Signale durch Fachkräfte verstehen und übersetzen; Blitzlichtrunden für kurzen Austausch (vgl. Halbert 2025); Arbeitsblatt „Wenn zwei sich streiten…“ zur Wahrnehmung von Streit, Eskalation und ersten Reaktionen (https://www.frieden-fragen.de/fileadmin/user_upload/friedenfragen/media/PDFs/Arbeitsblaetter/Gesamt_Streit-AB_frieden-fragen.pdf)

3Lernende beschreiben, worum es im Konflikt geht, welche Bedürfnisse aufeinandertreffen und können ihre Meinung zu einem Streitthema in einfacher Form ruhig ausdrücken.Ich kann beschreiben, worum unser Streit geht, was ich will, was andere wollen, und ich kann zu einem Streitthema ruhig sagen, was ich meine.

Standbilder zu Personenkonstellationen (vgl. Halbert 2025); Wahrnehmungstraining (https://www.politikundunterricht.de/1_18/konflikte.pdf); bei der Auswertung ggf. die ersten Entscheidungsfragen explizit machen: Entscheidet eine Person, die Mehrheit oder alle gemeinsam?

Lernende deuten Konflikte als Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse, Machtmittel und Wertsetzungen in Gruppen und können sich in Konflikten zunehmend kontrolliert und abwartend verhalten.Ich kann erklären, warum Streit entsteht, und ich kann auch dann noch abwarten und mich beherrschen, wenn der Streit schwierig wird.

Diskussionsqualität und Entscheidungsprozess thematisieren (eine Person, Mehrheit oder alle?); unfaire Taktiken erkennen; Emotionsregulation/Stopp-Signal üben, ggf. mit Rollenspielen oder regelgeleiteten körperlichen Konfliktszenen (vgl. Halbert 2025); Regeln des Zusammenlebens sammeln und diskutieren (https://baloop.de/einrichtungen/magazin/regeln).

Didaktischer Kern: Der Einstieg bleibt nah am Erleben, bei zunächst unmoderierten Gruppenkonflikten um knappe Güter. Basal und elementar geht es um Wahrnehmung, Ausdruck und erste Aushandlung; primar und sekundar entsteht ein erstes Bewusstsein von Erklärungs- und Regelbedarf sowie Interessen- und Machtbezug.
2. Positionen ausdrücken und begründen
Lernende nehmen wahr, dass andere in der Gruppe unterschiedliche Haltungen zeigen.Ich kann wahrnehmen, dass andere etwas anderes wollen oder wichtig finden als ich.Zustimmung und Ablehnung mit Karten, Symbolen, Raumpositionen oder Farben ausdrücken; unterschiedliche Sprech- und Moderationsrollen sichtbar machen.
Lernende äußern eine eigene Position zu einem Streitthema, reagieren auf andere Positionen und achten darauf, dass auch zurückhaltendere Kinder zu Wort kommen.Ich kann sagen oder zeigen, was ich will, und ich kann darauf achten, dass auch ruhigere Kinder etwas sagen können.Redestein, Handzeichen, Wahlboard, einfache Moderation im Stuhlkreis, sokratisches Nachfragen; bei sprachlichen Barrieren mit Übersetzung und Handzeichen arbeiten.
Lernende begründen ihre Position mit ersten Argumenten und vergleichen unterschiedliche Begründungen.Ich kann sagen, warum ich das will, und hören, warum andere etwas anderes wollen.Argumente sammeln; Streitlinien zu einfachen Grundfragen durchführen, um Standpunkte, Argumente und ihre Veränderung zu visualisieren (vgl. Petrik 2013); Wahlboard oder Matrix zur Darstellung unterschiedlicher Positionen und Unterthemen.
Lernende reflektieren, dass Positionen auf unterschiedlichen Wertvorstellungen, Erfahrungen und Gruppensichten beruhen, und können ein moderiertes Konfliktgespräch mittragen oder anleiten.Ich kann erklären, warum Menschen bei derselben Frage verschieden denken, und ich kann helfen, dass wir geordnet darüber sprechen, Pausen machen und die unterschiedlichen Themen und Meinungen festhalten.

Moderationsrolle sichtbar machen und symbolisieren: klare Stuhlordnung, stehende Moderation, besonderes Mikrofon oder Moderationskarte; Redeliste; Übungen zu Argumenttypen (Beispiele, Ursachen/Folgen, Vergleiche, Autoritäten); Philosophieren mit Kindern (https://www.bpb.de/228237/philosophieren-mit-kindern/) ergänzende Materialien zu Argumenttypen (https://knowunity.de/knows/deutsch-argumententypen-584f9ea4-c29e-45a9-b43b-0280ea34f16a; https://abi.unicum.de/deutsch-im-abi/argumenttypen); Themen und Positionen protokollierend ordnen; Mediation anbahnen (https://www.politikundunterricht.de/1_18/konflikte.pdf); Pausen für alle explizit einfordern dürfen.

Didaktischer Kern: Hier wird aus bloßem Ausdruck allmählich begründete Positionierung. Im Vordergrund steht der Weg von wahrnehmbarer Haltung über symbolischen Ausdruck zur begründeten Position. Die Moderation des Gesprächs wird selbst zum Lerngegenstand demokratischer Kommunikation.
3. Regeln und Entscheidungen aushandeln
Lernende nehmen wahr, dass das Zusammenleben durch wiederkehrende Regeln und Signale geordnet wird.Ich kann merken, dass es Regeln und Zeichen gibt, die unserer Gruppe helfen.

Rituale, Signalkarten, Stopp-Regel, feste Orte, kurze Nachbesprechung nach Konflikten; Emotionsregulation üben (https://www.superheldenkids.de/blog/emotionsregulation/)

Lernende benennen einfache Regeln für Gespräch und Zusammenleben, tragen sie mit, erkennen erste Regelverletzungen und verstehen, dass Gruppen dafür auch feste Formen wie Kinderkonferenz oder Kinderparlament entwickeln können.Ich kann sagen, welche Regeln wichtig sind, mich an sie halten, merken, wenn jemand die Regeln verletzt, und verstehen, dass wir dafür auch feste Treffen wie einen Kinderrat oder ein Kinderparlament haben können.

Gesprächsregeln sammeln; Regelplakate; Kinderkonferenz; Kinderparlament in einfacher Form (https://portal.bausteine-kindergarten.de/kinderparlament-was-ist-das/) Entscheidungen mit Symbolen sichtbar machen; Rituale bewusst aufbauen. typische Regelverletzungen sichtbar machen, z. B. Unterbrechen, Auslachen, „Nein-Doch-Spiele“, Beschimpfen, Drohen Makista „Kinderrechte machen Schule 3“ mit Klassenrat, Konfliktlotsen und Sprachbotschaftern (https://www.makista.de/wp-content/uploads/2020/10/Kinderrechte-machen-Schule-3.pdf).

Lernende erklären, warum Regeln und Entscheidungsverfahren für Gruppen wichtig sind, vergleichen erste Verfahren, erkennen Regelverletzungen sowie unfaire Taktiken, machen eigene Vorschläge, wie ein Konflikt gelöst werden könnte, und verstehen, dass feste Gremien wie Kinderparlament oder Klassenrat solche Verfahren dauerhaft ordnen.Ich kann erklären, warum wir Regeln brauchen, verschiedene Arten zu entscheiden vergleichen, sagen, was an einem Streit unfair ist, und einen Vorschlag machen, wie wir den Streit lösen können. Ich kann verstehen, dass ein Kinderparlament oder Klassenrat uns hilft, Streit regelmäßig, verlässlich und fair zu besprechen.

Dieselbe Konfliktlage nacheinander als Diktat, Mehrheitsabstimmung und Konsenssuche durchspielen; Entscheidungskrone bzw. andere Symbole verwenden (vgl. Halbert 2025); demokratische Verfahren in Kita-Settings erproben (Herder 2025 zu DeGeDe „Klassenrat – Herzstück einer demokratischen Schule“ als Material zu Mitbestimmung, Verantwortung und Gesprächsführung (https://degede.de/wp-content/uploads/2018/08/2018-paedagoginnen.pdf). Kinderkonferenzen als Gruppensituation, in der Kinder ihre Meinung entwickeln und einbringen (https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/gruppenleitung-erzieherin-kind-beziehung-partizipation/mitbestimmung-der-kinder-partizipation/kinderkonferenzen/; https://www.kinderrechte.de) „Strategien und Grundformen der Partizipation“ zu Wahlverfahren, Vorsitzregelungen und Ausschüssen (https://www.kinderrechte.de/fileadmin/Redaktion-Kinderrechte/4_Praxis/4.6_Beteiligungsbausteine/4.6.1_Grundlagen/4.6.1.1_Theorie/Baustein_A_1_5.pdf).

Lernende reflektieren unterschiedliche Regeln und Entscheidungsverfahren im Hinblick auf Gerechtigkeit, Mehrheitsprinzip, Minderheitenschutz, Kompromiss und Konsensorientierung. Sie achten darauf, dass auch weniger durchsetzungsstarke Beteiligte zu Wort kommen, werten Konfliktverläufe aus und verstehen, dass Pluralismus und faire Beteiligung zur Demokratie gehören. Sie verstehen Kinderparlament oder Klassenrat als regelmäßige, verlässliche, faire und entlastende Formen gemeinsamer Regelung.Ich kann erklären, wie Gruppen fair entscheiden können, warum die Mehrheit nicht alles darf und warum man manchmal einen Kompromiss oder eine gemeinsame Einigung braucht. Ich kann darauf achten, dass nicht nur die Lauten drankommen, sondern auch die, die sich weniger trauen, etwas zu sagen. Ich kann sagen, wie der Konflikt begonnen hat, wodurch er sehr hitzig wurde und wie wir entschieden haben. Ich kann verstehen, dass zu Demokratie verschiedene Meinungen und faire Beteiligung gehören. Ich kann verstehen, dass ein Kinderparlament oder Klassenrat uns hilft, Streit regelmäßig, verlässlich und fair zu besprechen. Das macht es für alle leichter.

Kinderparlament/Klassenrat reflektieren; Mehrheitsverhältnisse im Raum mit Wandsymbolen oder Entscheidungstabelle darstellen; Beispiel von Willkür einbauen (z. B. „das Kind mit dem roten T-Shirt entscheidet zuerst“); rote und grüne Murmeln als Feedback nutzen; Geschwindigkeit von Verfahren symbolisieren (z. B. Schildkröte/Hase/Gepard); Minderheitenschutz, Kompromiss und Wertekonsens besprechen; Beispiel „Eins, zwei oder drei“ für Mehrheitsverhältnisse; rückblickend Konfliktverläufe auswerten: Wie begann der Streit? Wann wurde er hitzig? Wurden Regeln eingehalten? Kamen unterschiedliche Positionen zu Wort?; Kompromiss diskutieren (https://www.politikundunterricht.de/1_18/konflikte.pdf).

Didaktischer Kern: Dieser Schritt ist für das Modell „Wir“ zentral, weil hier aus Streit erste polity-Erfahrungen werden, die institutionelle Regelungen als emotionale und praktische Entlastung begreifbar machen. Entscheidungsverfahren sollen nicht nur genannt, sondern leiblich und emotional durchlebt werden: vom autoritären Diktat über Mehrheit und Minderheitenschutz bis zu Kompromiss und Konsensorientierung unterscheiden sie sich in Fairness, Legitimität und Zumutung.
4. Gerechtigkeit und Verteilungsweisen erproben
Lernende reagieren darauf, ob eine Verteilung als angenehm, verletzend, fair oder unfair erlebt wird.Ich kann zeigen, ob ich es fair oder unfair finde, wie etwas verteilt wird.Unmittelbare Reaktionen auf Verteilungen von Stiften, Farben, Geschirr/Tellern, Süßigkeiten, Spielsachen, Räumen oder Spielgeld; Gefühlskarten, Abstimmungssteine, Feedback mit Symbolen oder Murmeln.
Lernende äußern einfache Vorstellungen davon, was bei der Verteilung knapper Güter gerecht oder ungerecht ist.Ich kann sagen, was ich gerecht finde, wenn etwas verteilt wird.

Einfache Verteilungsprobleme mit konkreten Gütern besprechen und praktisch ausprobieren: gleiche Verteilung, Reihenfolge, Bedarf. Neuer Baustein: Makista „Kinderrechte machen Schule 2“ mit den Grundprinzipien Gleichheit, Schutz, Förderung und Partizipation als Folie für Verteilungsfragen (https://www.makista.de/wp-content/uploads/2020/10/makista-kinderrechte-machen-Schule-2-web.pdf).

Lernende erklären unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen an einfachen Beispielen und unterscheiden erste Wertgegensätze bei der Verteilung knapper Güter.Ich kann erklären, warum Menschen etwas unterschiedlich gerecht finden und warum sie beim Verteilen verschiedene Dinge wichtig finden.Vergleich von Gleichheit, Bedarf und Leistung; Verteilungsprobleme aus Buntstifte-Spiel, Süßigkeiten, Geschirr/Tellern, Räumen, Spielgeld, Inselspiel oder Dorfgründung; Unterschiede sichtbar machen und versprachlichen.
Lernende vergleichen unterschiedliche Verteilungsweisen systematisch und beurteilen ihre Folgen für verschiedene Beteiligte.Ich kann erklären, was passiert, wenn alle gleich viel bekommen, wenn manche mehr bekommen, weil sie mehr brauchen, oder wenn manche mehr bekommen, weil sie mehr leisten. Und ich kann sagen, was ich daran gerecht oder ungerecht finde.Verteilungsweisen gezielt durchspielen und auswerten; Folgen für verschiedene Kinder oder Gruppen besprechen; Erfahrungen aus Dorfgründung, Inselspiel, Süßigkeiten- oder Buntstifte-Spiel vergleichen; quantitative Gleichheit, Bedarfsgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit unterscheiden; die Grundanalogie explizit machen: Politik kreist auch darum, wer welche Ressourcen bekommt.
Didaktischer Kern: Nachdem in Schritt 3 die Entscheidungsfrage bearbeitet wurde, wird hier die Verteilungsfrage eigens erfahrbar: Wer bekommt was? Gerechtigkeit bleibt nicht bloß ein Wort, sondern wird an verschiedenen Verteilungsweisen praktisch erprobt. Durch den Vergleich konkreter Verteilungen werden Gleichheit, Bedarf und Leistung als unterschiedliche Gerechtigkeitsideen greifbar.
5. Werteunterschiede erschließen
Lernende reagieren darauf, dass Menschen in Konflikten unterschiedlich fühlen, wollen und bewerten.Ich merke, dass Menschen bei Streit Verschiedenes wichtig finden.Unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Lösung sichtbar machen; Gefühle, Wünsche und Bewertungen nebeneinanderlegen.
Lernende benennen, dass Menschen unterschiedliche Dinge wichtig finden, etwa Freiheit, Ordnung, Gleichheit oder Mitbestimmung.Ich kann sagen, dass manchen Freiheit wichtig ist, anderen Ordnung, anderen Gleichheit und wieder anderen Mitbestimmung.Lösungen aus Verteilungs- und Entscheidungssituationen vergleichen; Gründe sammeln, warum Kinder bestimmte Lösungen bevorzugen.
Lernende erkennen hinter Konflikten unterschiedliche Wertorientierungen und können wiederkehrende Muster in Konflikten um Verteilung und Entscheidung beschreiben.Ich kann erklären, dass es bei Streit oft um zwei Fragen geht: Wer soll wie viel bekommen?
Und wer soll wie entscheiden dürfen?

Die beiden politischen Grundfragen Verteilung und Entscheidung sichtbar machen; Erfahrungen aus Schritt 3 und 4 zusammenführen; erste Muster benennen, ohne sie schon fest zu etikettieren. Neuer Baustein: DeGeDe „ABC der Demokratiepädagogik“ als Material zu demokratischen Haltungen und zur Vorbeugung gegen menschenfeindliche Einstellungen (https://degede.de/wp-content/uploads/2018/11/degede-abc-der-demokratiepaedagogik.pdf).

Lernende können wiederkehrende Wertmuster in Konflikten um Verteilung und Entscheidung differenziert beschreiben und dabei vier grundlegende Richtungen unterscheiden:
mehr Freiheit von staatlicher Umverteilung, mehr Ordnung, Autorität und Tradition, mehr Gleichheit und Umverteilung, mehr Mitbestimmung, Antiautorität und Umweltschutz.
Ich kann erklären, dass Menschen bei Streit oft unterschiedlich darüber denken, ob jeder möglichst frei selbst behalten darf, was er hat, ob klare Regeln, Autoritäten und Traditionen besonders wichtig sind, ob möglichst alle gleich viel bekommen oder mehr umverteilt werden soll, oder ob möglichst alle mitbestimmen sollen und die Umwelt besonders geschützt werden muss.

Aus Dorfgründung, Inselspiel oder Verteilungskonflikten wiederkehrende Wertmuster herausarbeiten; Konflikte entlang der beiden Grundachsen Verteilung und Entscheidung ordnen; die Idee eines basalen politischen Kompasses als Arbeitsmittel anbahnen, ohne die Muster schon vollständig partei- oder ideologieförmig festzuschreiben. Neuer Baustein: kinderrechte.de „Demokratiebildung im Kindesalter“ mit Karten- und Reflexionsmaterial zu Würde, Wertschätzung, Inklusion und Mitbestimmung (https://www.kinderrechte.de/wissen/demokratiebildung-im-kindesalter/).

Didaktischer Kern: Werte ziehen sich durch das ganze Modell. In diesem Schritt werden sie jedoch ausdrücklich zum Thema. Die Lernenden erschließen, dass Konflikte nicht nur aus Interessen, sondern auch aus unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit, Ordnung, Gleichheit, Umverteilung, Mitbestimmung oder Autorität entstehen. Damit werden beide politischen Grundfragen erstmals zusammengeführt.
6. Gruppenerfahrungen auf größere Zusammenhänge beziehen
Lernende nehmen wahr, dass Regeln und Konflikte nicht nur in der eigenen Gruppe vorkommen.Ich merke, dass es auch woanders Regeln und Streit gibt.Vergleich von Regeln in Familie, Kita oder Schule; Bilder und Geschichten aus anderen Gruppen.
Lernende erkennen, dass auch andere Gruppen Konflikte lösen und Entscheidungen treffen müssen. Lernende äußern erste Vorlieben dafür, welche Lösungen oder Haltungen ihnen in Konflikten am besten gefallen.Ich kann sagen, dass Menschen auch woanders Regeln brauchen und Streit klären müssen. Ich kann sagen, welche Lösung oder Idee ich am besten finde.

Beispiele aus Schule, Nachbarschaft oder Familie; Familienrat/Familienkonferenz (https://www.kita.de/wissen/familienkonferenz/; https://www.politikundunterricht.de/1_18/konflikte.pdf); verschiedene Gremien der Einrichtung vergleichen. Makista „Kinderrechte in die Schule“ zur Einbettung von Klassenrat und Kinderrechten in Schulentwicklung (https://www.makista.de/wp-content/uploads/2017/07/Materialien-Kinderrechte-in-die-Schule_Info-und-Inhalt.pdf).

Lernende können erklären, welche demokratischen Werte und Grundprinzipien ihnen selbst besonders wichtig sind und welche Haltungen ihnen deshalb eher sympathisch erscheinen.Ich kann erklären, welche Werte mir selbst besonders wichtig sind und welche Ideen ich deshalb am besten finde.

Rückbezug auf eigene Gruppenkonflikte: Wann war etwas fair, wann unfair? Grundrechte in einfacher Form; Minderheitenschutz an Gruppensituationen verdeutlichen; Vielfalt und Toleranz an unterschiedlichen Lebensweisen oder Meinungen besprechen; demokratische vs. willkürliche oder ausgrenzende Lösungen gegenüberstellen; Staaten oder Gruppen ohne Mitentscheidung als Gegenbild ansprechen. Dokumentation der Kinderrechteschulen Hessen mit Praxisbeispielen zu Klassenrat, Kinderkonferenz und aktuellen Themen (https://www.makista.de/wp-content/uploads/2017/04/Dokumentation-KiReSchulen-Hessen-2016-komp.pdf). SOS-Schulmaterial „Ubuntu“ zu globaler Gerechtigkeit, Respekt und Verantwortung (https://www.sos-kinderdoerfer.de/getmedia/abaee7c0-d49e-49fb-aa4a-2a3bd4ef7460/SOS-Schulmaterial-Ubuntu.pdf).

Lernende können die in Gruppenkonflikten erarbeiteten Wertmuster entlang der beiden Grundachsen Verteilung und Entscheidung in einem einfachen politischen Kompass ordnen, daraus erste politische Grundorientierungen ableiten und sie von antidemokratischen Orientierungen unterscheiden. Sie können erklären, dass marktliberale Positionen wirtschaftliche Freiheit und geringe Umverteilung betonen, konservative Positionen Ordnung, Tradition und Autorität betonen, demokratisch-sozialistische Positionen Gleichheit und stärkere Umverteilung durch verbindliche politische Regelung betonen und antiautoritär-postmaterialistische Positionen Mitbestimmung, Freiheit von Herrschaft und den Schutz der Umwelt betonen. Sie können außerdem erklären, dass antidemokratische Orientierungen gleiche Rechte, Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit, Toleranz, Vielfalt, Pluralismus und Mitbestimmung verletzen, weil sie die gleiche Würde und Freiheit aller nicht anerkennen.
Sie können außerdem einschätzen, welche dieser demokratischen Grundorientierungen vorläufig am ehesten zu ihren eigenen Werten passt und welche ihnen besonders sympathisch ist.
Ich kann erklären, dass ähnliche Werte und Meinungen wie in unserer Gruppe auch bei Parteien, NGOs und anderen Gruppen vorkommen. Mit einem einfachen politischen Kompass kann ich solche Grundhaltungen ordnen und mit Namen verbinden. Marktliberal bedeutet, dass wirtschaftliche Freiheit wichtig ist und möglichst wenig umverteilt werden soll. Konservativ bedeutet, dass Ordnung, Tradition und klare Autoritäten wichtig sind. Demokratisch-sozialistisch bedeutet, dass Gleichheit wichtig ist und mehr umverteilt werden soll. Antiautoritär-postmaterialistisch bedeutet, dass möglichst alle mitbestimmen sollen, dass niemand über andere herrschen soll und dass die Umwelt besonders geschützt werden muss. Ich kann auch erklären, dass Demokratie etwas anderes ist als rechtsextreme, linksextreme oder islamistische Vorstellungen, weil Demokratie gleiche Rechte, Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit, Toleranz, Vielfalt und Mitbestimmung braucht und weil antidemokratische Vorstellungen manche Menschen abwerten, ausschließen oder ihnen gleiche Rechte wegnehmen wollen.
Ich kann auch sagen, welche dieser Grundhaltungen vorläufig am besten zu meinen eigenen Werten passt und welche ich am sympathischsten finde.
Einfachen politischen Kompass aus den beiden Grundachsen Verteilung und Entscheidung entwickeln; erste Zuordnung einfacher Positionen zu Parteien, NGOs oder Bewegungen; Policy/Politics/Polity an Nahraumbeispielen und ggf. Gesellschaftsspielen unterscheiden; breiteren Demokratiekern anbahnen (freie Wahlen, Pluralismus, Partizipation, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Rechtsstaat); Vergleich demokratischer und nicht-demokratischer Lösungen; erste Abgrenzung gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Chauvinismus, Nationalismus, Diktaturorientierung oder NS-/DDR-Verharmlosung; Übergang zum Stufenmodell „Konflikte“.

Zur politischen Kultur der Schulklasse und ihrer selbstreflexiven Fallbearbeitung (vgl. Jahr 2022)
Didaktischer Kern: Der Lebensraum „Wir“ wird hier kontrolliert geöffnet. Entscheidend ist die Analogie: Aus Nahraumkonflikten lassen sich erste Einsichten in größere politische Zusammenhänge gewinnen. Besonders wichtig ist die Brücke über Verteilung, Entscheidung und demokratische Rahmung – also über Policy, Politics und Polity. Am Ende werden der einfache politische Kompass, Parteien, NGOs, soziale Bewegungen und antidemokratische Gegenbilder in elementarer Form sichtbar und erste Selbstpositionierungen im politischen Raum ermöglicht.

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3.2 Teilbereich 2. Fälle: Einen lebensweltlichen oder rechtlichen Fall lösen

Fälle gehören in unserem Modell zum öffentlichen Raum, wenn private oder lebensweltliche Situationen so erzählt, dargestellt oder diskutiert werden, dass sie stellvertretend für größere soziale, rechtliche oder politische Fragen öffentlich bedeutsam werden. Für den öffentlichen Handlungsraum bündeln wir daher vor allem lebensweltliche Fallanalyse, elementarisierte Dilemma-Methode und solche Formen der Fallarbeit, in denen Einzelfälle öffentlich lesbar und diskutierbar werden. Diese elementarisierte Fallorientierung ist mit elementarer Konfliktorientierung verwandt, ohne jedoch schon zu stark institutionelles Personal und institutionelle Entscheidungsstrukturen einzubeziehen. Privates gerät hier also durch seine rechtliche, moralische oder soziale Rahmung ins öffentliche Interesse.

Solche Fälle können fiktiv sein, wie etwa der realistische Fall Christian: Der Jugendliche Christian gerät in einen möglicherweise gewaltförmigen Streit mit seinen Eltern über seine Beteiligung im Haushalt und seinen Schulabbruch und reißt schließlich von Zuhause aus. Dieser Fall regt dazu an, über Rechte und Pflichten von Eltern und Kindern nachzudenken – von spontanen emotionalen Reaktionen bis hin zur Arbeit mit ausgewählten Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches, die z. B. Unterhaltspflichten der Eltern oder Mithilfepflichten von Kindern im Haushalt regeln (vgl. Reinhardt, 2022, S. 122 ff.).

Eine höhere Motivationswirkung sehen wir bei realen Fällen, auch wenn diese oft schwerer zugänglich und komplexer sind. Ein Beispiel ist der „Fall Klaus“ (Sperling 2002). der von einem Jugendlichen handelt, der Diebstahl begeht und verurteilt wird (dieser und andere Fälle finden sich im didaktischen Koffer: https://didaktik.politik.uni-halle.de/didaktischer-koffer/). Besonders geeignet erscheinen uns Fälle, in denen von vorherrschenden oder angeblichen Normen abweichende Lebensstile und prekäre Lebenssituationen – etwa Homo- und Transsexualität, Obdachlosigkeit, Migrationshintergrund, Gewalt bzw. soziale Vernachlässigung in der Erziehung oder Internethetze – an Einzelpersonen stellvertretend für soziale Gruppen sichtbar werden. Fälle können aber auch reale Vorfälle in Meso-Institutionen wie Vereinen, Feuerwehr, Medien oder eben in Kita und Schule selbst sein.

Fälle, wie wir sie verstehen, sind von der kognitiven Anforderung her mit Dilemma-Geschichten vergleichbar. Auch sie verlangen meist eine rechtliche oder moralische Lösung und führen so zur Konfliktorientierung hin. Sie sollten sprachlich einfache Situationen und Personenkonstellationen schildern, die vorgelesen, gemalt, mit Figuren nachgestellt, per Standbild oder Rollenspiel nachgespielt oder als Trickfilm gezeigt werden können. Um soziale Perspektivenwechsel zu ermöglichen, sind simulative Methoden wie Rollenspiele unverzichtbar. Hilfreich sind auch einfache dialogische Übungen wie der Kontrollierte Dialog: Lernende müssen fremde Positionen zunächst so wiedergeben, dass sich ihr Gegenüber verstanden fühlt, bevor sie ihre eigene Sicht entfalten. Fremde Positionen nachsprechen zu können ist noch nicht unbedingt Perspektivenwechsel, aber ein erster Schritt dorthin und zugleich eine Vorbereitung auf spätere Streitgespräche.

Im Unterschied zur Problemorientierung beforschen die Kinder die Fälle hier noch nicht selbst und arbeiten auch nicht mit basalen statistischen oder wissenschaftlichen Befunden. Vielmehr lernen sie, das soziale Problem moralisch, sozial und rechtlich zu verstehen und zu beurteilen (vgl. Dondl, 2013). Institutionelles Wissen wie Positionen und Lösungskonzepte von Parteien und Bewegungen spielt dabei bewusst noch keine zentrale Rolle. So bleibt diese elementare Fallorientierung nah am Erlebnishorizont der Kinder, schafft aber bereits einen ersten abstrakten Lernanlass: von außen auf ein nachvollziehbares soziales Phänomen zu schauen und dabei Analyse- und Urteilskompetenz einzuüben.

Tabelle Stufenmodell Teilbereich 2: Fälle

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

Fälle: Einen lebensweltlichen oder rechtlichen Fall bearbeiten
Zentraler Raum und Ziel: vor allem öffentlicher Raum; fallbezogenes Eintauchen in die Vielfalt sozialer Lebenswelten und in öffentlich bedeutsame soziale, moralische und rechtliche Fragen.
Zentrale Kompetenzen: Analysefähigkeit (Sachurteil), soziale Perspektivenübernahme und politisch-moralische Urteilsbildung; in ersten Ansätzen auch Konfliktfähigkeit.
Zentrale Lerninhalte: Individuum und Gesellschaft, Kinder- und Menschenrechte, Minderheitenschutz, Jugendkriminalität, Mobbing, Fake News und Hate Speech, Lebensstile, körperliche und andere Beeinträchtigungen, Vielfalt sexueller und kultureller Identitäten, soziale Bewegungen.
Partizipationsformen: Fälle darstellen, Rollen nachspielen, mit einfachen Rechtstexten und Milieumodellen arbeiten (Fallanalyse und elementarisierte Fallstudie).
Didaktischer Leitgedanke: Ein Fall ist eine sozial überschaubare, zeitlich und räumlich begrenzte Situation, in der wenige Personen oder Funktionsträger*innen beim Handeln beobachtet werden können. Gerade weil Fälle personengebunden sind, erleichtern sie den Zugang über soziale Perspektivenübernahme. Im Unterschied zum institutionellen Konflikt stehen noch nicht primär Akteurssysteme, Machtmittel und Verfahren im Zentrum, sondern eine öffentlich lesbare Situation, an der sich soziale Normen, Rechte, Zugehörigkeit, Ausschluss oder Gerechtigkeit exemplarisch zeigen. Fälle werden deshalb danach ausgewählt, ob sie exemplarisch für typische gesellschaftliche Missstände oder normative Konfliktlagen sind.
Didaktische Fallarten:
1. Normabweichungsfälle: Situationen, in denen Verhalten, Lebensweisen oder Zugehörigkeiten von vorherrschenden Erwartungen abweichen und deshalb Irritation, Ablehnung oder Ausgrenzung auslösen.
2. Regelverletzungsfälle: Situationen, in denen soziale Regeln des Zusammenlebens verletzt werden.
3. Rechtsverletzungsfälle: Situationen, in denen Rechte Einzelner verletzt werden und rechtliche oder institutionelle Instanzen relevant werden.
Sechs lernlogische Schritte: 1. Den Fall als auffällige soziale Situation wahrnehmen; 2. Rollen, Beziehungen und Außensicht beschreiben; 3. Innenperspektiven einnehmen und vergleichen; 4. Handlungsmöglichkeiten, Regeln und Rechte klären; 5. Lösungen beurteilen; 6. Fälle verallgemeinern und auf andere Zusammenhänge übertragen.
Grundlogik: Fall erleben → Rollen verstehen → Perspektiven einnehmen → Rechte prüfen → Urteil bilden → generalisieren.
1. Den Fall als auffällige soziale Situation wahrnehmen
bepsILZStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
1Lernende nehmen eine ungewohnte, belastende oder irritierende Situation wahr und reagieren darauf.Ich merke, dass sich eine Situation komisch, traurig oder ungerecht anfühlt.

Fallgeschichte vorlesen; Comic, Bildfolge oder Kurzvideo; erste sinnliche Reaktionen zulassen. Einfühlsames Vorlesen als Zugang (vgl. Fischer 2022). Mögliche Leitfälle aus dem alten Raster: Normabweichung, Barriere, Mobbing, Hate Speech, Jugendkriminalität, häusliche Gewalt, Fake News; z. B. „Ich bin Sophia“ (https://www.youtube.com/watch?v=4rFSotQ-RSo)

2Lernende äußern eigene Gefühle und spontane Eindrücke zu einer beobachteten Situation.Ich kann sagen oder zeigen, dass mich die Situation traurig, wütend, ängstlich oder hilflos macht.Gesprächsrunde; Emotionskarten; Gefühlsskala; erste gemeinsame Sammlung von Eindrücken.
3Lernende beschreiben in einfachen Worten, was in dem Fall geschieht und worin das Auffällige der Situation liegt.Ich kann beschreiben, was in dem Fall passiert und was daran besonders oder ungerecht wirkt.Diskussion über erste Eindrücke; Fallverlauf ordnen; zentrales Ereignis benennen.
Lernende formulieren erste Fragen zu einem Fall, die für das weitere Verständnis wichtig sind.Ich kann Fragen stellen, damit wir den Fall besser verstehen.Sammlung und Dokumentation von Fallfragen; Brainstorming; Moderationsmethoden; Leitfragen entwickeln.
Didaktischer Kern: Der Einstieg bleibt nah an Wahrnehmung, Irritation und Betroffenheit. Ein Fall muss zunächst als besondere soziale Situation erfahrbar werden, bevor er analysiert oder beurteilt werden kann. Basal und elementar überwiegen Eindruck und Reaktion, primar und sekundar treten Beschreibung und Fragebildung hinzu.
2. Rollen, Beziehungen und Außensicht beschreiben
Lernende benennen beteiligte Personen und ihre einfachen Rollen im Fall.Ich kann sagen, wer dabei ist, wer zu wem gehört und wer welche Aufgabe oder Bedeutung in dem Fall hat.Figurenkarten; Rollen benennen; einfache Zuordnung von Vater, Mutter, Kind, Lehrkraft, Freund*in, Helfer*in, Betroffene*r.
Lernende beschreiben Beziehungen zwischen den Beteiligten in einfachen Zusammenhängen und erläutern, welche Aufgaben, Erwartungen und Zuständigkeiten die beteiligten Personen im Fall haben.Ich kann beschreiben, wie die Menschen im Fall zusammenhängen und welche Aufgaben oder Zuständigkeiten sie in dem Fall haben.

Standbilder; Beziehungsdiagramme; Nähe, Distanz, Abhängigkeit, Konflikt markieren. Bei passenden Fällen können vereinfachte biografische Dokumentationen einbezogen werden, z. B. „Ich bin Sophia“: (https://www.youtube.com/watch?v=4rFSotQ-RSo)

Lernende analysieren Rollen, Beziehungen und soziale Positionen der Beteiligten und erklären, warum diese für den Fall wichtig sind.Ich kann erklären, welche Rollen die Menschen haben, welche Aufgaben oder Zuständigkeiten damit verbunden sind und warum das für den Fall wichtig ist.Rollenanalyse; Außenperspektive auf soziale Lage, Zugehörigkeit, Autorität, Ausgrenzung.
Didaktischer Kern: Dieser Schritt bleibt in der Außensicht. Er hilft, den Fall zu ordnen, ohne ihn schon vorschnell moralisch oder institutionell zu überformen. Die soziale Lesbarkeit des Falls entsteht darüber, dass Rollen, Beziehungen und Positionen sichtbar werden.
3. Innenperspektiven einnehmen und vergleichen
Lernende äußern Vermutungen über Gedanken und Gefühle anderer Beteiligter.Ich kann vermuten, wie sich jemand fühlt und was jemand denkt.Gespräch über Perspektiven; Satzanfänge wie „Vielleicht denkt sie …“ oder „Er hat vielleicht Angst, weil …“.
Lernende beschreiben aus der Perspektive einer Person, was diese denkt, fühlt oder will.Ich kann als eine andere Person aus dem Fall aufschreiben, was sie denkt, fühlt und will, so als ob ich selbst diese Person wäre.Tagebucheintrag; Rollenkarte; Perspektivwechsel in einfacher Form.
Lernende vergleichen unterschiedliche Perspektiven und erklären, warum dieselbe Situation verschieden erlebt wird.Ich kann erklären, warum verschiedene Menschen denselben Fall unterschiedlich erleben.Rollenspiel auswerten; Perspektiven systematisch vergleichen; Konflikt zwischen Sichtweisen besprechen.
Didaktischer Kern: Fälle sind für den öffentlichen Raum besonders geeignet, weil sie soziale Perspektivenübernahme ermöglichen. Nicht abstrakte Institutionen, sondern konkrete Personen und ihre Sichtweisen eröffnen hier den Zugang zu Normen, Ausschluss, Zugehörigkeit und Gerechtigkeit.
4. Handlungsmöglichkeiten, Regeln und Rechte klären
Lernende äußern einfache Ideen, was Beteiligte tun könnten, und erkennen, dass in manchen Fällen auch Institutionen oder öffentliche Hilfen wichtig werden können.Ich kann sagen, was man tun könnte, und ich kann merken, dass man manchmal auch Hilfe von außen braucht, zum Beispiel von der Schule, vom Jugendamt oder vom Gericht.Ideen sammeln; Hilfe holen, reden, Grenzen setzen, weggehen, jemandem Bescheid sagen; erste Unterscheidung zwischen Fällen, die Beteiligte selbst lösen können, und Fällen, in denen Hilfe von Schule, Jugendamt, Polizei oder Gericht nötig wird; bei passenden Fällen erste einfache Gerichtssimulation oder Beobachtung einer Gerichtsrolle.
Lernende erklären Handlungsmöglichkeiten sowie dazu passende Regeln oder Rechte. Sie können passende Regeln oder Rechte aus einfachen Vorgaben auswählen, erste Unterschiede zwischen sozialen Regeln und staatlichen Rechten benennen und erläutern, wann Institutionen gebraucht werden.Ich kann erklären, was erlaubt ist, was geschützt werden muss und was man tun darf oder tun sollte. Ich kann aus einer Liste auswählen, welche Regeln oder Rechte zu dem Fall passen, und ich kann erklären, wann man Hilfe von einer Institution braucht.

Liste mit Regeln und Rechten; einfache Kinderrechte; Recht auf Schutz vor Gewalt; Recht auf Anhörung und Beteiligung; einfache soziale Normen, Kinderrechte, Menschenrechte und erste Rechtsbezüge aus Fällen wie „Christian“ oder „Klaus“; Unterschied zwischen Regeln und Gesetzen in elementarer Form; bei passenden Fällen Gerichtssimulation in vereinfachter Form, etwa zu Diebstahl oder Jugendkriminalität. Zur Vorbereitung können vereinfachte Normen und Rechte aus dem Regelbüchlein herangezogen werden (https://paedagogische-beziehungen.eu/regelbuechlein/; „Jura für Anfänger“: https://www.youtube.com/watch?v=f3z33e_u1yM; „Jura für Kids“: https://www.politische-bildung.nrw/buchbestellung/publikationsverzeichnis/print/jura-fuer-kids)

Lernende unterscheiden verschiedene Handlungsmöglichkeiten und erklären die Rolle von Regeln, Rechten, Expert*innen und Institutionen. Sie können begründen, ob ein Fall privat lösbar ist oder öffentliche bzw. rechtliche Instanzen braucht, und institutionelle Abläufe in einfacher Form darstellen.Ich kann erklären, welche Lösungen es gibt, ob wir den Fall selbst lösen können oder Hilfe von Expert*innen oder Institutionen brauchen und wie zum Beispiel ein Gericht, das Jugendamt oder die Schule helfen können.

Arbeit mit einfachen Rechtstexten; Kinderrechte und Grundrechte in elementarisierter Form; Familienkonflikt, Diebstahl, Jugendkriminalität, Mobbing, Hate Speech; Schule, Jugendamt, Polizei oder Gericht als mögliche Instanzen; Expert*innenbesuch oder Simulation; Lösungsrollenspiele; Gerichtssimulation bei passenden Fällen wie „Klaus“; erste Überlegungen zu sozialen Milieus und ihren Auswirkungen auf Handlungsmöglichkeiten. Für institutionalisierte Falllösungen eignet sich auch ein Streitschlichterprogramm (z. B. https://www.gs-rollberge.de/schulalltag/streitschlichterprogramm/) Vereinfachte Darstellungen sozialer Milieus können ergänzend einbezogen werden (vgl. Sinus-Institut: https://www.sinus-institut.de/)

Didaktischer Kern: Hier beginnt der Übergang von bloßer Fallwahrnehmung zu öffentlicher Fallbearbeitung. Die Lernenden klären, was Beteiligte tun können, welche Regeln und Rechte gelten und wann ein Fall noch privat bearbeitet werden kann oder institutionelle Hilfe braucht. Gerade die Hinführung zu Schule, Jugendamt, Polizei oder Gericht macht sichtbar, dass Fälle im öffentlichen Raum nicht nur erlebt, sondern auch durch Verfahren und Instanzen bearbeitet werden.
5. Lösungen beurteilen
Lernende äußern eine eigene Meinung zu einer Lösung und benennen, welche Konsequenzen der Fall für sie persönlich hat.Ich kann sagen, wie ich eine Lösung finde und was der Fall für mich bedeutet.Gespräch; erste einfache Begründung mit Fairness oder Gefühl.
Lernende begründen ihre Entscheidung für eine Lösung und können sagen, was sie selbst aus dem Fall lernen oder in Zukunft anders machen möchten.Ich kann erklären, warum ich eine Lösung besser finde und was ich durch den Fall gelernt habe oder in Zukunft anders machen möchte.Fallberichte; Vor- und Nachteile sammeln; Bezug auf Rechte, Schutz oder Gerechtigkeit; Transfer zur eigenen Lebenswelt, etwa Zivilcourage, Hilfe holen, Kinderrechte einfordern; bei passenden Fällen auch institutionelle Lösungen mit eigenen Vorschlägen vergleichen, etwa gerichtliche oder schulische Entscheidungen.
Lernende vergleichen verschiedene Lösungen, formulieren ein begründetes Urteil, prüfen die Realitätsnähe ihrer Lösungen und können benennen, welche Rechte ihnen besonders wichtig sind oder welche Änderungen an Normen, Rechten, Gesetzen oder institutionellen Verfahren sie für nötig halten.Ich kann verschiedene Lösungen vergleichen und sagen, welche ich am gerechtesten finde. Ich kann auch überlegen, welche Rechte besonders wichtig sind und was sich vielleicht ändern müsste, damit der Fall besser gelöst werden kann, auch bei Regeln, Gesetzen oder durch Institutionen.Diskussion; Vergleich konkurrierender Lösungen; einfache Dilemma-Struktur; reale Falllösungen mit eigenen Vorschlägen vergleichen; besonders wichtige Rechte auswählen; erste Überlegungen zu nötigen Veränderungen an Normen oder Gesetzen; Auswertung von Gerichts- oder Institutionssimulationen bei passenden Fällen.
Didaktischer Kern: Urteilsbildung im Fallmodell bleibt an konkrete Personen und Situationen gebunden. Gerade deshalb eignet sie sich gut, um moralische, soziale und rechtliche Beurteilungen anzubahnen. Wichtig ist hier nicht nur das Urteil über fremde Lösungen, sondern auch der Rückbezug auf das eigene Leben, auf institutionelle Entscheidungen und auf die Frage, welche Lösungen, Regeln oder Verfahren gerecht und tragfähig erscheinen.
6. Fälle verallgemeinern und auf andere Zusammenhänge übertragen
Lernende erkennen Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Fällen und vergleichen einfache Fallmuster.Ich kann merken, dass ähnliche Fälle auch an anderen Orten passieren und was daran ähnlich ist.Neue Fallbeispiele; ähnliche Geschichten, Bilder oder Rollenspiele.
Lernende übertragen ihr Wissen aus einem Fall auf andere Fälle.Ich kann mein Wissen aus einem Fall auf andere Fälle anwenden.

Neue Rollenspiele; Vergleich von Fallvarianten; Muster erkennen. Politische Rollenspiele zum Transfer auf neue Fälle, z. B. Alltagsrassismus (https://www.rosalux.de/lassreden/Rollenspiel_lassreden_Unterwegs.pdf)

Lernende können ihr Wissen aus untersuchten Fällen auf andere Fälle übertragen, erklären, welche gesellschaftlichen Probleme und Normkonflikte hinter einzelnen Fällen stehen, wozu Normen, Rechte und Gesetze in einer Gesellschaft gebraucht werden und warum sie immer wieder überprüft und verändert werden müssen.Ich kann mein Wissen aus einem Fall auf andere Fälle übertragen. Ich kann erklären, welches gesellschaftliche Problem hinter dem Fall steckt, welche Regeln oder Rechte dabei wichtig sind und worüber Menschen dabei streiten. Ich kann auch erklären, warum Regeln, Rechte und Gesetze manchmal verändert werden müssen.Diskussion über Diskriminierung, Rechte, Ausschluss, Jugendkriminalität, Hate Speech usw.; Übergang zu „Probleme“ oder „Konflikte“.
Didaktischer Kern: Der Fall bleibt nicht bloß Einzelfall. Erst in der Verallgemeinerung wird sichtbar, warum er zum öffentlichen Raum gehört: Er steht exemplarisch für größere soziale, rechtliche oder politische Fragen. Genau hier liegt die Brücke zu den Modellen „Konflikte“ und „Probleme“.
Hinweis zu den Quellenbezügen: Der Vorschlag bindet die Referenzlogik des vorhandenen Rasters sowie des Basiskapitels ein, insbesondere die Fallorientierung und ihre Abgrenzung zu Konflikt- und Problemorientierung (vgl. Dondl 2013; Reinhardt 2022; Petrik 2013; Autorengruppe Fachdidaktik 2026). Konkrete Material- und Linkhinweise aus dem Arbeitsraster können nach Bedarf zusätzlich ergänzt werden.

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3.3 Teilbereich 3. Konflikte: Einen politischen Konflikt untersuchen und beurteilen

Gemeint sind hier nicht die lebensweltlichen Streitigkeiten der Lernenden selbst und auch nicht stellvertretende Einzelfälle, sondern institutionell gerahmte Konflikte, in denen funktionale Rollen, Zuständigkeiten, Interessen und Machtmittel aufeinandertreffen. In dieses Stufenmodell integrieren wir auch projektartiges Arbeiten, weil nahräumliche institutionelle Konflikte aus inklusiver Sicht möglichst partizipativ, vor Ort und mit realen Akteurinnen bearbeitet werden sollten.

Darunter verstehen wir Interessenkonflikte in nahräumlichen Meso-Institutionen und Räumen wie Kita, Schule, Stadtviertel und Kommune. Sie beruhen auf einem übergeordneten Regelsystem, in dem transpersonale, funktionale Rollenträgerinnen handeln. Im Mittelpunkt stehen daher nicht private Streitigkeiten, sondern Themen wie die Grundregeln der Kita („Kita-Verfassung“), Aufgaben, Verantwortung und Machtbefugnisse der Erzieherinnen, deren professionelles Verhältnis zueinander und zu den Kindern, Rechte und Bedürfnisse der Kinder, die Struktur der Angebote, die Rolle der Eltern im Gefüge bis hin zum kommunalen Streit um Lärm in der Kita oder die Schließung bzw. den Bau eines Jugendzentrums (vgl. Meyer, 2003) bzw. Schwimmbads (vgl. Petrik, 2006).

Für den Grundschulbereich sind folgende Konflikte – allerdings erst für die 4. Klasse – empirisch erprobt: „Menschenrechte auf Klassenebene: Gewaltanwendung wegen 10-Euro?“, „Machtverteilung auf Gemeindeebene: Verwendung der Energiesparprämie?“, „Menschenrechte auf Gemeindeebene: Besetzung der Hausmeisterstelle?“, „Partizipation auf Gemeindeebene: Wandern oder Bürgermeisterwahl?“ (vgl. Dondl, 2013). Diese Bausteine erscheinen uns für Menschen mit basalem Zugang kaum und für diejenigen mit elementarem Zugang nur in stark vereinfachter, visualisierter Form erfassbar, etwa mit Standbildern, Figuren, Bildern, Comics oder einzelnen Rollen- und Planspielelementen.

Im Fokus stehen politische Aushandlungsprozesse, die Kinder- und Jugendinteressen berühren. Auch ein Kontakt zu entsprechend geschulten bzw. didaktisch begleiteten Kommunalpolitikerinnen oder Vertreterinnen von NGOs kann einen ersten Zugang zum institutionellen Wissen eröffnen.

Institutionelle Rollen lassen sich darüber hinaus durch Planspiele, Konferenz-, Podiumsdiskussions- und Gerichtssimulationen in den Horizont der Lernenden bringen. Eine Verbindung von lebensweltlichem und institutionellem Wissen leisten Talkshowsimulationen, weil dort Vertreterinnen verschiedener Handlungskontexte auftreten und ihre Konflikte austragen können: Privatpersonen verschiedener sozialer Milieus, Politikerinnen, Aktivistinnen, Unternehmerinnen und Experten. So lernen die Lernenden, institutionelle Aushandlungsprozesse nicht nur zu beobachten, sondern in ersten Ansätzen auch in ihren Rollen, Interessen und Machtbeziehungen zu verstehen.

Tabelle Stufenmodell Teilbereich 3: Konflikte

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

Konflikte: Einen politischen Konflikt untersuchen und beurteilen
Zentraler Raum und Ziel: vor allem institutioneller Raum; politische Konflikte als Auseinandersetzungen um öffentliche Fragen verstehen, bei denen Positionen und Werte, Regeln und Verfahren sowie Macht und Durchsetzungsmöglichkeiten zusammenwirken.
Zentrale Kompetenzen: Analysefähigkeit, Werturteil, Perspektivenübernahme und Partizipation.
Zentrale Lerninhalte: parlamentarische Demokratie auf kommunaler, Landes-, Bundes- und internationaler Ebene, Gewaltenteilung, Konfliktlinien, soziale Bewegungen, NGOs, politische Parteien, Pluralismus, Europäische Union, UNO, internationale Konflikte, Globalisierung.
Partizipationsformen: Konflikte untersuchen, Politiker*innen, Aktivist*innen, Expert*innen und Medienvertreter*innen befragen, Konferenzsimulationen, Talkshowsimulationen und Planspiele durchführen.
Didaktischer Leitgedanke: Politische Konflikte unterscheiden sich von lebensweltlichen Konflikten dadurch, dass hier verschiedene Interessengruppen im öffentlichen Raum und unter institutionellen Bedingungen um eine Lösung ringen. Gerade kommunale Konflikte sind oft noch konkret, gegenständlich und aufsuchbar. Landes-, bundes- und internationale Konflikte werden abstrakter und stärker durch Medien vermittelt. Ziel ist zu verstehen, welches Wissen politische Akteur*innen und Medien brauchen, um politische Entscheidungen zu treffen oder zu beurteilen: Wissen über Positionen und Werte, über Regeln, Institutionen und Verfahren sowie über Machtverhältnisse, Strategien und Durchsetzungsmöglichkeiten.
Fünf lernlogische Schritte: 1. Den politischen Konflikt kennenlernen und die Kontroverse aushalten. 2. Den politischen Konflikt analysieren. 3. Den politischen Konflikt simulieren. 4. Den politischen Konflikt beurteilen. 5. Den politischen Konflikt verallgemeinern, übertragen und Partizipationsmöglichkeiten erschließen.
Grundlogik: Konflikt wahrnehmen → Positionen, Regeln und Macht untersuchen → Verfahren erproben → Urteil bilden → verallgemeinern und partizipieren.
1. Den politischen Konflikt kennenlernen und die Kontroverse aushalten
bepsILZStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
1Lernende nehmen wahr, dass Menschen sich über eine politische Frage streiten, protestieren oder sich stark für etwas einsetzen.Ich spüre, dass andere wütend oder traurig sind, sich streiten oder etwas sehr stark wollen.Videos, Bilder, Demonstrationen, Interviews oder Konfliktorte aufsuchen; z. B. Basaltsteinprojekt (vgl. Moegling & Peter 2001); Konfliktanalyse Schwimmbadschließung in Hamburg-Altona (vgl. Petrik 2006); Sachunterrichtsbeispiel Hallenbad (vgl. Kaiser & Röhner 2009)
2Lernende äußern eigene Gefühle zum politischen Konflikt und respektieren abweichende Gefühle anderer. Sie erkennen, dass man für politischen Streit gemeinsame Regeln braucht.Ich kann zeigen oder sagen, was ich fühle, und ich kann akzeptieren, dass andere etwas anderes fühlen. Ich kann merken, dass wir für politischen Streit gemeinsame Regeln brauchen.Blitzlichtrunde, Gefühlsäußerungen, Vereinbarungen für respektvollen Austausch; bei Triggerthemen Arbeitsbündnis und Trialog-Idee; kurze kommunale Dilemmata (vgl. z. B. Dondl 2013)
3Lernende beschreiben, worüber in einem politischen Konflikt gestritten wird, wer die wichtigsten Konfliktparteien sind, auf welcher Ebene der Konflikt stattfindet und warum gemeinsame Regeln helfen, den Streit zu bearbeiten.Ich kann beschreiben, worüber die Konfliktparteien streiten, wie sie heißen und ob der Konflikt in der Kommune, im Bundesland, im Staat oder zwischen Staaten stattfindet. Ich kann erklären, dass gemeinsame Regeln helfen, den Streit zu bearbeiten.Einfache Konfliktgeschichten, Berichte, Karikaturen; Unterscheidung von kommunalen, landes-/bundespolitischen und internationalen Konflikten; Kindernachrichten (vgl. Poschmann & Gläser 2024) und einfache Zusammenfassungen
Lernende halten eine politische Kontroverse aus, benennen erste Konfliktparteien und unterscheiden erste politische und mediale Rollen. Sie verstehen, dass politische Konflikte nicht nur Streit bedeuten, sondern nach gemeinsamen Regeln bearbeitet werden können. Bei internationalen Konflikten können sie sich auf eine ruhige, sachliche Untersuchung einlassen, auch wenn Ergebnisse eigenen Gefühlen oder ersten Meinungen widersprechen.Ich kann es aushalten, dass Menschen bei einem politischen Streit sehr unterschiedlich denken und fühlen. Ich kann erste Konfliktparteien und ihre Rollen unterscheiden. Ich kann verstehen, dass man politische Streitfragen nach gemeinsamen Regeln bearbeiten kann. Ich bin auch bereit, einen internationalen Konflikt ganz ruhig mit den anderen zusammen zu untersuchen, auch wenn unsere Ergebnisse meinen Gefühlen oder ersten Meinungen widersprechen.

Rollen von Parteien, NGOs, Medien und Expert*innen sichtbar machen; bei internationalen Konflikten zunächst Gefühle zulassen, dann sachliche Arbeitsphase; Materialien z. B. logo!, HanisauLand (https://www.hanisauland.de/), Trialog-Material (https://israelpalaestinavideos.org/), UNICEF-Materialien (https://www.unicef.de/informieren/materialien/unterrichtsmaterial-krieg-ukraine-flucht/264530), ufuq-Materialien (https://www.ufuq.de/online-bibliothek/materialien-zur-friedenspolitischen-bildung-kinder-und-jugendliche-fu%CC%88r-frieden-und-verstaendigung-frieden-lernen-am-beispiel-des-nahostkonflikts/), Becher, Kallweit & Gläser 2025 zu Krieg und Frieden

Didaktischer Kern: Der Einstieg bleibt nah an Emotion, Gegenstand und Kontroverse. Politische Konflikte müssen zunächst als öffentliche, strittige und oft belastende Situationen erfahrbar werden. Zugleich wird schon angebahnt, dass solche Streitfragen in einer Demokratie nicht nur ausgehalten, sondern nach gemeinsamen Regeln bearbeitet werden können.
2. Den politischen Konflikt analysieren
Lernende erkennen, dass sich Menschen zu einer politischen Frage unterschiedlich äußern oder verhalten und dass dabei Werte in einem Gegensatz oder Spannungsverhältnis stehen können.Ich kann sagen, dass Menschen dazu Unterschiedliches sagen oder machen und dass dabei Werte gegeneinanderstehen können.Erste Gegenüberstellungen; Thema benennen; einfache Leitfragen wie: Wer will was?
Lernende erklären, was die beteiligten Gruppen im Konflikt wollen, und erkennen erste Konfliktlinien zwischen ihren Werten und Interessen. Sie erschließen dabei erste Analysewerkzeuge, insbesondere Macht und Recht, Interessen und Ideologie sowie Mitbestimmung und Solidarität. Sie entwickeln eine erste Vorstellung davon, dass politische Streitfragen auf verschiedenen Ebenen bearbeitet werden und dass geäußerte Gründe und eigentliche Interessen nicht immer gleich sein müssen.Ich kann erklären, was die Gruppen wollen und welche Werte dabei gegeneinanderstehen. Ich kann auch merken, dass Menschen manchmal etwas sagen, aber eigentlich ganz andere Interessen haben. Ich kann mir vorstellen, dass politische Streitfragen in der Gemeinde, im Staat oder zwischen Staaten ähnlich bearbeitet werden, aber auch, dass es da Unterschiede geben muss.Leitfragen nach Giesecke, reduziert und gebündelt; Gruppenarbeit oder Stationenlernen; Vorgeschichte und Folgen; kommunale Parlamentsabläufe; Geschichtlichkeit, Funktionszusammenhang und Menschenwürde als Rahmung
Lernende analysieren politische Konflikte im Zusammenspiel von Konfliktthema, Regeln und Verfahren sowie Macht und Durchsetzung. Sie benennen Konfliktlinien, erklären die Rolle von Parteien, NGOs, Medien, Expert*innen und Institutionen, untersuchen neben geäußerten Interessen auch versteckte Interessen, ideologische Deutungen und Manipulationsversuche und erklären, wie sich politische Konfliktbearbeitung je nach Ebene unterscheidet.Ich kann erklären, worum es im Konflikt geht, welche Wertegegensätze darin stecken und wer sich durchsetzen will. Ich kann auch erkennen, dass Akteure manchmal etwas anderes sagen, als sie eigentlich wollen, und dass Medien oder andere Akteure Menschen beeinflussen oder täuschen können. Ich kann erklären, dass politische Streitfragen in der Kommune, im Landtag oder Bundestag und in internationalen Verhandlungen unterschiedlich bearbeitet werden.

Gebündelte Giesecke-Kategorien; politische Kompassarbeit; Zeitstrahl (https://www.methodenkartei.uni-oldenburg.de/methode/zeitstrahl/); Faktencheck, Fake News und Desinformation (z. B. https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100482798/russische-propaganda-wir-unterstuetzen-die-afd-mit-allen-mitteln-.html); Faktencheckportale wie Mimikama oder Volksverpetzer; kommunale, nationale und internationale Beispiele

Didaktischer Kern: Konfliktanalysen machen sichtbar, dass politische Konflikte durch Werte und Interessen, durch Regeln und Verfahren sowie durch Macht und mediale Vermittlung geprägt sind. Dazu gehört auch, zwischen geäußerten und versteckten Interessen zu unterscheiden und Manipulationsversuche kritisch zu prüfen. Damit wird die Logik von policy, polity und politics erstmals ausdrücklich angebahnt.
3. Den politischen Konflikt simulieren
Lernende nehmen an einfachen Gesprächs- oder Entscheidungssituationen teil und übernehmen dabei erste Rollen.Ich kann bei einem politischen Streit mitmachen und dabei eine einfache Rolle übernehmen.Einfache Rollenspiele, Abstimmungen, erste Rollenübernahme
Lernende übernehmen eine Rolle und vertreten in einer vereinfachten Simulation die Position einer Konfliktpartei, einer Expert*in oder einer Medienvertretung. Sie machen erste Erfahrungen damit, dass politische Verfahren Streit ordnen und Entscheidungen ermöglichen.Ich kann eine Rolle übernehmen und in einer Verhandlung sagen, was ich will und wofür ich stehe. Ich kann dabei erfahren, dass Regeln und Verfahren helfen, politischen Streit zu ordnen.

Vereinfachte Konferenzsimulation, kommunale Konfliktsimulation, Pressekonferenz, Rollen von Politiker*innen, NGOs, Medien und Expert*innen; Kinderrat/Kommunalpolitik-Angebote (https://www.politikzumanfassen.de/kinderrat/); bpb-Planspiel Bürgerrat soziale Ungleichheit (https://www.bpb.de/lernen/angebote/planspiele/556994/buergerrat-in-aktion-ungleichheit-im-blick/)

Lernende gestalten politische Simulationen aktiv mit, reagieren auf andere Rollen angemessen, gelangen in Verhandlungen zu Entscheidungen und überprüfen Verlauf und Ergebnis auf ihren Realitätsgehalt. Sie verstehen Institutionen und demokratische Verfahren als regelmäßige, verlässliche, faire und entlastende Formen politischer Konfliktbearbeitung.Ich kann meine Rolle vertreten, auf andere Rollen reagieren, an einer Entscheidung mitwirken und sagen, was an der Simulation realistisch war und was nicht. Ich kann verstehen, dass demokratische Verfahren und Institutionen helfen, politischen Streit regelmäßig, verlässlich und fair zu bearbeiten. Das macht es für alle leichter.

Komplexere Planspiele, Talkshowsimulationen, EU-, UNO- oder Friedenskonferenzsimulationen; Planspieldatenbank der bpb (https://www.bpb.de/lernen/angebote/planspiele/datenbank-planspiele/); EU-Planspiele (https://www.europaimunterricht.de/eu-planspiele); UN-Sicherheitsrat-Simulation (https://www.bpb.de/lernen/angebote/planspiele/502929/simulation-des-un-sicherheitsrats/); peacegame-Ansatz (https://crisp-berlin.org/de/news/new/peacegame-20-testlauf); Vergleich mit realen Ergebnissen

Didaktischer Kern: Simulationen machen politische Konflikte handelnd erfahrbar. Sie verbinden Perspektivenübernahme mit Verfahrenswissen und zeigen, dass politische Entscheidungen unter Bedingungen von Öffentlichkeit, Regeln und Macht zustande kommen. Institutionen und demokratische Verfahren werden dabei als praktische und emotionale Entlastung erfahrbar.
4. Den politischen Konflikt beurteilen
Lernende äußern eine eigene Meinung zu einer politischen Frage und benennen, welche Konsequenzen der Konflikt für sie persönlich hat. Sie erkennen, dass demokratische Entscheidungen Folgen für viele Menschen haben.Ich kann sagen, was ich über den Konflikt denke, was er für mich persönlich bedeutet und dass politische Entscheidungen Folgen für viele Menschen haben.Meinungsrunde, erste persönliche Stellungnahme
Lernende begründen ihre politische Position mit Argumenten, erkennen erste politische Konfliktlinien und können sagen, was sie durch den Konflikt anders sehen oder in ihrem Leben anders machen möchten. Sie verstehen, dass politische Entscheidungen und Gesetze veränderbar sind.Ich kann sagen, warum ich so denke, welche Werte im Konflikt gegeneinanderstehen und was ich durch den Konflikt anders sehe oder vielleicht anders machen möchte. Ich kann verstehen, dass politische Entscheidungen und Gesetze verändert werden können.Urteil mit Scaffolding; Pro und Contra; Rückbezug auf eigene Werte
Lernende vergleichen verschiedene politische und wissenschaftliche Lösungsvorschläge zu einem nationalen oder internationalen Konflikt, diskutieren diese kontrovers, ordnen ihre Position im politischen Kompass ein, erklären, welche Werte ihre Position tragen, und reflektieren die Rolle von Medien, Desinformation und Fake News im Konflikt. Sie verstehen politische Entscheidungen als vorläufige Ergebnisse demokratischer Verfahren, die immer wieder geprüft werden müssen.Ich kann verschiedene politische und wissenschaftliche Lösungsvorschläge zu einem nationalen oder internationalen Konflikt verstehen, mit anderen darüber streiten und erklären, welche Position ich am überzeugendsten finde und warum. Ich kann auch zeigen, welche politische Grundhaltung meinen Werten am ehesten ähnelt. Ich kann außerdem erklären, dass Medien, Desinformation und Fake News einen politischen Konflikt beeinflussen können und dass politische Entscheidungen in einer Demokratie immer wieder geprüft werden müssen.Strukturierte Urteilsbildung; politische Kompassarbeit; wissenschaftliche Lösungsvorschläge; Diskussion.
Didaktischer Kern: Politische Urteilsbildung verbindet Analyse, Wertmaßstäbe und Selbstbezug. Der Konflikt wird nicht nur beobachtet, sondern zum Anlass, die eigene Position zu klären und politisch zu begründen. Zugleich wird sichtbar, dass demokratische Entscheidungen keine ewigen Wahrheiten, sondern veränderbare Ergebnisse politischer Verfahren sind.
5. Den politischen Konflikt verallgemeinern, übertragen und Partizipationsmöglichkeiten erschließen
Lernende erkennen, dass es zu politischen Konflikten unterschiedliche Möglichkeiten friedlicher Beteiligung gibt, benennen erste Orte und Formen politischer Beteiligung und verstehen, dass Konflikte in Demokratien immer wieder neu bearbeitet werden.Ich kann sagen, wie und wo man sich bei einem politischen Konflikt beteiligen kann. Ich kann auch verstehen, dass politische Streitfragen in einer Demokratie immer wieder neu bearbeitet werden.Beispiele sammeln: Demonstration, Bürgerinitiative, Partei, Jugendgremium, Medienbeitrag, Online-Petition, Klassensprecher*in, Jugendparlament
Lernende übertragen ihr Wissen aus einem untersuchten Konflikt auf weitere Konflikte, stellen Bezüge zu politischen Grundkonflikten her, erkennen wiederkehrende Konfliktlinien und verstehen, dass Gesetze und politische Entscheidungen Teil eines veränderbaren politischen Prozesses sind. Sie benennen konkrete Möglichkeiten friedlicher politischer Beteiligung und beziehen diese auf einen untersuchten Konflikt und die eigene Alltagswelt.Ich kann mein Wissen aus einem Konflikt auf andere Konflikte übertragen, erkennen, welche Wertegegensätze dort wieder vorkommen, und verstehen, dass Regeln und Gesetze in der Politik verändert werden können. Ich kann auch sagen, wie ich mich dabei friedlich beteiligen kann. Ich kann zum Beispiel friedlich zeigen, wofür ich stehe, indem ich an einer angemeldeten Demonstration oder politischen Aktion teilnehme.Arbeit mit vereinfachtem politischen Kompass; weitere Konflikte analysieren; Alltagsbezug; Tagespresse; Teilnahme an Diskussionen oder Aktionen.
Lernende erklären, welches gesellschaftliche Grundproblem hinter einem Konflikt steht, welche größeren politischen Zusammenhänge und Konfliktlinien damit verbunden sind und wie politische Beteiligung dazu beitragen kann, Konflikte mitzugestalten. Sie können außerdem erklären, welche Rolle demokratische Institutionen und Verfahren für die regelmäßige, verlässliche und friedliche Bearbeitung von Konflikten spielen und warum sich nicht nur Entscheidungen, sondern auch Gesetze, Verfahren und Institutionen weiterentwickeln müssen.Ich kann erklären, welches gesellschaftliche Problem hinter einem Konflikt steckt, welche Wertegegensätze und großen Streitthemen dabei immer wieder auftauchen und wie man sich einmischen kann. Ich kann auch erklären, dass Demokratie hilft, Konflikte friedlich, regelmäßig und verlässlich zu bearbeiten und dass nicht nur Regeln und Entscheidungen, sondern auch Verfahren und Institutionen weiterentwickelt werden müssen.Teilnahme an Diskussionen oder Aktionen; Analyse weiterer Konflikte; Verbindung zum Problemmodell; Rückbezug zur eigenen Gruppe und Alltagswelt.
Didaktischer Kern: Der politische Konflikt bleibt nicht Einzelfall. In der Verallgemeinerung wird sichtbar, welche Grundprobleme, Konfliktlinien und Beteiligungsmöglichkeiten hinter ihm stehen. Zugleich erscheint Demokratie nun deutlicher als verlässliche und zugleich veränderbare Form der Konfliktbearbeitung: Institutionen, Verfahren und Gesetzgebung lassen politische Streitfragen nicht einfach verschwinden, aber sie halten sie bearbeitbar und veränderbar.

3.4 Teilbereich 4. Probleme: Ein gesellschaftliches Problem erforschen

Im Unterschied zum institutionellen Konflikt stehen hier nicht primär Akteuren, Machtmittel und Entscheidungen im Vordergrund, sondern gesellschaftliche Problemlagen als Gegenstand von Untersuchung, Deutung und Befundbildung. Zukunftsorientierung im engeren Sinne ist in der Politikdidaktik stark mit Abstraktion vom Hier und Jetzt verbunden, etwa in der Szenariotechnik über einen Bruch mit der Gegenwart. Solche Bildungsangebote setzen frühestens die kognitiven Fähigkeiten der konkret-operationalen Phase voraus, also den primaren Zugang, vermutlich sogar eher den sekundaren Zugang. Deshalb fokussieren wir hier die Inhaltsstruktur gesellschaftliches Problem in einer Form, die nahräumlich erfahrbar bleibt, indem sie an konkreten gegenwärtigen und individualisierbaren Problembeispielen veranschaulicht wird, die zugleich oft stark zukunftsrelevant sind.

Sinnlich wahrnehmbare gesellschaftliche Problemzonen lassen sich außerhalb der Schule gemeinsam mit den Lernenden aufsuchen. Projektmethode, Problemstudie, Service Learning und Erkundung fallen hier strukturell zusammen, dienen aber vor allem dazu, gesellschaftliche Probleme an konkreten Beispielen erfahrbar und untersuchbar zu machen. Kinder können etwa Kontakt zu Familien aufnehmen, die von Sozialleistungen leben. Sie können andere Kinder und Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Polizistinnen, Migrantinnen, homosexuelle oder transgeschlechtliche Menschen und Angehörige vieler anderer Gruppen über ihre Alltagserfahrungen interviewen oder sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an einem Flüchtlings- oder Umweltschutzprojekt beteiligen. Das wäre dann elementare Kinderforschung. Die Antworten der befragten Menschen können mit basalem Zugang kaum und auch mit elementarem Zugang oft nur mithilfe visualisierender Übersetzungshilfen durch Erzieherinnen o. ä. ausgewertet werden. Videoaufzeichnungen von Interviewpartnerinnen könnten hier zumindest einen körpersprachlichen und klanglichen Zugang eröffnen. So kann gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur erlebt, sondern in ersten Ansätzen auch systematisch untersucht und als Problemzusammenhang gedeutet werden.

Tabelle Stufenmodell Teilbereich 4: Probleme

Abkürzungen Tabellen: b = basal | e = elementar | p = primär | s = sekundär

Probleme: Ein gesellschaftliches Problem erforschen
Zentraler Raum und Ziel: vor allem sozialwissenschaftlicher Raum; gesellschaftliche Probleme als belastende oder beängstigende Zustände verstehen, deren Ursachen und Lösungsmöglichkeiten wissenschaftlich untersucht werden.
Zentrale Kompetenzen: Analysefähigkeit im Sinn des Sachurteils, forschende und handelnde Partizipation; in ersten Ansätzen auch politisch-moralische Urteilsbildung.
Zentrale Lerninhalte: soziale Ungleichheit und Sozialstaat, Diskriminierung, Medien und Internet, Umweltschutz und Klimawandel, Krieg und Frieden, Rassismus, Extremismus.
Partizipationsformen: Untersuchungsmethoden wie Befragung, Interview, Beobachtung, Fotodokumentation und einfache statistische Erhebung, außerschulische Lernorte, Projekte, Service Learning und erste öffentliche oder politische Anschlussformen.
Didaktischer Leitgedanke: Ein gesellschaftliches Problem nähert sich der Perspektive und Arbeitsweise von Sozialwissenschaftler*innen an. Im Zentrum stehen nicht zuerst interessengeleitete Lösungsvorschläge politischer Akteur*innen, sondern die Wahrnehmbarkeit des Problems, seine Ursachen, der Forschungskonsens und möglichst objektive, wissenschaftlich begründete Lösungsmöglichkeiten. Dabei ist wichtig, dass wissenschaftliche Befunde oft kontraintuitiv sind, also der ersten Alltagserwartung widersprechen können. Zugleich lernen die Lernenden schrittweise: Wissenschaft prüft subjektive Vermutungen, wissenschaftliche Erkenntnisse können sich durch neue Befunde verändern, und wissenschaftliche Autorität kann auch manipulativ inszeniert oder missbraucht werden.
Fünf lernlogische Schritte: 1. Das gesellschaftliche Problem wahrnehmen. 2. Das Problem definieren und eingrenzen. 3. Ursachen und Lösungsmöglichkeiten untersuchen. 4. Maßnahmen sachlich beurteilen und wissenschaftliche Aussagen einordnen. 5. Transfer, Handeln und Raumwechsel.
Grundlogik: Problem wahrnehmen → Problemgehalt bestimmen → Ursachen und Lösungen untersuchen → Maßnahmen im Licht wissenschaftlicher Befunde einordnen → auf Alltag, Öffentlichkeit und Politik beziehen.
bepsILZStufe in ErwachsenenspracheStufe in KinderspracheLernbausteine
1. Das gesellschaftliche Problem wahrnehmen
1Lernende nehmen eine belastende, irritierende oder ungerechte Situation wahr und reagieren darauf.Ich merke, dass etwas nicht stimmt.

Begehung von Schulhof, Stadtteil, Spielplatz oder anderen Orten; Fotos, Bilder, Kurzvideos; erste sinnliche Reaktionen zulassen. Ausgewählte Anregungen: Stadtteildetektive (http://www.stadtteildetektive.de/), Schulhof- und Ortsbegehungen (vgl. Kaiser & Röhner 2009), Ortsbegehungen im ländlichen Raum, Themenhefte zu Wohnen und Quartier

Lernende äußern Gefühle und Eindrücke zu einer als problematisch erlebten Situation und erkennen, dass es sich nicht nur um ein privates, sondern auch um ein soziales oder gesellschaftliches Problem handeln kann, wenn viele Menschen oder bestimmte benachteiligte Gruppen betroffen sind.Ich kann sagen, was mich stört, traurig macht oder wütend macht, und ich kann merken, dass es nicht nur ein privates Problem ist, wenn viele Menschen oder bestimmte Gruppen darunter leiden.Gesprächsrunden, Positionsspiele, erste Sammlung von Eindrücken; Unterscheidung zwischen privatem Problem und sozialem Problem; z. B. Armutsspiel „Ein Schritt nach vorn“
Lernende beschreiben eine problematische Situation anhand konkreter Beispiele in einfachen Worten und benennen, was daran für Menschen, für die Umwelt oder für das Zusammenleben problematisch ist.Ich kann sagen, was passiert ist und was daran schlecht für Menschen, für die Umwelt oder für unser Zusammenleben ist.Einfache Problemgeschichten, Kinderbücher, Bilder, kurze Videos, erste Problemvisualisierungen; je nach Thema z. B. Fluchtbilderbücher, Materialien zu Rassismus oder Umweltproblemen
Lernende erkennen eine Situation als gesellschaftliches Problem, benennen sie als Untersuchungsgegenstand und gewinnen erste Informationen dazu mit einfachen Forschungsmethoden.Ich kann sagen, dass das ein gesellschaftliches Problem ist, das viele Menschen oder bestimmte benachteiligte Gruppen betrifft und das man genauer untersuchen kann.Fotodokumentation, einfache Fragebögen, erste Interviews, kleine Beobachtungen oder Begehungen; erste Kinderforschung, etwa Fotostreifzüge oder Spielraum- und Streifraumanalysen.
Didaktischer Kern: Der Einstieg bleibt nah an Wahrnehmung, Ort und Betroffenheit. Zugleich wird früh angebahnt, dass nicht jedes belastende Erlebnis nur ein privates Problem ist. Ein gesellschaftliches Problem liegt dann vor, wenn viele Menschen, bestimmte benachteiligte Gruppen, die Umwelt oder das Zusammenleben betroffen sind. Werturteile dominieren hier noch in Form von Betroffenheit und erster Bewertung; Sachurteile werden erst vorbereitet.
2. Das Problem definieren und eingrenzen
Lernende zeigen, dass sie sich von einer Situation betroffen fühlen.Ich zeige, dass mich das betrifft.Gefühle zeigen, Karten, Gesten, unterstütztes Gespräch
Lernende benennen das Problem in einfachen Worten und drücken aus, dass es für verschiedene Menschen unterschiedlich schwer sein kann.Ich kann sagen, worum es geht und ob eine Sache für eine Familie oder für Menschen, die woanders leben, schlimmer oder weniger schlimm ist als für mich selbst.Worum-geht-es-Fragen, einfache Sortieraufgaben, kurze Texte oder Bilder, erste Vergleiche von Lebenslagen.
Lernende erklären, wer von einem gesellschaftlichen Problem betroffen ist, und erkennen, dass Familien, Gruppen, Regionen oder Länder unterschiedlich stark betroffen sein können.Ich kann erklären, wen das Problem betrifft und warum es für manche Familien, Gruppen, Orte oder Länder schlimmer ist als für andere.

Interviews, einfache Texte in leichter Sprache, Vergleiche von Familien, Gruppen, Regionen oder Ländern; ausgewählte BNE- und Weltverteilungs-Materialien – etwa Welt in der Schule (https://www.weltinderschule.uni-bremen.de/) oder Stiftung Kinder forschen (https://www.stiftung-kinder-forschen.de/)

Lernende definieren ein gesellschaftliches Problem differenziert, erkennen unterschiedliche Betroffenheiten von Familien, Gruppen, Regionen, der ganzen Gesellschaft oder Ländern und können erläutern, was seine Dringlichkeit, seine Ungewissheit und seinen gesellschaftlichen Gefährdungscharakter ausmacht.Ich kann erklären, warum das Problem für verschiedene Familien, Gruppen, Regionen, Länder oder für die ganze Gesellschaft unterschiedlich schwer ist, warum es dringend ist und warum neue Lösungen gebraucht werden.Fallbeispiele, populärwissenschaftliche Formate, erste Fachbegriffe, Vergleiche von Nahraum-, Gesellschafts- und Weltbezügen; ausgewählte Wissenschaftskommunikation
Didaktischer Kern: In diesem Schritt wird aus bloßer Betroffenheit ein gesellschaftlich beschreibbares Problem. Die Lernenden bestimmen seinen Gehalt genauer, erkennen ungleiche Betroffenheiten und beginnen zu verstehen, warum ein Problem nicht nur einzelne, sondern Familien, Gruppen, Regionen, Länder oder die Gesellschaft insgesamt betrifft.
3. Ursachen und Lösungsmöglichkeiten untersuchen
Lernende nehmen wahr, dass es Menschen gibt, die Probleme wissenschaftlich erklären und Lösungen vorschlagen können.Ich merke, dass es Menschen gibt, die erklären können, warum es das Problem gibt und was man tun kann.Begegnung mit Expert*innen, Zuhören, Beobachten, erste Interviews
Lernende äußern erste Vermutungen über Ursachen eines Problems, beziehen diese auf Aussagen von Erwachsenen, Fachleuten oder Expert*innen und merken dabei, dass Fachleute Dinge manchmal anders erklären, als sie selbst zuerst gedacht haben.Ich kann sagen, warum es das Problem geben könnte, und ich kann meine Vermutungen mit dem vergleichen, was Erwachsene oder Fachleute dazu sagen. Ich kann auch merken, dass sie manches anders erklären, als ich zuerst gedacht habe.Brainstorming, Mindmap, Sammelphasen, Leitfragen
Lernende formulieren erste Hypothesen über Ursachen und mögliche Lösungen eines Problems und überprüfen diese mithilfe von Expert*innenwissen, Interviews oder einfachen wissenschaftsnahen Texten. Dabei können sie erkennen, dass Befunde manchmal kontraintuitiv sind.Ich kann Vermutungen darüber aufschreiben, warum es das Problem gibt und was man tun kann, und ich kann überprüfen, was davon zu dem passt, was Fachleute herausgefunden haben. Ich kann auch merken, dass manche Ergebnisse anders sind, als man zuerst denkt.Leichte Autorentexte, Interviews mit Expert*innen, populärwissenschaftliche Formate, Leitfragen zu Ursachen und Lösungen; bei Bedarf KI-gestützte Vereinfachung schwieriger Texte
Lernende arbeiten aus Interviews, Autorentexten oder Auszügen aus Studien Ursachen und Lösungsmöglichkeiten heraus, prüfen eigene Hypothesen mithilfe von Forschungsergebnissen und erläutern, worauf sich ein Forschungskonsens stützt. Sie können dabei auch erklären, dass wissenschaftliche Einsichten oft kontraintuitiv sind.Ich kann nach dem Lesen oder Hören von Wissenschaftler*innen erklären, warum es das Problem gibt, welche Lösungen vorgeschlagen werden und worin sich Fachleute einig sind. Ich kann auch erklären, dass Forschung manchmal zu Ergebnissen kommt, die anders sind, als wir zuerst gedacht haben.

Interviews in Kinder- und Jugendmedien, aufbereitete Studien, Wissenschaftskommunikation, KI-gestützte Vereinfachung schwieriger Texte; ausgewählte Science-Slam- oder Erklärformate (https://www.wissenschaftskommunikation.de/format/science-slam/)

Didaktischer Kern: Hier beginnt der eigentliche sozialwissenschaftliche Zugriff. Die Lernenden gehen von alltagsnahen Vermutungen zu wissenschaftsnahen Erklärungen über und lernen, dass gesellschaftliche Probleme nicht nur gefühlt, sondern mithilfe von Methoden, Expert*innenwissen und Forschung erschlossen werden. Wissenschaft dient hier als Prüfwerkzeug für Subjektivität. Gerade deshalb sind kontraintuitive Einsichten wichtig.
4. Maßnahmen sachlich beurteilen und wissenschaftliche Aussagen einordnen
Lernende nehmen wahr, dass es unterschiedliche Vorschläge zur Lösung eines Problems gibt und dass darüber sachlich gestritten wird.Ich merke, dass Menschen verschiedene Lösungen vorschlagen und darüber streiten, ohne aggressiv zu werden.Beobachtende Teilnahme an Gesprächs- oder Podiumsformaten, Zustimmung und Ablehnung zeigen
Lernende äußern eine erste Meinung zu vorgeschlagenen Maßnahmen und lernen mithilfe von Erwachsenen, Fachleuten oder verlässlichen Materialien, eher verlässliche von eher irreführenden Behauptungen zu unterscheiden.Ich kann sagen, welche Maßnahme ich besser finde, und ich lerne mit Hilfe von Erwachsenen oder Fachleuten zu unterscheiden, was eher stimmt und was eher nicht stimmt.Meinungsrunde, erste Unterscheidung von verlässlichen Aussagen und irreführenden Behauptungen mit Unterstützung durch Erwachsene, Fachleute oder geeignete Materialien.
Lernende beurteilen vorgeschlagene Maßnahmen im Hinblick auf ihre Folgen für verschiedene gesellschaftliche Gruppen oder Ländergruppen. Sie lernen an Beispielen, wie man wissenschaftlich begründete Aussagen von manipulativen Behauptungen, Fake News oder scheinwissenschaftlichen Darstellungen unterscheidet.Ich kann überlegen, für wen eine Maßnahme Vorteile oder Nachteile hat, hier oder in anderen Ländern. Ich kann auch an Beispielen lernen, wie Erwachsene oder Fachleute herausfinden, ob etwas wissenschaftlich begründet oder eher manipulativ ist.Folgen für unterschiedliche Gruppen, erste Vergleiche von Expert*innenvorschlägen, Beispiele für manipulierende Darstellungen oder schlechte Studien
Lernende ordnen verschiedene wissenschaftlich begründete Maßnahmen im Licht des Forschungskonsenses ein, prüfen ihre Effektivität und ihre Folgen für unterschiedliche Gruppen oder Ländergruppen und gelangen so zu einem abgewogenen Sachurteil. Sie können außerdem erläutern, dass wissenschaftliche Einigungen auf Methoden, Belegen und fachlicher Prüfung beruhen, aber durch neue Erkenntnisse überprüft und verändert werden können.Ich kann verschiedene wissenschaftlich begründete Maßnahmen vergleichen und begründen, welche nach dem, was Fachleute derzeit herausgefunden haben, sachlich am sinnvollsten wirkt. Ich kann auch erklären, für wen eine Maßnahme gute oder schlechte Folgen haben kann, hier oder in anderen Ländern. Ich kann verstehen, dass Fachleute sich auf Methoden, Belege und viele Untersuchungen stützen und dass wissenschaftliche Erkenntnisse später noch einmal überprüft und verändert werden können.Wissenschaftsnahe Diskussionen, Scaffolding für Sachurteile, Beispiele für Forschungskonsens und veränderte Erkenntnisse, Beispiele für manipulative oder schlecht gemachte Studien; Anschlussmöglichkeit: Problemstudie zu Corona-Verschwörungstheorien im Didaktischen Koffer (https://didaktik.politik.uni-halle.de/didaktischer-koffer/unterrichtsreihen/corona-verschwoerungstheorien/)
Didaktischer Kern: Das Problemmodell zielt primär auf ein Sachurteil, nicht auf ein politisches Werturteil. Beurteilt werden vor allem vorgeschlagene Maßnahmen und ihre Folgen, nicht Befunde als bloße Geschmackssache. Die Lernenden lernen, wissenschaftliche Aussagen zu respektieren, sie aber zugleich mithilfe von Methoden, Belegen und Konsensansprüchen kritisch einzuordnen. Werturteile bleiben wichtig bei der Problemwahrnehmung und bei der Bewertung von Folgen, aber der Kern dieses Schritts ist das wissenschaftsnahe Sachurteil.
5. Transfer, Handeln und Raumwechsel
Lernende nehmen wahr, dass sie selbst in ihrem Alltag etwas zum Umgang mit einem gesellschaftlichen Problem beitragen können.Ich merke, dass ich selbst etwas tun kann.Einfache Alltagshandlungen, ökologischer Fußabdruck, Zivilcourage, kleine Hilfsformen
Lernende benennen einfache Möglichkeiten, selbst oder gemeinsam zu handeln, und erkennen erste Orte des Engagements in ihrem Umfeld.Ich kann sagen, wo in meiner Stadt oder in meiner Umgebung soziale oder Umweltprobleme zu finden sind und wo ich zum Beispiel bedürftige Menschen oder Umweltprojekte unterstützen kann.

Service-Learning-Beispiele, lokale Projekte, soziale oder ökologische Unterstützungsorte; ausgewählte Hinweise zu Lernen durch Engagement (https://www.servicelearning.de/)

Lernende beschreiben eigene und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit einem Problem, stellen dafür erste Medienprodukte her oder informieren andere.Ich kann erklären, was ich selbst tun kann, und ich kann anderen helfen, das Problem besser zu verstehen.

Plakate, kurze Videos, Podcasts, Informationsaktionen, Medienarbeit gegen Diskriminierung oder Desinformation; z. B. DigitalSchoolStory (https://digitalschoolstory.de/)

Lernende beurteilen eigene, öffentliche und politische Handlungsmöglichkeiten, erklären das Problem mit passenden Fachkonzepten und schlagen Brücken zu Konflikten, Parteien, Wahlprogrammen oder politischen Akteur*innen. Sie können außerdem dazu beitragen, andere über Manipulation, Fake News und gesellschaftliche Probleme aufzuklären.Ich kann erklären, was ich selbst tun kann, was die Gesellschaft tun kann und wie das mit Politik zusammenhängt. Ich kann meinen Mitmenschen helfen, sich im Internet zurechtzufinden und zwischen Fakten, Manipulationen und Lügen zu unterscheiden. Ich kann auch ein gesellschaftliches Problem mit passenden Fachbegriffen erklären.

Politiker*innen kontaktieren, Wahlprogramme und Wahl-O-Mat (https://www.wahl-o-mat.de/), Initiativen gegen Fake News, Fachbegriffe wie Menschenwürde, Nachhaltigkeit, Demokratie, Ungleichheit oder Rassismus

Didaktischer Kern: Der sozialwissenschaftliche Raum bleibt nicht folgenlos. In diesem letzten Schritt wechseln die Lernenden zurück in Lebenswelt, Öffentlichkeit und Politik. Sie verbinden wissenschaftsnahe Problemanalyse mit eigenem Handeln, öffentlicher Kommunikation und politischem Anschluss. So wird aus Problemwissen eine Form reflektierter Partizipation.

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4. Führerscheine für Kinder und Jugendliche

In der politischen Bildung können sich Kinder und Jugendliche in verschiedenen Bereichen Führerscheine erwerben, also praktische politische und sozialwissenschaftliche Fähigkeiten schrittweise aneignen. Die sechs Führerscheine schließen an unsere vier Stufenmodelle an. Der Diskussions-Führerschein vertieft das Modell „Wir“, Konflikt-, Fall- und Problem-Führerschein entsprechen den drei weiteren Modellen. Die beiden Forschungs-Führerscheine vertiefen vor allem das Problemmodell, indem sie eigenständige sozialwissenschaftliche Methoden einüben.

Die Führerscheine sind für Schülerinnen- und Schülerhand gedacht. Deshalb formulieren sie Fähigkeiten knapp, schülernah und handlungsorientiert. Die beiden rechten Spalten bleiben frei, damit Kinder und Jugendliche ankreuzen können, was sie mit Hilfe und was sie allein schon können.

4.1 Disskussions-Führerschein: Alltagskonflikte demokratisch diskutieren

SchrittIch kann …Das kann ich mit Hilfe.Das kann ich allein.
AStreit zulassenIch kann zuhören, auch wenn jemand etwas anderes denkt oder fühlt als ich.  
BRegeln einhaltenIch kann darauf achten, dass wir unsere Gesprächsregeln einhalten, und ich kann merken, wenn jemand unfair diskutiert oder Regeln verletzt.  
CMeine Meinung erklärenIch kann sagen, was ich denke und warum ich das denke.  
DAndere erklären lassenIch kann andere fragen: „Warum denkst du das?“ und ihnen Zeit geben, es zu erklären.  
EAndere verstehenIch kann versuchen zu verstehen, warum jemand anders denkt als ich.  
FEine Lösung findenIch kann helfen, dass wir am Ende eine Lösung oder eine Entscheidung finden, zum Beispiel weiterreden, abstimmen oder eine Lösung suchen, mit der alle leben können.  
GWertegegensätze erkennenIch kann erkennen, dass Menschen sich nicht nur streiten, sondern dass ihnen oft unterschiedliche Werte wichtig sind.  
HKonfliktlinien unterscheidenIch kann erkennen, dass ähnliche Wertegegensätze auch in anderen Streitfragen wieder auftauchen, zum Beispiel bei Verteilung oder bei der Frage, wer entscheiden darf.  
IFair oder unfair erkennenIch kann merken, ob eine Idee fair für alle ist oder ob sie manche benachteiligt.  
JÜber Streit sprechenIch kann erklären, warum Gesprächsregeln, Klassenrat oder Kinderparlament helfen, Streit regelmäßig, fair und verlässlich zu besprechen.  

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4.2 Konflikt-Führerschein: Politische Konflikte analysieren

SchrittIch kann …Das kann ich mit Hilfe.Das kann ich allein.
AKonflikt verstehenIch kann sagen, worum es bei dem Konflikt geht und warum Menschen darüber streiten.  
BPolitische Ebene erkennenIch kann sagen, ob es ein Streit in meiner Stadt, im Staat oder zwischen Staaten ist.  
CAkteure erkennenIch kann sagen, welche Gruppen, Parteien, Medien, Initiativen oder anderen Akteure beteiligt sind.  
DRegeln und Verfahren verstehenIch kann erklären, nach welchen Regeln über den Konflikt gesprochen und entschieden wird.  
EMacht und RechtIch kann erklären, wer in dem Konflikt viel Einfluss hat und welche Gesetze oder Regeln wichtig sind.  
FUnterstützung und BeteiligungIch kann erklären, wer eine Seite unterstützt und wer bei der Entscheidung mitreden oder mitbestimmen darf.  
GGeschichte und mögliche FolgenIch kann erklären, wie der Konflikt entstanden ist und was passieren könnte, wenn eine bestimmte Lösung gewählt wird.  
HInteressen, Perspektiven und KonfliktlinienIch kann erklären, was die verschiedenen Seiten wollen, warum ihnen das wichtig ist und welche Werte oder Konfliktlinien dahinterstehen.  
ISach- und WerturteilIch kann erklären, wie der Konflikt wahrscheinlich gelöst wird, und ich kann begründen, welche Lösung ich für richtig halte.  
JReflexionIch kann erklären, warum es hilft, einen Konflikt Schritt für Schritt zu untersuchen, und welche Fragen mir dabei besonders helfen.  

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4.3 Fall-Führerschein: Soziale, wirtschaftliche und rechtliche Fälle analysieren

SchrittIch kann …Das kann ich mit HilfeDas kann ich allein.
ADen Fall verstehenIch kann erklären, worum es in einem sozialen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Fall geht.  
BFragen stellenIch kann wichtige Fragen zum Fall formulieren, die mir helfen, ihn besser zu verstehen.  
CRollen und Beziehungen erkennenIch kann sagen, wer im Fall welche Rolle hat, wer zu wem gehört und wer wofür zuständig ist.  
DPerspektiven einnehmenIch kann erklären, wie verschiedene Menschen denselben Fall unterschiedlich erleben.  
ERegeln, Rechte und Hilfen prüfenIch kann sagen, welche Regeln oder Rechte wichtig sind und ob Schule, Jugendamt, Gericht oder andere Stellen helfen müssen.  
FLösungen überlegenIch kann verschiedene Möglichkeiten überlegen, wie der Fall entschieden oder gelöst werden könnte.  
GEntscheidungen vergleichenIch kann meine Lösung mit einer echten Entscheidung vergleichen und erklären, warum sie vielleicht anders ist.  
HFolgen und Regeländerungen beurteilenIch kann erklären, welche Folgen eine Entscheidung oder Regeländerung für verschiedene Gruppen hat und ob Regeln geändert werden sollten.  
IErkenntnisse erklärenIch kann erklären, was ich aus diesem Fall über Politik, Wirtschaft, Recht oder Gesellschaft gelernt habe.  

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4.4 Problem-Führerschein: Gesellschaftliche Probleme wissenschaftsnah untersuchen

SchrittIch kann …Das kann ich mit Hilfe.Das kann ich allein.
AProblem erkennenIch kann erklären, welches gesellschaftliche Problem untersucht wird und warum es nicht nur einzelne Menschen betrifft.  
BBetroffenheit beschreibenIch kann erklären, welche Familien, Gruppen, Regionen oder Länder unterschiedlich stark betroffen sind.  
CVermutungen prüfenIch kann sagen, was ich zuerst vermute, und ich kann prüfen, was Fachleute dazu herausgefunden haben.  
DWissenschaftliche Erklärungen verstehenIch kann erklären, warum Fachleute das Problem manchmal anders erklären, als man zuerst denkt.  
EMaßnahmen und ihre Folgen vergleichenIch kann erklären, welche Maßnahmen vorgeschlagen werden und für wen sie Vorteile oder Nachteile haben.  
FSachurteil bildenIch kann begründen, welche Maßnahme nach dem, was Fachleute derzeit herausgefunden haben, sachlich am sinnvollsten wirkt.  
GWissenschaft und Manipulation unterscheidenIch kann erklären, woran Erwachsene oder Fachleute erkennen, ob etwas wissenschaftlich begründet, schlecht gemacht oder manipulativ ist.  
HTransfer und HandelnIch kann sagen, was ich selbst tun kann und wie das Problem mit Politik und Gesellschaft zusammenhängt.  

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4.5. Forschungs-Führerscheine

Forschung in den Sozialwissenschaften ist komplex, weil hier naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Formate parallel existieren. Vereinfacht gesagt, kann man zum einen geschlossen vorgehen und mithilfe eines standardisierten Verfahrens Vermutungen überprüfen. Zum anderen kann man in einem offenen Verfahren mit wenigen ausführlicheren Erhebungen neues Wissen entdecken und die dann gewonnenen Daten interpretieren.

Menge der BefragtenVorgehenTypische Erhebungsformen
standardisiert forschenrelativ vielHypothesen entwickeln → Erhebung durchführen → Hypothesen bestätigen oder verwerfenOnline-Umfragen, Fragebogenstudien
offen forschenrelativ wenigThema eingrenzen → Erhebung durchführen → interpretieren und neue Vermutungen entwickelnInterviews, teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussionen

Standardisiertes Forschen ist stark strukturiert und funktioniert schon ab der Grundschule. Offene Interviews verlangen deutlich mehr an Zuhören, Nachfragen und Deuten und sind erst später realistisch. Für jüngere Kinder eignet sich als Vorform das Kinder-Interview: 1. eine offene Frage stellen, 2. gut zuhören, 3. eine Nachfrage stellen, 4. aufschreiben, was gesagt wurde.

4.5.1 Umfrage-Führerschein: Mit Umfragen Meinungen erforschen

SchrittIch kann …Das kann ich mit Hilfe.Das kann ich allein.
AThema findenIch kann sagen, was ich herausfinden möchte, und ich kann eine klare Frage zu meinem Thema aufschreiben.  
BUmfrage planenIch kann überlegen, wen ich befragen möchte und wie viele Menschen ich ungefähr fragen will.  
CVermutungen überlegenIch kann eine Vermutung aufschreiben, die ich mit meiner Umfrage überprüfen will.  
DFragen entwickelnIch kann klare Fragen zu meinem Thema schreiben und passende Antwortmöglichkeiten überlegen.  
EFragebogen erstellenIch kann meine Fragen in einen übersichtlichen Fragebogen bringen und darauf achten, dass sie gut verständlich sind.  
FUmfrage durchführenIch kann Menschen freundlich um ihre Teilnahme bitten und die Antworten sammeln.  
GErgebnisse auswertenIch kann zählen, wie oft welche Antwort vorkommt, und ich kann erklären, ob meine Vermutung zu den Ergebnissen passt oder nicht.  
HErgebnisse vorstellenIch kann meine Ergebnisse mit einem Plakat oder Diagramm zeigen und anderen erklären, was ich herausgefunden habe.  
IReflexionIch kann sagen, was bei meiner Umfrage gut funktioniert hat, und ich kann überlegen, was ich beim nächsten Mal anders machen würde.  

4.5.2. Interview-Führerschein: Mit Interviews Erfahrungen verstehen

SchrittIch kann …Das kann ich mit Hilfe.Das kann ich allein.
AThema findenIch kann sagen, was ich über Menschen herausfinden möchte, und ich kann eine klare Frage zu meinem Thema aufschreiben.  
BInterview planenIch kann überlegen, wen ich interviewen möchte, wie viele Personen ich ungefähr befragen will und ob ich das Interview aufnehmen darf.  
CFragen vorbereitenIch kann offene Fragen formulieren, bei denen Menschen viel erzählen können, und ich kann mir Leitfragen aufschreiben.  
DInterview führenIch kann freundlich Fragen stellen, gut zuhören, nachfragen und Notizen machen oder das Gespräch aufnehmen.  
EInterview aufschreibenIch kann wichtige Aussagen aus dem Interview aufschreiben und Stellen auswählen, die besonders gut zu meiner Frage passen.  
FInterview verstehenIch kann erklären, was ich aus den Aussagen gelernt habe und welche neuen Vermutungen oder Fragen daraus entstehen.  
GErgebnisse vorstellenIch kann meine Ergebnisse mit Zitaten aus dem Interview erklären und anderen zeigen, was ich herausgefunden habe.  
HReflexionIch kann sagen, was beim Interview gut funktioniert hat, und ich kann überlegen, was ich beim nächsten Interview anders machen würde.  

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5. Exemplarische Entwürfe für das Lernen am gemeinsamen Gegenstand

Der gemeinsame Ausgangspunkt, den alle unsere Stufenmodelle haben, ist eine große Chance in der politischen Bildung für das Lernen am gemeinsamen Gegenstand, also für einen Lernprozess, in dem alle Lernenden – unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen – gemeinsam an einem inhaltlich sinnvollen Gegenstand lernen. In unserem Modell sind diese Ausgangspunkte entweder ein gesellschaftliches Problem, ein politischer Konflikt, ein sozialer, rechtlicher oder wirtschaftlicher Fall oder eine lebensweltliche Situation. Darüber hinaus dienen die Stufenmodelle der ReMi-Konzeption dem selbstständigen individuellen oder partnerschaftlichen Lernen in der Freiarbeit oder in der Lernbüroarbeit

Um das Lernen am gemeinsamen Gegenstand zu ermöglichen, ist es sinnvoll, Themen zu wählen, die für alle Lernenden Bedeutung haben. Stufenmodelle unterstützen das Durchdringen von Themen mit ihren unterschiedlichen individuellen Zugängen. Dabei sollen individuelle Phasen mit Phasen gemeinsamen Austauschs in der Lerngruppe gekoppelt werden. Für weitere Anregungen zum Lernen am gemeinsamen Gegenstand in der politischen Bildung vergleiche Fischer (2020 und 2022), Barsch (2022) sowie Baumann und Bernasconi (2022).

Beispiel gesellschaftliches Problem

Möglicher gemeinsamer Gegenstand: ein gesellschaftliches Problem wie soziale Armut oder Klimawandel wird durch ein Video präsentiert.

Gemeinsames Ziel: Die Kinder und Jugendlichen erkennen, wie zerstörerisch ein konkretes gesellschaftliches Problem ist und wie dringlich eine Lösung ist.

ZugangBeispielaktivität
sprachlich/reflexivLernende schreiben ihre Gedanken zum gesellschaftlichen Problem auf oder führen eine Diskussion darüber.
visuell/ästhetischLernende malen die Situation nach oder erstellen eine Collage, die das gesellschaftlich Problem darstellt.
handelndLernende spielen die Szene nach oder entwickeln ein Rollenspiel zum gesellschaftlichen Problem. Lernende erkunden das Problem durch eine Stadtteilbegehung.
kognitivLernende analysieren verschiedene Problemdefinitionen und übertragen sie auf die Szene.
persönlich/biografischLernende erzählen von eigenen Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Problem und vergleichen diese mit der erlebten Szene.
Abbildung 1: Beispielaktivität unterschiedlicher Lernzugänge bei Ausgangspunkt gesellschaftliches Problem

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6. Entwürfe für die Arbeit an Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen

Obwohl sich politische Bildung auch auf Gegenstände bezieht, die nicht unmittelbar im Erfahrungsraum der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen liegen (da sie ja mit dem Abstrakten der Gesellschaft in Berührung kommen sollen), bieten sich in diesem Unterricht prinzipiell viele Möglichkeiten, um an den Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen zu arbeiten. Politische Bildung folgt im Sinne der Schülerorientierung von Rolf Schmiederer (1977, S. 81) dem Anspruch, politisches Lernen nicht zum „Selbstzweck“ werden zu lassen. Der Unterricht soll „dem Schüler dienen“, um dessen Emanzipation zu ermöglichen. 

Hierfür ist unser Stufenmodell ein stimmiger Ausgangspunkt. Unser Stufenmodell politische Bildung ist ja nicht auf wenige bestimmte Themen begrenzt, sondern es eröffnet bestimmte Perspektiven auf viele mögliche Themen. Wenn beispielsweise von den Kindern und Jugendlichen das Thema Jugendkriminalität an die Fachkraft herangetragen wird, dann kann es zum ersten als gesellschaftliches Problem erforscht werden, zum zweiten als möglicherweise aktueller politischer Konflikt analysiert werden. Oder es kann zum dritten als ein lehrreicher und zum Zeitpunkt des Unterrichts abgeschlossener Fall im Kontext von Jugendkriminalität studiert werden. Zum vierten kann im Sinne der Perspektive „Wir“ die Klasse selbst diskutieren und entscheiden, wie sie mit Regelverstößen in ihrer Kitagruppe oder in ihrer Klasse in einer Dorfgründungssimulation (vgl. Petrik, 2013) umgeht und später thematisieren, inwiefern hier Zusammenhänge zu Jugendkriminalität in der Gesellschaft bestehen. Besonders letzteres, also der lebensweltliche Ausgangspunkt des Stufenmodells „Wir“, bietet die Möglichkeit, Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen aus Perspektive ihres nahen Umfelds zu thematisieren.

PerspektiveMögliches Thema des Unterrichts
ProblemWas sagen die Sozialwissenschaften: Ursachen und Lösungen von Jugendkriminalität
KonflikteZur aktuellen Diskussion: Soll das Strafrecht für Jugendliche verschärft werden?
FallSexting – Fallstudie zu Jugendkriminalität im digitalen Raum als sozialer, rechtlicher oder wirtschaftlicher Fall (vgl. Bohn 2022)
WirUnsere Gruppe – unsere Regeln: Wie gehen wir mit Verstößen um, wie entscheiden wir und was ist fair?
Abbildung 2: Thema Jugendkriminalität – verschiedene Perspektiven

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7. Kommentierter Überblick über weitere Stufenmodelle

Um Lernfortschritte und Bildungsgänge beurteilen zu können, brauchen wir eine Vorstellung davon, wie politisches Lernen idealtypisch angeregt wird und altersabhängig abläuft. Dies ist kein leichtes Unterfangen. Zum einen, weil politische Lernprozesse zahllosen gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Zum anderen, weil es nur wenige echte Längsschnitt-Analysen gibt. Die meisten großen Studien zur politischen Bildung (wie „Civic Education“ CIVED und „Civics and Citizenship Education“ ICCS) beschränken sich auf Momentaufnahmen zu bestimmten Einstellungen. Außerdem gehen die Vorstellungen über eine Stufung, also abgrenzbare Realisierungsstadien politischer Kompetenzen oder auch „Zonen der nächsten Entwicklung“ (Wygotski 1978), in der politischen Bildung weit auseinander. Dies liegt v. a. an unterschiedlichen Politikbegriffen sowie am ungeklärten Verhältnis zwischen individuellen politischen Lernwegen und allgemeinen Entwicklungsmodellen.

Vier Grundvarianten von Stufungen werden in Studien verwendet: Erstens die Orientierung an den Einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur (EPAs), wie sie in den meisten Bildungsplänen noch zu finden sind. Zweitens domänenspezifische Niveaus nach Bybee (1997), wie sie die PISA-Studie verwendet. Drittens Stufen- bzw. Entwicklungsmodelle nach Piaget und Kohlberg und viertens das demokratiepädagogische Modell der unterschiedlichen Deutungsräume. Diese vier Modelle werden bisher kaum vergleichend diskutiert oder konsequent auf inklusive Bildung angewendet. Auch soziales Lernen bleibt, bis auf das demokratiepädagogische Modell, zumeist unberücksichtigt.

7.1 Orientierung an den EPAs

In einer Studie zur Europäischen Union werden drei Kompetenz-Niveaus unterschieden (vgl. Manzel, 2007, S. 198 ff.):

K1: „Politisches Verstehen“ als Fähigkeit, Informationen aus einem Text zu ermitteln und wiederzugeben; z. B.: Für wen steht der Begriff „Brüssel“?

K2: „Analysieren“ als textbezogenes Anwenden, Interpretieren; z. B. Unterschied zwischen bestimmten Verfahren zur (Nicht-)Einbeziehung des Europaparlaments.
K3: „Urteilen“ als reflektiertes Bewerten der Analyse von K2; z.B.: Sollen Lobbyisten beim Entwurf von Richtlinien gefragt werden?

Hier erkennen wir die Anforderungsbereiche der EPAs „Wiedergeben, Anwenden, Beurteilen“, die jedoch einigen Forscherinnen und Forschern zufolge keine Stufen darstellen, sondern verschiedene Kompetenzen, die jeweils auf unterschiedlichen Niveaus ausgeprägt sein können (vgl. Vollmer, 2008). Dies wird insbesondere anhand der Frage nach der Rolle von Lobbyisten deutlich, deren Beantwortung jeweils von der persönlichen Bewertung bestimmter Interessengruppen abhängt, die wiederum auf ganz verschiedenen Urteilsniveaus erfolgen kann. Sinnvollerweise unterscheidet daher eine weitere Studie zum Kompetenzmodell der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE, 2004, S. 30; Massing/Schattschneider, 2005, S. 30) zwischen Anforderungsbereichen im Sinne der EPAs (also Fähigkeiten, Kompetenzen) und Anforderungsstufen (also Kompetenzniveaus):

Kompetenz: Urteilsfähigkeit (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Recht)Anforderungsbereiche (Kompetenz-Subskala)
AnforderungsstufenWiedergeben (Kennen)Anwenden (Analysieren, Erklären u. Transfer)Beurteilen (Reflektiert politisch urteilen und handeln)
Stufe 1  eine oder mehrere ausdrücklich angegebene politische Informationen identifizierenden Hauptgedanken des Textes oder die zentrale Kontroverse erkenneneine eigene Meinung formulieren
Stufe 2  aus konkurrierenden Informationen die richtigen auswählendie Begründungen den Positionen in der Kontroverse zuordneneine eigene Meinung mit Bezug auf die Informationen der Texte und der eigenen Schlussfolgerungen äußern und begründen
Stufe 3  Beziehungen der Informationen untereinander herausfindendie Informationen/Positionen des Textes erkennen und sie auf vergleichbare Probleme anwendenein eigenes Urteil fällen; mit Hilfe der Informationen, der Schlussfolgerungen und darüber hinausgehender Überlegungen begründen
Abbildung 3 GBJE: Anforderungsbereiche der Kompetenz Urteilsfähigkeit

Die Stufen werden in dieser Studie nicht inhaltlich benannt, man kann sie jedoch folgendermaßen mit Inhalt füllen: Auf Stufe 1 kann eine Lernende Einzelelemente herausfiltern, z. B. Thesen und Gegenthesen benennen. Auf Stufe 2 kommt die Erkenntnis einfacher Zusammenhänge, Unterschiede und Begründungen dazu. Auf Stufe 3 können systematische und prinzipielle Zusammenhänge erkannt werden. Damit besteht eine große Ähnlichkeit zu den vier Stufen, die Bybee (1997) zur scientific literacy konzipiert hat, wobei die unterste, sogenannte nominelle Stufe fehlt. Das GPJE-Modell bildet Urteilsbildung ohne expliziten Bezug zu eigenen Werten und Interessen ab und kann Werturteile daher nur begrenzt erfassen.

7.2 Scientific Literacy nach Bybee

Bybees (1997) Stufen stellen unterschiedlich komplexe Zugänge zu einem spezifischen Gegenstandsbereich dar. Ein Vorschlag überträgt sie folgendermaßen auf politisches Lernen (vgl. Weißeno, 2008; Goll, 2022):

  • 1. Nominal: Kenntnisse: Themen und Begriffe, naive Identifizierung von Begriffen, Fehlkonzeptionen
  • 2. Funktional: Faktenwissen, korrekte Verwendung von Begriffen und Formalismen
  • 3. Konzeptuell und prozedural: Zentrale Konzepte & Verfahren, Herstellung von Beziehungen zwischen Fakten, Begriffen, Prinzipien
  • 4. Multidimensional: Besonderheiten politikwissenschaftlichen Denkens, Einordnung in wirtschaftliche, soziale und kulturelle Eigenlogiken

Kriterium für die nächsthöhere Stufe ist die zunehmende formale Komplexität der Gegenstandsbetrachtung. Im Vordergrund steht dabei Begriffslernen. Ein linearer und altersbezogener Lern- oder Entwicklungsweg soll hier ausdrücklich nicht beschrieben werden. Dieser Aufgabe stellen sich dagegen Stufenmodelle nach Piaget und Kohlberg, die zurzeit implizit und explizit die stärkste Grundlage politischer Konzeptionen und Studien darstellen. Sie sind eine zentrale Grundlage für unser Stufenmodelle für den inklusiven Politikunterricht, hinzukommen neuere, vor allem für die basalen, elementaren und primaren Zugänge aufschlussreiche Ansätze (Tomasello, 2009; Röhner, 2020).

7.3 Stufenmodelle nach Piaget und Kohlberg

Kohlbergs Studien zufolge erweitert sich die individuelle Gesellschafts-Betrachtung in drei „Stadien“, die jeweils in zwei „Stufen“ unterteilbar sind: von vorkonventionellen, autoritätsgebundenen (Stufe 1) und egozentrischen (Stufe 2), über konventionelle, gruppen- (Stufe 3) und gesellschaftsbezogenen (Stufe 4), zu postkonventionell-autonomen, vertragstheoretischen (Stufe 5) und universell-prinzipiellen (Stufe 6) Betrachtungsweisen. Dabei müssen niedrige Stufen durchlaufen werden, um hohe zu erreichen. Vorkonventionell denken Kohlberg zufolge die meisten Kinder unter neun Jahren, konventionell die meisten Jugendlichen und Erwachsenen und postkonventionell bloß eine Minderheit ab 16 Jahren. Aus Basis der einbezogenen neueren empirischen Befunde lässt sich die potenzielle Kompetenzentwicklung der fünf politischen Kernkompetenzen dann folgendermaßen darstellen:

Privat/Subjektiv:
Abgrenzung
Öffentlich/interaktiv:
Austausch
Politisch-institutionell:
Koordination
Systematisch:
Meta-Analyse
Perspektivenwechselego- oder gruppenzentrierte Perspektive; Problemabwehrgegenseitige Perspektiven-übernahme; Problembewusstseinsubjektive
Perspektiven-koordination; Problemlöseinstanzen
objektivierende
Perspektiven-koordination; Generalisierung
AnalysefähigkeitPersonalisierung, OntologisierungUnterscheidung von Werten, Interessen, Ursachen, FolgenVergleich der policy-, polity- und politics- Dimensionexplizite Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorien
KonfliktfähigkeitHarmonismus, Konfliktflucht oder AngriffWertevergleich, Begründungen, ToleranzPrämissenklärung, LösungsverfahrenArgumentationsanalyse
Urteilsbildungunbegründete Meinung, gelebte Wertebegründeter (moralischer) Standpunktinstitutionelles (kritisches) Ordnungsbild„Liberale Ironikerin“ (Rorty), politische Empathie
Partizipationpolitisches Desinteresse; „Aktionismus“Zuschauer*in, öffentliches EngagementInterventions- oder Aktivbürger*in„Diskurs-Bürger*in“, Intellektuelle
Abbildung 4: Politische Kompetenzen und ihre potenzielle Entwicklung im erweiterten Modell der Fachgruppe Sozialwissenschaften (vgl. ausführlich Petrik 2013: 348)

Man kann kritisch gegen dieses Modell einwenden, dass die gewählten Begriffe privat – teil-öffentlich – institutionell – systemisch in anderen Kontexten unterschiedlich gebraucht werden und könnte neutraler von Niveau eins bis vier sprechen. Auch enthält das Modell eine Diskrepanz zwischen dem didaktisch legitimen und notwendigen Anspruch, ein Meta-Niveau zu deklarieren, und den unter Lernenden ungleich verteilten sprachlichen, intellektuellen und motivationalen Ressourcen, dieses zu erreichen. Ebenso verhält es sich mit den formulierten Partizipationsansprüchen der Handlungsfähigkeit. Wir haben in Kapitel 2 die aktuellen Kritikpunkte und Erweiterungen am Kohlbergmodell ausführlich diskutiert und in unser Modell integriert.

Das Modell der Fachgruppe Sozialwissenschaften weist zwei Kriterien zur Stufung (Graduierungsparameter) auf: Einmal einen inhaltlichen Lernweg von subjektiv-privaten zu systemisch-sozialwissenschaftlichen Sichtweisen auf Gesellschaft. Zum anderen nimmt zugleich die formale Komplexität der Gegenstandsbetrachtung zu, ähnlich wie in Weißenos Modell. Auf Basis der gemeinsamen Idee einer (auch) formalen Komplexitätssteigerung lassen sich beide Modelle aufeinander beziehen, um einen Diskussionsstand abzubilden:

Politische Grundbildung (civic literacy)

(Weißeno 2008, nach Bybee 1997)
Nominal

Kenntnisse: Themen & Begriffe; naive Identifizierung von Begriffen, Fehlkonzeptionen
Funktional

Faktenwissen, korrekte Ver-wendung von Begriffen und Formalismen
Konzeptuell & prozedural

Zentrale Konzepte & Verfahren, Herstellung von Beziehungen zwischen Fakten, Begriffen, Prinzipien
Multidimensional

Besonderheiten politikwissenschaftlichen Denkens, Einordnung in wirtschaftliche, soziale & kulturelle Eigenlogiken
Entwicklungslogische Niveaus

(Behrmann et al., 2004; Petrik 2013)
privat

Person/Gruppe, Bedürfnis, Alltagsverständnis
(Mikroebene)
Teil-Öffentlich

Problemwahrnehmung, Pluralismus, Argumentation
(Mesoebene)
Institutionell

Verfahren, Prinzipien, Prämissen, Konzepte
(Makroebene)
Systemisch

Wissenschaftliche Modelle und Wissensgenerierung
(Metaebene)
Abbildung 5: Diskussionsstand: Zwei politische Stufenmodelle im Vergleich

Eine solche vergleichende Diskussion findet bisher nicht statt. Das liegt zum einen daran, dass Kohlbergs Modell als Grundlage politischer Bildung generell umstritten ist. Kritiker fürchten, dass die Nutzung des Kohlberg-Schemas im Unterricht „Gesinnungsethik“ und „Moralisieren“ befördern könnte und der Komplexität des Politischen nicht gerecht würde (vgl. Detjen, 2000). Befürworter halten dagegen, dass im Gegenteil nur ein Lernweg von Moral über Recht zur Politik tatsächlich den Sinn des demokratischen Systems verdeutlichen könne (vgl. Reinhardt, 2009b). Zweitens hat Weißeno sein Modell bisher nicht weiterentwickelt. Im maßgeblich von ihm mitgeprägten Modell „Politikkompetenz“ fehlt eine Stufung (vgl. Detjen u. a., 2012). Allerdings spielen dort Piaget und Kohlberg indirekt mit hinein, indem die Unterscheidung „inter- und transpersonaler Deutungsräume“ angedeutet wird. Diese Deutungsräume wiederum finden sich im demokratiepädagogischen Modell.

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7.4 Das demokratiepädagogische Stufenmodell des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben“

Einen deutlichen Gegenakzent zur Begriffsorientierung stellt das erfahrungszentrierte Kompetenzmodell des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben“ dar. Den Zielsetzungen entsprechend ist es überfachlich angelegt (vgl. Abs et al., 2004; de Haan et al., 2007). Die Domäne ist nicht Politik, sondern sind Schule und Gesellschaft als demokratische Handlungsfelder. Im Zentrum steht die Interaktion der lernenden Demokratinnen und Demokraten mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft im Rahmen existierender und wünschenswerter demokratischer Strukturen. Die dazu erforderliche „demokratische Handlungskompetenz“ besteht aus drei Teilkompetenzen, die wiederum in je vier „Zielsetzungen“ für das Ende der Sekundarstufe I unterteilt werden (Abb. 14). Diese Teilkompetenzen werden den drei pädagogischen Schlüsselkompetenzen der OECD (mittlere Spalte) und ferner den „klassischen“ vier Kompetenzen zugeordnet:

Klassische KompetenzbegriffeKategorien von Schlüsselkompetenzen laut OECD (2005)Teilkompetenzen laut demokratischer Handlungskompetenz
Fach- bzw. SachkompetenzInteraktive Anwendung von Wissen und Medien („Tools“)

– Interaktive Nutzung von Wissen und Informationen


1.1 Für demokratisches Handeln
Orientierungs- und Deutungswissen aufbauen

1.2 Probleme demokratischen Handelns erkennen und beurteilen
Methodenkompetenz– Interaktive Anwendung von Sprache, Symbolen und Texten
– Interaktive Anwendung von Medien
1.3 Systematisch handeln und Projekte realisieren
1.4 Öffentlichkeit herstellen
SelbstkompetenzEigenständiges Handeln

– Verteidigen und Wahrnehmen von Rechten, Interessen, Grenzen und Erfordernissen
– Realisieren von Lebensplänen und persönlichen Projekten
– Handeln in größeren Kontexten
2.1 Eigene Interessen, Meinungen und Ziele entwickeln und verteidigen
2.2 Interessen in demokratische Entscheidungsprozesse einbringen
2.3 Sich motivieren, Initiative zeigen und Beteiligungsmöglichkeiten nutzen
2.4 Eigene Werte, Überzeugungen und Handlungen im größeren Kontext reflektieren
SozialkompetenzInteragieren in heterogenen Gruppen

– Gute und tragfähige Beziehungen unterhalten
– Fähigkeit zur Zusammenarbeit
– Bewältigen und Lösen von Konflikten
3.1 Die Perspektive anderer übernehmen
3.2 Normen, Vorstellungen und Ziele demokratisch aushandeln und miteinander kooperieren
3.3 Mit Diversität und Differenz konstruktiv umgehen und Konflikte fair lösen
3.4 Empathie, Solidarität und Verantwortung gegenüber anderen zeigen
Abbildung 5: Teilkompetenzen der demokratischen Handlungskompetenz (de Haan/Edelstein/Eikel 2007: 11)

In den Zielsetzungen für die Sekundarstufe I finden sich Parallelen sowohl zu den Kompetenzen des GPJE-Modells wie zu denjenigen der Fachgruppe Sozialwissenschaften (siehe oben). Die klassische Einteilung in Sach-, Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz weisen de Haan et al., (2007, S. 9) zu Recht als zu domänen-unspezifisch und zudem als „irreführend“ zurück, weil kein Anwendungs-Kontext von Kompetenzen auf seine wissensbezogenen, methodischen oder sozialen Anteile reduziert werden kann. Dies entspricht der konsensuellen Auffassung, dass jede Kompetenz stets das Zusammenspiel von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften beschreibt.

Gleichzeitig aber werden die Teilkompetenzen des BLK-Programms doch zu den klassischen Kompetenzen in Bezug gesetzt. Dadurch erscheinen die Analyse- und Handlungskompetenz („interaktive Anwendung von Tools“) nicht deutlich genug als je eigenständige Dimension. Die genuin politikwissenschaftlichen und soziologischen Instrumentarien zur Gesellschafts-Analyse und Beurteilung bleiben – absichtsgemäß – Nebensache. Diese müssten jedoch in einem politikdidaktischen Stufenmodell ausgestaltet werden.

Die Stärke des Modells liegt darin, eine je eigenständige Selbstkompetenz und Interaktions- bzw. Konfliktlösungskompetenz auszuweisen. Erstens wird so die identitätsprägende Seite der politischen Urteilsbildung einbezogen. Zweitens weicht die Tendenz zum nahräumlich-demokratischen und politikfernen Harmonismus, die das BLK-Programm anfänglich auszeichnete, einer konsequenteren Orientierung am Ziel Konfliktlösung.

Eine Stufung der Teilkompetenzen ist nicht vorgesehen und so bleibt unklar, in welchen individuellen Ausprägungen sich diese entwickeln können. Somit können keine Aussagen darüber gemacht werden, von welchen (un)demokratischen Alltagsvorstellungen ausgehend ein Lernprozess in Richtung Demokratiekompetenz beschritten werden kann. Allerdings lassen sich die vier Zielsetzungen (1.1-1.4 usw.) der drei (Teil-)Kompetenzen teilweise als Stufen rekonstruieren: Sie beginnen mit der eher nahräumlichen, personenbezogenen Aneignung von Wissen, der Entwicklung von Interessen und Übernahme fremder Perspektiven (Demokratie als Lebensform), um schließlich in öffentliches Handeln, Selbstreflexion „im größeren Kontext“ und gelebte Verantwortung zu münden (Demokratie als Gesellschafts- und Herrschaftsform).

In einer früheren Veröffentlichung erfahren wir, dass der demokratiepädagogische Bildungsgang sich an Piagets Stufenmodell anlehnt, also ein Entwicklungsmodell darstellt. Danach durchlaufen Lernende zwei unterschiedlich komplexe Deutungsräume, zunächst die Familie und Kita- bzw. Schul-Polis und dann das politische System in einer Spiralbewegung (vgl. Breit & Eckensberger, 2004):

Im interpersonalen (zwischenmenschlichen) Raum können Lernende bereits bestimmte Teilkompetenzen der drei Demokratie-Kompetenzen erwerben, die ihnen ein autonomes Handeln innerhalb dieses Kontextes ermöglichen. Autonomie bedeutet in diesem Zusammenhang ein souveränes Urteil abgeben zu können, das auf gegenseitiger, normorientierter Achtung basiert. Der Übergang zum transpersonalen (überpersönlichen, institutionellen) Raum wirft Lernende jedoch wieder auf ein heteronomes (abhängiges, unselbstständiges) Stadium zurück, weil die im interpersonalen Raum gewonnenen Erkenntnisse zunächst nicht angemessen auf die Makroebene der gesellschaftlichen Institutionen angewendet werden können. Dies kann zur unflexiblen Fixierung auf bestehende Machtverhältnisse und Systemstrukturen verführen. Erst wenn diese Strukturen kognitiv soweit durchdrungen sind, dass sie von einer demokratisch-prinzipiellen Warte aus betrachtet werden können, lässt sich von einer transpersonal-autonomen Urteilskompetenz sprechen, die das im Modell angestrebte Ziel „kritische Systemloyalität“ ermöglicht.

Diese Graduierung stellt eine sinnvolle Basis für politische Stufenmodelle dar, weil sie Übergänge von mikropolitischer Erfahrung zu systemorientierter Reflexion kennzeichnet. Deutungsräume sind daher ein zentraler Bestandteil unseres inklusiven Modells, verbunden mit einer politikdidaktischen Schärfung der Kompetenzen.

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8. Literaturverzeichnis

8.1 Literatur außer Stufenmodell

  • Abs, H. J./Diedrich, M./ Klieme, E. (2004): Evaluation des BLK-Modellprogramms „Demokratie lernen und leben“. Erster Bericht über die Ergebnisse der Eingangserhebung 2003. Frankfurt am Main: Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Online unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2011/1902/pdf/Klieme_Eckhard_Evaluation_des_BLK_Modellprogramms_Eingangserhebung_D_A.pdf
  • Asal, K. & Burth, H.-P. (2016). Schülervorstellungen zur Politik in der Grundschule. Lebensweltliche Rahmenbedingungen, politische Inhalte und didaktische Relevanz. Eine theoriegeleitete empirische Studie. Budrich UniPress.
  • Autorengruppe Fachdidaktik (Hrsg.). (2011). Konzepte der politischen Bildung. Eine Streitschrift. Wochenschau Verlag.
  • Autorengruppe Fachdidaktik. (2026). Was ist gute politische Bildung. Leitfaden für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. Aktualisierte Auflage. Wochenschau Verlag.
  • Barber, B. (1994). Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen. Rotbuch.
  • Barsch, S. (2022). Inklusives historisch-politisches Lernen am Beispiel „Geteiltes Deutschland“. In: Jöhnck, J./Baumann, S. (Hrsg.). Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Grundlagen und Praxisbeispiele für Förderschule und Inklusion (S. 244–259). Frankfurt/M.: Wochenschau.
  • Baumann, S. / Bernasconi, T. (2022). Politisches und demokratisches Lernen von Schüler_innen mit komplexer Behinderung. In: Jöhnck, J./Baumann, S. (Hrsg.). Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Grundlagen und Praxisbeispiele für Förderschule und Inklusion (S. 125–141). Frankfurt/M.: Wochenschau.
  • Baumgardt, I. & Lange, D. (Hrsg.). (2022). Young Citizens. Handbuch politische Bildung in der Grundschule. Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Beck, U. (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp.
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Weiterführende Fachliteratur:

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  • Petrik, A. (i. V.). Regiebuch zur Dorfgründungssimulation. Wochenschau.
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  • Weißeno, G., Detjen, J., Juchler, I., Massing, P. & Richter, D. (2010). Konzepte der Politik. Ein Kompetenzmodell. Wochenschau.
  • Wiesendahl, E. (1981). Moderne Demokratietheorie. Eine Einführung in ihre Grundlagen, Spielarten und Kontroversen. Diesterweg.
  • Wimmer, H. (1996). Evolution der Politik. Von der Stammesgesellschaft zur modernen Demokratie. Mit einem Vorwort von A. Rapoport. WUV.

8.2 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Wir“

  • Halbert, F. (2025). Farbenfroh und kontrovers. Wie Kinder zwischen drei und sechs Jahren politische Konflikte lösen, in: Didaktischer Koffer. Online: https://www.zsb.uni-halle.de/download/didaktischer-koffer/
  • Jahr, D. (2022). Die Politik der Schulklasse. Dokumentarische Videoanalysen unterrichtlicher Praktiken zwischen Integration und Destruktion. Springer VS.
  • Petrik, Andreas (2013). Der genetische Ansatz. In: C. Deichmann & C. K. Tischner (Hrsg.), Handbuch Dimensionen und Ansätze in der politischen Bildung (S. 37–56). Wochenschau.
  • Petrik, Andreas (i. V.). Regiebuch zur Dorfgründungssimulation. Wochenschau.

8.3 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Fälle“

  • Autorengruppe Fachdidaktik. (2026). Was ist gute politische Bildung. Leitfaden für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. Aktualisierte Auflage. Wochenschau Verlag.
  • Dondl, J. (2013). Politik-Lernen in der Grundschule. Überlegungen zur politischen Bildung anhand einer Studie zu demokratieorientierten Vorstellungen von Viertklässlern. Bad Heilbrunn.
  • Fischer, C. (2022). Politisches Lernen im inklusiven Unterricht. Reflexion am Beispiel einer Unterrichtsreihe zum Thema „Antisemitismus“. In: J. Jöhnck & S. Baumann (Hrsg), Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (S. 218–243), Wochenschau.
  • Petrik, A. (2013). Von den Schwierigkeiten, ein politischer Mensch zu werden. Konzept und Praxis einer genetischen Politikdidaktik. Studien zur Bildungsgangforschung, Bd. 13. 2., erweiterte u. aktualisierte Aufl. Budrich.
  • Reinhardt, S. (2022). Politik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Cornelsen.
  • Fall Klaus: Sperling, K. (2002). Jugendkriminalität – eine Fallstudie. Eine Unterrichtsreihe für 9. Klassen im Fach Sozialkunde. In: Didaktischer Koffer, online unter: https://didaktik.politik.uni-halle.de/didaktischer-koffer/unterrichtsreihen/reihe03/
  • Fall Christian: Reinhardt, S. (2021). Die Fallstudie als Konkretion des Fallprinzips und als handlungsorientierte Methode (am Beispiel des Falles „Christian“). In: Didaktischer Koffer, online unter: https://didaktik.politik.uni-halle.de/didaktischer-koffer/unterrichtsreihen/reihe08/

8.4 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Konflikte“

  • Becher, A.; Gläser, E. & N. Kallweit (2025): Krieg und Frieden im Kontext von Sachunterricht und seiner Didaktik. In: C. Schomaker, M. Peschel & T. Goll (Hrsg.), Mit Sachunterricht Zukunft gestalten?! Herausforderungen und Potenziale im Kontext von Komplexität und Ungewissheit. Julius Klinkhardt, S. 157–169.
  • Dondl, J. (2013). Politik-Lernen in der Grundschule. Überlegungen zur politischen Bildung anhand einer Studie zu demokratieorientierten Vorstellungen von Viertklässlern. Bad Heilbrunn.
  • Moegling, K. / Peter, H. (2001): Didaktische Modelle und Unterrichtsversuche nachhaltigen Lernens in der Schule. In: Moegling, K. / Peter, H. (Hrsg.): Nachhaltiges Lernen in der politischen Bildung. Lernen für die Gesellschaft der Zukunft. Opladen: Leske + Budrich, S. 101–153.
  • Kaiser, A. & C. Röhner (Hrsg.). (2009). Sachunterricht. Kompetent im Unterricht der Grundschule. Schneider Verlag Hohengehren.
  • Petrik, Andreas (2006): Schwimmbad oder Einkaufszentrum? Schüler simulieren einen lokalpolitischen Entscheidungsprozess. Praxis Politik 4/2006, S. 14–19.
  • Poschmann, J. & E. Gläser (2024): Kindernachrichten und Politische Bildung. Ein Studienprojekt für Sachunterrichtsstudierende. In: A. Becher, E. Gläser & N. Kallweit (Hrsg.), Politische Bildung im Sachunterricht. Potenziale – Positionen – Perspektiven. Julius Klinckhardt. S. 171–179.

Weitere Literaturhinweise für das Stufenmodell „Konflikte“

  • Kallweit, N. (2019): Kindliches Erleben von Krieg und Frieden. Eine phänomenografische Untersuchung im politischen Lernen des Sachunterrichts. Wiesbaden: Springer Spektrum.
  • Kallweit, N. (2023): Ich packe vorsichtshalber meinen Koffer. In: Die Grundschule Zeitschrift, N. 342.
  • Becher, Andrea (2007): Die (un-)bekannte Stadt vor der Haustür. Erfahrungsbericht über einen Stadtrundgang andere Art in einer 4. Klasse. In: Grundschulmagazin 3/ 2007, S. 27–32.
  • Becher A, Grewe C. Stolpersteine Osnabrück. Projektmaterial für Grundschule und Sekundarstufe I. Büro für Friedenskultur der Stadt Osnabrück; 2021.
  • Becher, A. (2023): Kinderbücher zu Holocaust und Nationalsozialismus. Kriterien zur Einordnung und Auswahl sowie Buch- und Filmempfehlungen. In: Magazin – Rezensionen – Online-Extra zum Themenheft Grundschule Sachunterricht 99/2023, 1–9; Friedrich Verlag. https://www.friedrich-verlag.de/shop/mwdownloads/download/link/id/109859 [08.2024].
  • Otten, M./ Becher, A. (2023). (Über-)Leben im Nationalsozialismus (Themenheft Zeitschrift „Grundschule Sachunterricht“)
  • Schwieger, F. (2023): Kinder unterm Hakenkreuz. dtv.
  • Mistral, L. (2007): Rahel lebt in Israel, Nasser im Westjordanland. Knesebeck.
  • Eduard, Altarriba (2022): Was ist Krieg?. Beltz.
  • Letria, J. J./Letria, A. (2022): Der Krieg. Midas Kinderbuch.
  • Romanyschyn, R./ Lessiw, A. (2022): Als der Krieg nach Rondo kam. Gerstenberg Verlag.
  • Wendt, I. / Boratynski, A. (1993): Der Krieg und sein Bruder. Patmos.
  • Themenheft „Krieg und Frieden“, Sachunterricht Weltwissen 2023: https://www.westermann.de/artikel/23702301/Sachunterricht-Weltwissen-Krieg-und-Frieden-Eine-fachliche-Herausforderung-fuer-Lehrkraefte

8.5 Literatur und Materialien zum Stufenmodell „Probleme“

Kaiser, A. & C. Röhner (Hrsg.). (2009). Sachunterricht. Kompetent im Unterricht der Grundschule. Schneider Verlag Hohengehren.

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Abbildungen:

Portrait von Rosa Luxemburg. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/Rosa_Luxemburg.jpg
Bild Jugendliche: Ortrun Lenz from Pixabay